»Ich muss mich entschuldigen, Madam. Mein Name ist Ben-jamin Weaver, und ich bin beauftragt worden, die Angelegenheiten Ihres Gatten daraufhin zu untersuchen, ob ihm vor seinem Tod möglicherweise jemand Geld geschuldet hat.«
Dies war ein grausamer Trick, und ich wusste es, aber es gab so wenig, was ich tun konnte, um dieser armen Mrs. Pepper zu helfen, und so viel, was ich noch tun musste, um denjenigen zu helfen, die von meinen Bemühungen abhingen. Und außerdem war es vielleicht weniger eine Grausamkeit denn ein Gefallen, den ich ihr tat, indem ich ihr ein wenig Hoffnung machte.
»Geld? Von wem? Wie viel?«
Ich machte eine Geste der Ratlosigkeit, als wolle ich damit andeuten, dass Machtlosen wie ihr und mir die Gedanken und Wege der Mächtigen stets verschlossen bleiben würden. »Ich kann Ihnen leider nicht sagen, wie viel es ist, und auch nicht genau, von wem. Ich stehe in Diensten einer Gruppe Männer, die ihr Geld in Projekten anlegen, und man hat mich ersucht, Nachforschungen betreffs Mr. Peppers Angelegenheiten anzustellen. Darüber hinaus weiß ich nicht mehr.«
»Nun ja«, sagte sie nachdenklich, »es hat ihn immer noch etwas anderes umgetrieben als die Seidenweberei. Er hatte immer Geld in den Taschen, was man von den übrigen Seidenwebern nicht behaupten konnte. Und ich sollte mich ja hüten, Hale oder den anderen gegenüber ein Wort darüber zu verlieren, denn die durften nichts davon wissen. Das hätte sie nur neidisch auf Absalom gemacht, schon weil er so klug und auch so schön war.«
»Und was war es, was ihn außer der Arbeit am Webstuhl noch so umtrieb?«
Sie schüttelte den Kopf. »Das hat er mir nie gesagt. Er meinte, ich solle mich nicht mit so trockenen Dingen belasten. Aber er hat geschworen, dass wir eines nicht so fernen Tages reich sein würden. Und dann sein tragischer Tod im Fluss. Es war grausam von ihm, mich so ohne einen Penny einsam und allein zurückzulassen.«
Sie senkte kummervoll den Kopf und entblößte damit noch mehr von ihrem kaum verhüllten Busen. Mir entging keineswegs, was sie damit beabsichtigte, aber ich war fest entschlossen, so zu tun, als hätte ich es nicht bemerkt. Sie war eine schöne Frau, der das Leben übel mitgespielt hatte, und ich durfte mich nicht so erniedrigen, dass ich ihr Elend zu meinem Vorteil ausnutzte. Versucht war ich, aber ich hätte es nie über mich gebracht.
»Das ist jetzt sehr wichtig«, betonte ich. »Hat Mr. Pepper Ihnen irgendwas über seine Pläne gesagt? Hat er Namen erwähnt, Orte, irgendetwas, was mir helfen könnte herauszufinden, woran er gearbeitet hat?«
»Nein, nie.« Sie saß einen Moment lang still da, dann sah sie mich durchdringend an. »Wollen Sie etwa seine Ideen stehlen, das, was er in seinen Büchern aufgeschrieben hat?«
Ich belächelte ihre Frage, als sei sie die abwegigste Vorstellung auf der Welt. »Mir ist nicht daran gelegen, etwas zu stehlen, Madam. Und ich verspreche Ihnen bei meiner Ehre, dass ich dafür sorgen werden, dass Sie Ihren Anteil bekommen, falls Ihr Gatte auf etwas Wichtiges gestoßen ist. Es ist nicht meine Aufgabe, Ihnen etwas wegzunehmen, nur, etwas in Erfahrung zu bringen, und, wenn es möglich ist, Ihrer Familie etwas zurückzuerstatten, was ihr entgangen sein könnte.«
Meine Worte schienen ihre Zweifel zu zerstreuen, und zwar so gründlich, dass sie sogar aufstand und mir mit einer freundlichen Geste, die ich von einer Frau, zu der die Welt alles andere als freundlich gewesen war, nie erwartet hätte, die Hand auf die Schulter legte. Sie sah mich auf eine Weise an, die keinen Zweifel daran zuließ, dass sie von mir geküsst werden wollte. Ich gebe zu, geschmeichelt gewesen zu sein, was einzig und allein ihrem Charme zuzuschreiben war, denn warum, werden sich meine geneigten Leser fragen, sollte ich mich geschmeichelt fühlen, wenn eine Hure, der ich bereits Geld gegeben und der gegenüber ich eine vage Andeutung eines mög-licherweise auf sie wartenden Vermögens gemacht hatte, mir ihre Bereitschaft bekundet? Dennoch begann meine ursprüngliche Entschlossenheit abzubröckeln, und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, was hätte geschehen können, wenn nicht etwas ganz und gar Unerwartetes eingetreten wäre.
Die Witwe Pepper wollte mit den Fingern mein Gesicht berühren, aber ich gab ihr mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie damit aufhören solle und führte dann meinerseits den Finger an die Lippen, um ihr zu bedeuten, ganz still zu sein. So leise wie möglich schlich ich mich zu ihrer Kammertür. Leider hatte Mrs. Pepper sie hinter mir verschlossen, so dass dem Überraschungsmoment wertvolle Sekunden verloren gingen, aber das ließ sich nun nicht mehr ändern. Also drehte ich schnell den Schlüssel im Schloss herum und riss die Tür auf.
Wie ich befürchtet hatte, war demjenigen, der draußen gelauscht hatte, die Bewegung hinter der Tür früher aufgefallen, als mir lieb war, aber ich sah immerhin noch, wie ein Mann die Treppe mehr hinunterstürzte als lief, und machte mich sogleich an die Verfolgung. Der Lauscher schien flinker zu sein als ich, denn ich brauchte die Stufen hinunter länger als er, und als ich unten ankam, war er bereits zur Tür hinaus und auf der Straße.
Aber ich war ihm hart auf den Fersen, und als ich aus dem Haus kam, sah ich ihn den Tower Hill Pass auf East Smithfield zurennen. Er war ein guter Läufer, aber ohne die hinderlichen Treppenstufen hoffte ich zumindest mit seinem Tempo mithalten zu können, und auf meine Ausdauer konnte ich mich verlassen. Wer einmal im Ring gekämpft hat, weiß seine Kräfte zu mobilisieren, auch wenn er nicht mehr ganz so in Form ist wie früher. Selbst wenn es mir nicht gelang, ihn einzuholen, sagte ich mir, würde ich ihn verfolgen, bis seine Kräfte nachließen.
Es erwies sich, dass die Geschicklichkeit, die er auf der Treppe gezeigt hatte, dem Dunkel der Straßen nicht standhielt - er rutschte in einer matschigen Pfütze aus und fiel hin, aber so schnell, wie er am Boden gelandet war, war er mit der Be-händigkeit eines italienischen Artisten auch schon wieder auf den Beinen und verschwand blitzschnell in einer der finsteren Gassen, für die St. Giles zu Recht so berüchtigt ist. Die Gassen stellen ein lichtloses Labyrinth dar, und wer sich darin nicht auskennt, kann sicher sein, sich über kurz oder lang zu verirren. Aber dazu kam es bei mir gar nicht erst, denn ich verlor meinen Mann aus den Augen. Als ich um die erste Ecke herumkam, hörte ich nur noch das sich entfernende Geräusch seiner Stiefel, konnte aber nicht mehr ausmachen, woher es kam.
Ich musste die Verfolgung aufgeben. Es ärgert einen immer, wenn man versagt, aber ich tröstete mich damit, dass ich unter Umständen gar nicht viel gegen ihn ausgerichtet hätte. Als er vor mir in die Pfütze fiel, konnte ich mir binnen des Bruchteils einer Sekunde ein Bild von ihm machen. Er war nicht nur atemberaubend flink, sondern auch größer und mit hoher Wahrscheinlichkeit stärker als ich. Eine weitere Verfolgung hätte wohl für mich übel geendet - denn ich glaubte, ihn erkannt zu haben, obwohl ich gezögert hätte, seine Identität vor Gericht zu beschwören. Bei dem Mann, der vor Mrs. Peppers Tür gehockt hatte, um mich - oder vielleicht auch sie - auszuspionieren, konnte es sich, dessen war ich mir fast sicher, nur um den Inder Aadil handeln. Er verfolgte mich also immer noch und behielt mich im Auge, und ich wusste nicht, wie lange ich noch den Anschein aufrechterhalten könnte, dass ich nichts davon ahnte.
Nach Edgars mahnenden Worten war ich keineswegs erpicht darauf, dem Craven House noch einen weiteren Tag fernzubleiben, aber ich glaubte, nun kurz vor einer Erkenntnis zu stehen und wollte die Spur weiterverfolgen. Daher ließ ich Mr. Ellershaw am nächsten Morgen noch eine weitere Nachricht zukommen, in der ich ihm mitteilte, meine Tante bräuchte meine Hilfe und ich würde später zur Arbeit erscheinen. Wenn er weitere Fragen hätte, solle er sich unmittelbar an meinen Arzt wenden. Sodann schrieb ich Elias, um ihn über die Lügen ins Bild zu setzen, zu denen ich gegriffen hatte und es ihm zu überlassen, alles zu richten. Danach nahm ich die Kutsche nach Twickenham, um Mr. Peppers erster Witwe noch einen weiteren Besuch abzustatten.