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»Nein. Warum sollte ich?«

Vielleicht aus Neugier, dachte ich. Würde sie sich noch so deutlich den Ort dieser Zusammenkünfte erinnern, wenn diese ganz ohne Bedeutung für sie gewesen wären? Aber ich hütete meine Zunge, denn ich hatte nichts zu gewinnen, wenn ich durchblicken ließ, dass ich tiefer in ihr Herz schaute, als sie es zulassen wollte. Es wäre meinen Zwecken nicht dienlich, wenn sie merkte, dass ich ahnte, dass sie auf irgendeine sonderbare Weise eifersüchtig auf diesen Mr. Teaser gewesen war.

Weitere Fragen brachten nur zum Vorschein, dass Mrs. Pep-per mir sonst nichts zu sagen wusste, also bedankte ich mich dafür, dass sie mir ihre Zeit geopfert hatte.

»Und was ist denn nun mit meiner Apanage?«, wollte sie wissen. »Ist sie gesichert?«

Da ich annahm, dass Mrs. Pepper mir möglicherweise doch noch eine Quelle nützlicher Informationen sein könnte und ich diese nicht zum Versiegen bringen wollte, beschränkte ich mich auf die vage Andeutung, ich wolle alles in meiner Macht Stehende tun. Dann verabschiedete ich mich mit einer Verbeugung.

Sichtlich verzagt biss sie sich auf die Lippe. »Wenn ich Ihnen nun etwas zeige, was Ihnen als Beweis für meine Bereit-willigkeit, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, dient«, schlug sie vor, »werden Sie mir dann helfen?«

»Selbstverständlich«, sagte ich - scheinheilig, wie ich zugeben muss, aber ich versuchte, nicht darüber nachzudenken. Ich wusste nicht, zu welchem Zwecke die East India Company dieser Dame eine Pension zahlte, aber wenn ich dahinterkam, würde diese Quelle wohl wirklich versiegen. Kurz gesagt - ich unternahm alle Anstrengungen, diese Frau dazu zu bewegen, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln.

Sie bat mich zu warten und verschwand für einen Augenblick. Dann kam sie mit einem dünnen, in Kalbsleder gebundenen Quartband zurück, den sie an die Brust gedrückt hielt, so dass mir der geschwungene, andersfarbige Schnörkel auffiel, der sich quer über den Buchdeckel zog.

»Zu den Eigenarten meines Mannes, des verstorbenen Mr. Pepper, gehörte, dass er stets betonte, seine Aufzeichnungen wären sein Vermächtnis. Das hat er mir jedenfalls wiederholt eingeschärft. Er wollte immer seine Gedanken niederschreiben, möglichst noch in dem Moment, in dem sie ihm kamen, damit sie ihm nicht etwa im nächsten Augenblick schon wieder entfielen und er sie dann nicht mehr zusammenbrächte. Er war der Meinung, mehr wichtige Erkenntnisse vergessen zu haben, als einer Armee von Männern in ihrem ganzen Leben je gekommen wären. Also trug er ständig Hefte mit sich herum und machte sich unablässig Notizen.

Viele dieser Bände, glaubte er, enthielten wichtige Geistesblitze, viele andere wiederum nichts von Bedeutung. Als die Leute von der Gilde wegen seiner Aufzeichnungen kamen, sagten sie, sie wollten sie alle haben, aber ich habe doch etwas zurückbehalten. Nur diesen einen Band, und den auch nur, weil er mir gesagt hatte, es wäre ein Heft voller falscher Anfänge, törichter Ideen. Es ist ein Buch, von dem er mir einmal gesagt hat, er würde ihm keine Träne nachweinen, wenn er es verlöre. Ich habe speziell dieses eine Heft wegen der fehler-haften Zeichnung des Einbandleders zurückbehalten. Sieht sie nicht fast aus wie ein P - für Pepper? Auf jeden Fall wollte ich es nicht hergeben.«

Ich streckte ihr die Hand entgegen. Sie zögerte, aber dann überreichte sie mir das Büchlein. Seite um Seite war mit verkrampften, fliehenden Lettern vollgekritzelt - so klein, dass ich es kaum lesen konnte. Die Buchstaben verliefen ineinander, und ich bekam Kopfschmerzen bei dem Versuch, den Text zu entziffern. Zwischen den Zeilen waren, wie Hale es bereits angedeutet hatte, Skizzen eingefügt, die scheinbar das Handwerkszeug und das Material eines Seidenwebers darstellen sollten.

Pepper hatte dem Buch keinen Wert beigemessen, aber ich war mir da nicht so sicher. »Darf ich das mitnehmen? Ich verspreche, es Ihnen zurückzuerstatten.«

Sie wand sich, aber dann gewährte sie mir die Bitte mit einem Kopfnicken.

Da ich glaubte, nun wirklich nichts weiter erreichen zu können, verabschiedete ich mich noch einmal von ihr, wobei ich ihr versicherte, mich mit besonderer Sorgfalt um ihren Fall zu bemühen. Dann begab ich mich zu dem Haltepunkt für die Kutsche. Ich musste länger warten, als mir recht war, und es begann bereits zu dunkeln, als ich in die Stadt zurückkam. Aber ich befand mich wieder auf vertrautem Terrain, und während ich meiner Wohnung am Duke's Place zustrebte, senkten sich schon die ersten Schatten der Nacht über die Straßen.

Ich war den ganzen Tag unterwegs gewesen und erwog, noch etwas zu essen, bevor ich mich zu Bett legte, aber ich war hundemüde, und falls meine Vermieterin kein leichtes Abendmahl für mich bereithielt, würde ich mich mit einem Stück Käse und Brot in meinem Zimmer begnügen, anstatt mir in einem Wirtshaus kaltes Fleisch mit Erbsen servieren zu lassen.

Ich hatte fast das Haus, in dem ich wohnte, erreicht, als ich eine raue Hand auf meiner Schulter spürte. Als ich mich um-drehte, überraschte es mich nicht, den treuen Edgar mit einem spöttischen Grinsen im Gesicht vor mir zu sehen.

»Sind wir Ihnen doch dahintergekommen, Weaver.« Er presste in seiner Erpelmanier die wulstigen Lippen zusammen. »Sie wollten sich wohl unter dem Vorwand, Ihr Onkel wäre gestorben, davonstehlen, aber wir sind nicht so dumm, wie Sie denken. Glauben Sie, Mr. Cobb würde es nicht merken, wenn Sie ein doppeltes Spiel treiben?«

»Von was für einem doppelten Spiel redest du da, du Halunke?« Ich versuchte, entrüstet zu klingen, aber ich fragte mich gleichzeitig, hinter welchen meiner Winkelzüge sie gekommen sein mochten.

Er lachte, aber nicht aus Wohlgefallen, sondern voller Häme. »Es ist eine Sache zu glauben, Sie könnten uns an der Nase herumführen, aber eine andere, so zu tun, als wüssten Sie von nichts, wenn man Ihnen dahinterkommt. Für Sie gibt es nichts mehr zu gewinnen, also können Sie auch gleich alles zugeben, aber schnell, wenn Sie noch größeres Unheil von Ihren Freunden abwenden wollen.«

»Zugeben? Was soll ich zugeben?«

»Mr. Cobb ist großzügig mit Ihnen verfahren, viel zu großzügig, wenn Sie mich fragen. Ihnen ist gesagt worden, dass Sie uns nicht hintergehen dürfen, und dass Ihre Freunde darunter zu leiden hätten, wenn Sie sich weigern, sich uns gegenüber wie ein Gentleman zu verhalten. Aber dann wurde nur allzu deutlich, dass Sie unsere Warnung nicht ernst zu nehmen schienen, solange wir nicht ein Zeichen unserer Entschlossenheit setzen, also hat Mr. Cobb beschlossen, Ihnen zu beweisen, dass er durchaus meint, was er sagt.«

Ohne erst zu überlegen, griff ich den salbungsvoll daherredenden Burschen bei seinem Binder und drehte daran, bis er puterrot anlief - soweit das in der Dunkelheit zu erkennen war. »Was habt ihr angestellt?«, herrschte ich ihn an, aber dann ging mir auf, dass er ja gar nicht antworten konnte, so-lange ich ihn im Würgegriff hielt. Also ließ ich ihn widerwillig los. Er sank sogleich hintenüber.

»Was habt ihr angestellt?«, wiederholte ich meine Frage und versetzte ihm einen Tritt, damit er merkte, dass es auch mir bitterer Ernst war.

»Es geht um Ihren Freund Franco«, sagte er und fuchtelte dabei theatralisch mit den Armen. »Wir haben ihn abholen lassen. Und wenn Sie nicht langsam anfangen, unseren Befehlen Folge zu leisten, wird er nicht der Letzte sein.«

22

Meine geneigten Leser können sich das Entsetzen vorstellen, das ich augenblicklich empfand. Moses Franco, ein Mann, der mir am Herzen lag, der mir nie etwas Böses angetan, es immer nur gut mit mir gemeint hatte, saß jetzt in einem dunklen Verlies, und das hatte er mir zu verdanken. Aber ich sagte mir, dass ich die Schuld nicht bei mir suchen durfte. Schließlich steckten Cobb und sein niederträchtiger Schoßhund Hammond hinter alledem. Ich hätte Mr. Franco nie etwas Schlechtes gewünscht. Dennoch war ich nicht ganz überzeugt, ob ich es mir damit nicht zu einfach machte. War ich bei meinen Nachforschungen zu weit gegangen? Hätte ich denen, die sich unerwünschterweise an meine Fersen hefteten, von meinen Ergebnissen berichten sollen? Hatte ich versucht, zu vielen Herren gleichzeitig zu dienen und in allererster Linie mir selber? Mr. Franco war es jedenfalls, der jetzt den Preis dafür bezahlen musste.