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Ich hätte mich am liebsten sofort zum Gefängnis in der Fleet Street begeben, aber es war schon spät, und ich wollte Mr. Franco nicht in der Nachtruhe stören, die er dort gefunden haben mochte. Stattdessen verbrachte ich selber eine ruhelose Nacht und brach früh am nächsten Morgen auf, um meine Peiniger zur Rede zu stellen. Da es Sonntag war, wurde ich nicht im Craven House erwartet und konnte mir die Muße erlauben, einen Tag lang so zu tun, als diene ich nicht der East In-dia Company.

Um acht Uhr stand ich vor Cobbs Haus. Es war eigentlich noch zu früh für einen Besuch, aber ich scherte mich nicht um die Morgenruhe in diesem Haus. Mir lag sogar ausgesprochen viel daran, seine Bewohner früh aus dem Bett zu holen, vor allem, ehe sie zum Gottesdienst aufbrachen - vorausgesetzt natürlich, dass diese Leute, die sich sechseinhalb Tage in der Woche alle nur erdenklichen Schurkereien ersonnen, meinten, dies ließe sich mit ein paar Stunden heuchlerischer Bußfertigkeit wiedergutmachen.

Es überraschte mich, dass ich nur einmal an der Kordel der Glocke ziehen musste, und mir sogleich von einem bereits in seine Livree gekleideten und alles andere als verschlafen wirkenden Edgar geöffnet wurde. »Weaver«, begrüßte er mich, »wie kommt es, dass es mich nicht erstaunt, Sie zu sehen?«

Ich schob mich an ihm vorbei, und er schnaubte verächtlich durch die Nase angesichts meiner Grobheit. Er begriff wohl nicht, dass allein schon die scheußliche Tatsache, dass er lebte, dass er auf der selben Erde wandelte wie schöne Frauen, lachende Kinder und springlebendige hüpfende Welpen mir Grund genug war, ihn so zu hassen, dass ich ihn lieber geschlagen hätte anstatt ihn nur beiseitezustoßen. Und dabei hätte ich es nicht mit ein paar Fausthieben bewenden lassen. Nein, hätte ich mich nur eine Sekunde länger in der Eingangshalle aufhalten müssen, wäre ich ihm mit aller Kraft auf den Fuß getreten, hätte ihm den Ellenbogen in die Nase gerammt, bis sie nicht mehr zu bluten aufhörte, und ihn mit dem Knie seiner Männlichkeit beraubt. Und wer weiß, was ich ihm noch alles angetan hätte.

Ich folgte dem Geräusch von Silberbesteck, das klingend gegen Porzellan stieß und betrat einen bescheidenen, intimen Speiseraum, der viel kleiner war als der Saal, in dem Eller-shaw zu speisen pflegte. Aber ich nahm an, dass Cobb durchaus auch über ein solches Gewölbe verfügte, in dem er den feinen Herrn spielen konnte. Ja, man konnte diesen Raum trotz des in dunklem Blau und Braun gehaltenen Teppichs, der fast schwarzen Möbel und der in einem solch düsteren Grün getünchten Wände, dass man dabei an eine wolkenverhangene, mondlose Nacht denken musste, als gemütlich bezeichnen. Durch die hohen Fenster fielen lange, schmale Lichtstreifen herein, die den Eindruck erweckten, das Zimmer wäre von Spinnweben durchzogen.

Cobb und Hammond hockten denn auch wie zwei fette Spinnen einander gegenüber an jeweils einem Ende eines rechteckigen Tisches, der jedoch nicht so lang war, als dass dies einer Unterhaltung hinderlich gewesen wäre. Vor sich auf dem Tisch hatten sie so viel Brot, gebratene Pilze und Gebäck, dass es für zehn gereicht haben würde. Und während ich in der Tür stand und ins blendende Sonnenlicht blinzelte, schwirrten Bedienstete um sie herum und füllten ihre Teller mit allen erdenklichen Sorten von Schweinefleisch: Speck, Würste, so dünn geschnittene Schinkenscheiben, dass man beinahe durch sie hindurchsehen konnte und deren Fettrand im Kerzenschimmer glänzte. Obwohl ich in jüngster Zeit bemüht war, nur koschere Speisen zu mir zu nehmen, ist das nicht immer so gewesen, doch seit ich am Duke's Place mit seinen verschiedenen jüdisch geführten Speiselokalen lebte, war mir der Geruch von Schweinefleisch zuwider geworden. Aber das war es nicht, was mich mit solcher Abscheu erfüllte, sondern die Verfressenheit, mit der die beiden tafelten. Wenn man zusah, wie sie sich das Fleisch in die Münder stopften, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie am liebsten kleine Ferkel von den Zitzen ihrer Muttersau gerissen hätten, um sie bei lebendigem Leibe zu verschlingen.

Cobb wandte mir den Blick zu, nickte und spülte dann das, was er gerade im Mund hatte, mit einem kräftigen Schluck einer rötlich-gelben Flüssigkeit hinunter, die in einem übergroßen Kristallkelch schwappte. Ich hielt das Getränk für einen verdünnten Reisbranntwein. »Ah, Weaver«, sagte er, nach-dem er geschluckt und den Kelch abgestellt hatte. »Ihr Besuch kommt für uns nicht gänzlich überraschend. Soll der Junge ein Gedeck für Sie auflegen?«

»Wir wollen es doch nicht übertreiben«, sagte Hammond und fuhr von seinem Teller hoch, den er aufmerksam studiert zu haben schien. Er war etwas wählerischer als sein Onkel und schnitt seinen Schinken zumindest in mundgerechte Bissen zurecht, wobei allerdings einiges davon neben den Teller fiel. »Er hat kein Verlangen, mit uns zu speisen, und wir nicht mit ihm. Er soll da stehen bleiben, wenn er etwas zu sagen hat. Oder vielmehr soll er da stehen bleiben, damit er sich anhören kann, was wir ihm zu sagen haben.«

»Ich verlange, dass Mr. Franco aus der Haft entlassen wird«, sagte ich.

»Ich verstehe, wie Sie sich fühlen müssen, Mr. Weaver«, sagte Cobb. »Aber Sie müssen doch auch uns verstehen. Sie sind nicht sehr zuvorkommend uns gegenüber gewesen.«

»Und wir haben ihn auch noch dafür bezahlt. Das ist das Teuflischste daran«, meldete sich Hammond wieder zu Wort. »Es ist ja nicht so, dass wir ihn einfach dazu gezwungen hätten, unsere Wünsche zu erfüllen, nicht wahr, Onkel? Nein, er hat Geld bekommen, und das nicht zu knapp. Und bei der East India Company kassiert er auch noch ab. Doch nun besitzt er die Frechheit, uns Vorwürfe zu machen, weil wir ihn dafür bestrafen, dass er seine Pflichten vernachlässigt. Ich würde sagen, er hat Glück, dass nicht er im Karzer sitzt und darauf wartet, dass er am Fieber stirbt, ehe das Parlament irgendein dummes Amnestiegesetz erlässt.«

Cobb hüstelte sich verlegen in die Hand. »Sie müssen meine Lage begreifen, Mr. Weaver. Mr. Hammond übertreibt gern ein wenig, ich dagegen nicht. Doch hat jede Geduld einmal ihr Ende. Das werden Sie doch verstehen. Sie haben in ganz London Nachforschungen angestellt und sonst was in Erfahrung gebracht, aber uns haben Sie nicht eine Einzelheit mitgeteilt.

Und Sie haben einen meiner Verbindungsmänner verprügelt, und das kann ich auch nicht gutheißen.«

»Reden Sie von dem Mann, der versucht hat, meine Briefe zu stehlen?«

»Genau. Sie haben ihn übel zugerichtet, und das trage ich Ihnen sehr nach.«

»Woher hätte ich denn wissen sollen, dass er von Ihnen geschickt war und nicht von jemandem im Craven House?«, verteidigte ich mich, aber ich wusste, dass es nicht sehr überzeugend klang.

»Oh, das ist schwach«, fuhr Hammond dazwischen. »Äußerst schwach. Er benimmt sich wie ein Kind, das in der Speisekammer erwischt wird und behauptet, es wolle bloß eine Maus erschlagen.«

Cobb biss in eine Art Apfelgebäck und kaute nachdenklich. Nachdem er hinuntergeschluckt hatte, sah er mich so ernst an wie ein Schullehrer, der seinen Lieblingsschüler nur der Form halber ausschilt. »Ich würde mal sagen, dass Sie uns alles erzählen, was sie bisher herausgefunden haben, Mr. Weaver. Und von jetzt an wünsche ich, dass Sie uns regelmäßig Bericht erstatten. Ich möchte alles über Ihr Tun und Treiben im East In-dia House erfahren, ich möchte in sämtliche Einzelheiten Ihrer Nachforschungen eingeweiht werden, auch wenn diese kein Resultat hervorgebracht haben. Wenn Sie den Tag damit verbringen, einen Schneider auszufragen, von dem Sie glauben, er könne Ihnen etwas sagen, und dann feststellen, dass er doch nichts weiß, möchte ich seinen Namen und seine Adresse hören und auch das, was Sie von ihm zu erfahren hofften, und das, was er Ihnen tatsächlich hat sagen können. Ich hoffe, wir haben uns verstanden.«