Ich ballte die Faust und spürte, wie mir die Zornesröte ins Gesicht stieg, pflichtete ihm aber dennoch mit einem Kopfnicken bei. Da waren ja immer noch Elias und meine Tante. Und natürlich Mr. Franco, den ich bald wieder auf freiem Fuß zu sehen hoffte. Also folgte ich dem Rat meiner Tante, packte meine Wut und verschloss sie in einer Kammer, die ich eines Tages wieder öffnen würde - am Tag der Vergeltung.
»Ich fürchte, ich bin zu beschäftigt gewesen, um Ihnen regelmäßig Bericht erstatten zu können«, sagte ich entschuldigend, »aber wenn Sie ein Prinzip erarbeiten möchten, nach dem ich Ihnen regelmäßig zu Ihrer Zufriedenheit berichte, werde ich mich bemühen, diesem Prinzip treu zu bleiben. Und ich bin mir sicher, dass Sie Mr. Francos Freilassung bewirken werden, sowie Sie hören, was ich Ihnen bisher mitteilen kann.«
»Das glaube ich nicht«, mischte Hammond sich ein, um seinem Onkel keine Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben. »Das können wir nicht zulassen. Weaver hat sich unbotmäßig gezeigt, also bestrafen wir seinen Freund. Wenn wir diesen Freund nun frei lassen, weil Weaver alles wiedergutmachen will, hat er keinen Ansporn mehr, weiterhin ehrlich uns gegenüber zu sein. Dann kann er tun und lassen, was er will, und uns nur das Nötigste erzählen, während er uns weiter hinters Licht führt. Nein, ich muss darauf bestehen, dass Franco als Gemahnung daran, was auch den anderen blüht, wenn Wea-ver noch einmal schlauer als wir zu sein versucht, vorerst in Arrest bleibt.«
»Ich fürchte, da muss ich meinem Neffen recht geben«, sagte Cobb. »Ich bin Ihnen nicht böse, weil Sie versucht haben, uns zu hintergehen. Ich kann es sogar nachvollziehen. Ihnen gefällt Ihre Lage nicht, und wenn Sie versuchen, sich möglichst geschickt aus der Affäre zu ziehen, ist das vollkommen verständlich. Aber lassen Sie sich gesagt sein - auch wenn ich Ihnen nichts Böses zufügen will, werde ich doch dazu gezwungen sein, wenn mir keine andere Wahl bleibt. Nein, Mr. Weaver, Ihr Freund bleibt im Gefängnis, wenn auch nicht unbedingt bis an das Ende seiner Tage. Wir lassen eine Weile ins Land gehen, und wenn ich dann Grund zu der Annahme finde, dass Sie sich fair uns gegenüber gezeigt haben, werde ich seine Frei-lassung erwägen. Aber er muss lange genug dort bleiben, um seinen Aufenthalt beschwerlich zu machen. Sonst kommt es so, wie mein Neffe es gesagt hat und Sie werden nicht zögern, die Dinge in Ihrem Sinne anzugehen anstatt in unserem. So, und nun, Sir, muss ich Sie bitten, uns genauestens zu berichten, was Sie mit der Ihnen zur Verfügung gestandenen Zeit angefangen haben und was es war, was Sie uns nicht erzählen wollten. Mit anderen Worten - es interessiert mich brennend, was Sie für so wichtig gehalten haben, dass Sie es lieber vor uns verheimlichen, anstatt Ihre Freunde zu beschützen.«
»Mein Gott, hört auf, ihn so zu verhätscheln, Onkel«, blaffte Hammond dazwischen. »Die verdammte Aktionärsversammlung brennt uns auf den Nägeln, und wir wissen immer noch nicht, was Ellershaw vorhat. Und erst recht nichts von Pepper und seinen ...«
»Weaver«, unterbrach Cobb ihn, »es ist Zeit, uns zu sagen, was Sie wissen.«
Mir blieb keine andere Wahl. Da stand ich nun und fühlte mich schon wieder wie ein Schuljunge, aber diesmal wie einer, der vor die Klasse zitiert worden ist, um lateinische Verben zu konjugieren oder ein Gedicht aufzusagen. Und ich musste blitzschnell entscheiden, was ich über Absalom Pepper preisgeben durfte - falls ich ihn überhaupt erwähnte. Dieser tote Hallodri war die Schlüsselfigur dessen, was Cobb zu erfahren trachtete, und wenn es mir gelang, die Wahrheit am Ende dieses langen, verschlungenen Pfades aufzudecken, wäre es mir vielleicht auch möglich, meinen Peinigern einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Ging ich aber nicht vorsichtig vor, musste ich damit rechnen, nach und nach von ihnen vernichtet zu werden.
Also zeigte ich, dass ich meine Hausaufgaben gemacht hatte. Ich erzählte ihnen von Ellershaws eingebildeter Krankheit, die ihn an den Rand des Wahnsinns trieb. Ich sprach über Forester und seine geheime Beziehung zu Ellershaws Frau und von meinem sonderbaren Abend in dessen Haus. Alle schäbigen Einzelheiten sprudelten nur so aus mir heraus, während ich bemüht war, das zu verschleiern, was ich nicht offenbaren wollte. Also beschrieb ich, wie man mich hatte zwingen wollen, Mr. Thurmond unter Druck zu setzen, die ganze verfahrene Situation in Ellershaws Eheleben und auch den Kummer wegen der verlorenen Tochter, den Mrs. Ellershaw für sich behalten musste. Ich berichtete Ihnen von Aadil, dass er sich feindselig mir gegenüber verhielt und ich ihn als gefährlich erachtete, dass er es aber offenbar nicht auf mich persönlich abgesehen hatte. An diesem Punkt gab ich mir den Anschein, als wäre ich mit meinem Latein am Ende. Eines hatte ich noch in der Hinterhand, und dieses mir verbliebene Faustpfand wollte ich mir vorerst noch bewahren.
»Wenn Sie uns nun freundlicherweise erklären würden, was mit dem Brief beabsichtigt war, den Sie Ihrem Freund, dem Doktor, hatten zukommen lassen wollen, und was es mit Ihren häufigen Besuchen in den Kaschemmen der Seidenweber auf sich hat.«
»Ja, darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen. Ich habe es mir bis zum Schluss aufgespart, weil ich es für das letzte Teil des Puzzles halte - zumindest des Puzzles, das ich bisher aufgedeckt habe. Ich bin dahintergekommen, dass Forester einen Teil der Lagerräume dazu nutzt, etwas zu verbergen, obwohl niemand zu wissen scheint, um was genau es sich dabei handelt. Mit der Hilfe eines Kameraden unter den Wachleuten habe ich mir Zugang zu diesem Geheimversteck verschafft, um zu erfahren, was Forester dort für sich aufbewahrte. Ich konnte unentdeckt entkommen, aber mein Kamerad wurde gestellt und ermordet, doch man hat es wie einen Unfall aussehen lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Aadil, dieser Inder, gewesen ist.«
»Hören Sie auf, dauernd inhaltsschwangere Pausen zu machen«, fauchte Hammond mich an. »Wir sind hier nicht bei ei-ner Dichterlesung. Was war in dem Geheimversteck? Hat es etwas mit Pepper zu tun?«
»Das kann ich nicht sagen. Aber dieses geheime Versteck war der Grund für mein Treffen mit den Seidenwebern. Ich konnte mir nicht erklären, warum das, was ich dort vorfand, es wert sein sollte, versteckt zu werden oder gar einen Mord dafür zu begehen.«
»Heraus mit der Sprache!«, brüllte Hammond.
»Rohseide«, log ich und hoffte, dass es reichen würde, um sie auf eine falsche Fährte zu setzen. »Rohseide aus den südlichen Kolonien Amerikas. Forester und ein paar Mitverschwörer innerhalb der East India Company müssen auf eine Möglichkeit gestoßen sein, auf dem britischen Boden der Kolonien billig Seide herstellen zu lassen.«
Hammond und Cobb sahen einander verwundert an, und ich wusste, dass sie meine Lüge geschluckt hatten. Ich hatte Foresters rätselhaften Vorrat an Seide durch etwas ersetzt, von dem ich durch Devout Hale wusste, dass es so etwas wie den Heiligen Gral englischer Textilproduktion darstellte - Seide, für die kein Handel mit den Ländern des Orients getrieben werden musste. Ich konnte nur hoffen, dass mein Trick verfing.
Sowie ich meinen Vortrag beendet hatte, schien ich für die beiden nicht mehr zu existieren, ja geradezu unsichtbar geworden zu sein, während Cobb und Hammond aufgeregt im Flüsterton miteinander darüber debattierten, was diese Entdeckung bedeutete und wie mit ihr umzugehen sei - ein erstes Anzeichen dafür, dass meine Anwesenheit nicht länger erwünscht war. Daher murmelte ich ein paar höfliche Worte des Abschieds und zog mich unbemerkt zurück, während die beiden weiter versuchten, hinter des Rätsels Lösung zu kommen und sich damit auf die Jagd nach einem Phantom begaben. Über die möglichen Konsequenzen meiner Lüge machte ich mir jetzt noch keine Gedanken. Sollten sie mir dahinterkommen, würde ich die Schuld auf eine Fehlinformation seitens der Seidenweber abwälzen. Dann sollte Hammond doch versuchen, sein Mütchen an den Männern zu kühlen, die Devout Hales Flagge hochhielten. Aber das würde er bestimmt nicht wagen.