Mein nächster unangenehmer Anlaufpunkt war kein anderer als das berüchtigte Schuldnergefängnis in der Fleet Street, also machte ich mich auf den Weg nach Clerkenwell. Das große Gebäude aus roten Ziegeln mochte äußerlich stattlich wirken, doch für die Armen war es ein Ort des Grauens. Selbst diejenigen, die noch über etwas bare Mittel verfügten, konnten dort kaum auf einen erträglichen Aufenthalt hoffen, und jeder, der bei seiner Einlieferung noch nicht verschuldet war, würde es bald sein, denn auch für den kleinsten Brotkrumen musste man dort ein Vermögen berappen. Wer hier einsaß, hatte ohne eine Intervention seitens seiner Freunde keine Aussicht auf Entlassung.
Da ich gelegentlich schon mit dieser Institution in Berührung gekommen war - glücklicherweise jedoch nicht infolge eigener Verschuldung -, kannte ich einen der Wärter und hatte keine Schwierigkeiten, mich zu Mr. Franco führen zu lassen.
Zu meiner Erleichterung stellte ich fest, dass es mit seiner Verarmung nicht gar so schlimm stand, als dass er sich nicht wenigstens eine einigermaßen angenehme Unterkunft in den besseren Räumlichkeiten des Gefängnisses leisten konnte. Diese befand sich in einem feuchtkalten Gang mit hohen, vergitterten Fenstern, durch die das spärliche Licht des bedeckten Himmels drang. Es roch nach Bier und Parfüm und gebratenem Fleisch, und es fand ein reger Handel statt - Straßenhändler und Dirnen drängten sich aneinander vorbei und boten ihre Waren einem jeden an, der sie haben wollte. »Der beste Wein im ganzen Gefängnis«, rief ein Mann, »frische Hammelfleischpasteten«, ein anderer. In einer dunklen Ecke sah ich einen widerlich fetten Kerl mit abgeschnittenen Lippen seine Hand in das Mieder einer ebenso unappetitlichen Frau schieben.
Und dann kam ich zu Mr. Francos Zelle. Er reagierte sofort auf mein Klopfen und stand mit einem Buch mit portugiesischer Poesie unter dem Arm vor mir. Seine rot unterlaufenen Augen mit den dunklen Säcken darunter zeugten von argem Gram, doch ansonsten war er ganz der Alte. Er hatte sich große Mühe gegeben, seine gepflegte Erscheinung zu bewahren. Unter solch schwierigen Umständen eine beachtliche Leistung.
Zu meiner Verblüffung nahm er mich zur Begrüßung in die Arme, was mir peinlich war, denn es wäre mir lieber gewesen, wenn ich seinen Zorn zu spüren bekommen hätte. Hatte ich es anders verdient? Seine Herzlichkeit schmerzte mich mehr als sämtliche wütenden Vorwürfe, die er mir hätte machen können.
»Mein lieber Freund Benjamin, wie schön, dass Sie gekommen sind. Bitte treten Sie doch näher. Es tut mir leid, dass ich Sie nicht in behaglicheren Räumen empfangen kann, aber ich will es Ihnen so angenehm wie möglich machen.«
Der Raum war eng, ungefähr fünfzehn Fuß im Quadrat. Eingerichtet war er mit einem schmalen Bett und einem alten Schreibtisch, dessen eines Bein viel kürzer war als die anderen, so dass selbst der geringste Luftzug ihn zum Wackeln gebracht hätte, aber einen solchen Luftzug gab es in dieser Kammer nicht - die kalte, nach Schweiß und schalem Wein riechende Luft stand darin, und in sie mischte sich der säuerliche Gestank einer toten Ratte, die irgendwo in einer verborgenen Ecke vermoderte.
Mr. Franco bat mich, auf dem einzigen Stuhl Platz zu nehmen, während er sich an seinen Schreibtisch stellte - gewiss der wichtigste Einrichtungsgegenstand an einem solchen Ort, denn er bot die Möglichkeit des Verfassens unterwürfiger Briefe an Freunde, in denen man sie um alles, was sie zu erübrigen vermochten, anbettelte. Auf dem Tisch lag allerdings kein Schreibpapier - vielmehr diente er der Aufbewahrung von Büchern, drei Flaschen Wein, ein paar Messingbechern, einem halb gegessenen Laib Brot und einem Stück blassgelben Käses.
Ohne mich gefragt zu haben, ob ich etwas trinken wolle, goss er Wein in einen der Becher und reichte ihn mir. Dann schenkte auch er sich einen Becher ein, und nachdem er den Segen über den Wein gesprochen hatte, nahmen wir beide einen großen Schluck.
»Ich muss Ihnen leider sagen«, begann ich, »dass sämtliches Geld, das ich auftreiben könnte, Sie hier nicht herausholen würde. Meine Feinde haben beschlossen, dass Sie hier verweilen sollen, und ich fürchte, dafür werden sie auch sorgen. Zumindest hat man mir jedoch angedeutet, dass Ihre Freilassung in ein paar Wochen möglich wäre - Wohlverhalten meinerseits vorausgesetzt.«
»Dann muss ich mich auf einen längeren Aufenthalt vorbereiten, denn falls ich irgendeinen Einfluss auf Sie ausüben kann, dann dahingehend, dass Sie kein Wohlverhalten ihnen gegenüber zeigen. Ich bin hier, damit Sie Wachs in deren Händen sind, Benjamin. Sie dürfen nicht klein beigeben. Jedenfalls jetzt noch nicht. Tun Sie, was Sie müssen. Ich bleibe hier. Vielleicht schicken Sie mir ein paar Bücher und sorgen dafür, dass ich etwas Verträgliches zu essen bekomme - dann geht es mir schon gut. Darf ich Sie mit einer Liste dessen, was ich benötige, behelligen?«
»Sie behelligen mich keineswegs. Es wäre mir die größte Ehre, für Sie zu sorgen.«
»Machen Sie sich keine Gedanken wegen meines Aufenthaltsortes. Ich habe mich in diesem Raum, auch wenn er nicht der nobelste ist, den ich je bewohnt habe, eingerichtet, und mit Ihrer Hilfe bekomme ich Nahrung für Körper und Geist. Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen, und für meine körperliche Ertüchtigung werde ich auch sorgen. Es wird alles gut.«
Ich hätte nicht die Worte dafür gefunden, um ihm zu sagen, wie sehr ich es bewunderte, mit welch stoischer Gelassenheit er sich in sein Los fügte, und ich war ihm dankbar dafür, dass er mich um kleine Gefälligkeiten bat, denn das half mir, mit meiner Schuld zu leben.
»Gibt es sonst noch etwas, das ich für Sie tun kann, wenn es in meiner Kraft steht, Ihnen Ihre Gefangenschaft erträglicher zu machen?«
»Nein, nein. Aber Sie können mir alles erzählen. Es birgt kein Risiko. Mir kann sowieso nichts mehr passieren. Eingesperrt, wie ich bin, könnte ich Ihnen trotzdem vielleicht sogar behilflich sein und damit auch meine Lage verbessern.«
Ich zweifelte nicht an der Aufrichtigkeit seiner Worte, aber es bestand immerhin die Gefahr, dass er sich durch das, was er von mir erfuhr, zu irgendeinem unüberlegten Handeln hinreißen ließ, ohne dabei an sein eigenes Wohlergehen zu denken. Daher beschloss ich, gründlich zu erwägen, inwieweit ich ihn einweihen wollte - zu seinem Besten und zu meinem.
Also erzählte ich Mr. Franco zwar nicht alles, aber doch genug - alles, was schon Cobb und Hammond von mir erfahren hatten, und noch ein wenig darüber hinaus. Ich sagte ihm, dass ich Celia Glade in Verdacht hatte, eine französische Spionin zu sein, berichtete ihm von Absalom Pepper und seinen zwei Frauen. Nur damit, was Forester in seinem geheimen Lagerraum verwahrte, hielt ich mich zurück. Selbst hier konnten die Wände die wachsamen Ohren meiner Gegner haben, und ich wusste nicht, zu was Cobb und Hammond noch imstande wären. Wie konnte ich mir sicher sein, dass sie nicht vor inquisitorischen Verhörmethoden zurückschreckten? Besser war es, sagte ich mir, das eine oder andere geheim zu halten, selbst vor meinen Freunden.
Mr. Franco lauschte mit besonderem Interesse meinem Bericht über das Geheimnis, das Ellershaws Stieftochter umgab. »Dies ist der richtige Ort, um etwas darüber herauszufinden«, sagte er. »Wenn sie heimlich geheiratet hat, müsste es hier in der Fleet Street geschehen sein, denn in den Schenken der Umgebung und sogar innerhalb dieser Mauern nehmen suspendierte Geistliche ungesetzliche Eheschließungen vor.«
»Interessant«, kommentierte ich, doch meine Begeisterung hielt sich in Grenzen.
»Da Sie nun gerade hier sind, sollten Sie vielleicht gleich mit Ihren Nachforschungen beginnen.«
»Das werde ich lieber sein lassen. Es reicht mir schon, dass ich in der East India Company Augen und Ohren aufsperren muss. Ich habe nicht das Verlangen, jemandes Leben auf den Kopf zu stellen und Mrs. Ellershaw oder ihrer Tochter Ungemach zu bereiten.«