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»Im Geschäftsleben ist es oft der Pfad auf Umwegen, der am ehesten zum Ziel führt. Da wir nun einmal davon sprechen -

hatten Sie nicht gesagt, dass dieser Forester offenbar etwas vor

Ihnen verbirgt?«

»Ja, aber da er zärtliche Gefühle für Mrs. Ellershaw hegt, könnte es damit zu tun haben, dass er sie vor etwas beschützen will.«

»Ich sehe nicht, was es schaden soll, die Angelegenheit doch ein wenig näher zu betrachten. Sie könnten sich ja auch irren. Ich möchte Sie als Ihr väterlicher Freund nicht beeinflussen, aber ich hoffe doch, dass Sie jede sich bietende Möglichkeit nutzen, mehr über diejenigen zu erfahren, die unser Schicksal in Händen halten.«

Da hatte er natürlich recht. Es mochte nichts dabei herauskommen, wenn ich in der Angelegenheit ein paar Stunden opferte, aber dann konnte ich die Sache getrost gleich wieder vergessen.

»Vielleicht kann ich Ihnen sogar Zeit ersparen. Ich habe heute früh einen Priester namens Mortimer Pike kennengelernt, der in der Nähe des Old Bailey wohnt und sich damit brüstet, sozusagen der König der heimlichen Eheschließungen in der Fleet Street zu sein. Er will mehr davon vorgenommen haben als sonst jemand. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es scheint ein blühendes Gewerbe zu sein, und außerdem kennt dieser Pike auch all die anderen Priester.«

Ich bedankte mich bei ihm für diese Information, blieb noch eine halbe Stunde und machte mich dann auf die Suche nach besagtem Diener des Herrn.

Es ist immer eine der Besonderheiten Londons gewesen, dass es darin einzelne Winkel gibt, in denen die üblichen Gesetze, die unser Leben bestimmen, nicht gelten - beinahe so, als käme man plötzlich in eine Gegend, in der ein Gegenstand, den man fallen ließ, nicht auf dem Boden landete, sondern in die Höhe schwebte. Das dichte Gewirr von Gassen zwischen der Fleet Street und dem Strafgerichtshof war so eine Gegend. Hier war es undenkbar, dass jemand wegen seiner Schulden festgenommen wurde, also machten die verzweifeltsten Kreditnehmer der Stadt sich hier heimisch und wagten sich nur an Sonntagen aus ihrem Viertel, denn dann waren keine Gerichtsvollzieher unterwegs. Und zu den traditionellen Besonderheiten dieses Viertels gehörte auch, dass in den Gassen um die Fleet Street illegale Eheschließungen vorgenommen wurden. Hier konnte man ein minderjähriges Mädchen ohne Einwilligung der Eltern und ohne Aufgebot ehelichen.

So schlenderte ich durch die Gassen im Schatten der St. Paul's Cathedral und lauschte den Rufen der verwahrlosten Gassenjungen im Dienste solcher Priester. »Heiraten, heiraten, heiraten, heiraten!«, schrie einer von ihnen, der unter einem Ladenschild stand. Ein anderer zupfte mit seinen schmutzigen Fingern an meiner Hose. »Möchten Sie heiraten, Sir?«

Ich lachte nur. »Wen denn? Es ist keine Dame in meiner Begleitung.«

»Ach, dafür sorgen wir schon. Daran herrscht kein Mangel, Sir.«

Galt eine Heirat als nichts anderes mehr als ein gutes Mahl, das man sich genehmigte, wenn man ein Bedürfnis danach hatte, sich aber dabei doch damit bescheiden musste, was einem angeboten wurde? Ich sagte dem Jungen, ich sei auf der Suche nach Mr. Pikes und seinem Hochzeitshaus. Er erstrahlte über beide Backen.

»Für den arbeite ich. Kommt mit mir.«

Ich war gleichzeitig amüsiert und entsetzt angesichts solcher Praktiken, aber so steht es in unserem Königreich nun einmal um die Ehe. Man sagt, ein volles Drittel aller Ehen würden heimlich geschlossen, und wenn das wirklich der Fall war, musste man sich doch fragen, ob die den Eintritt in den ehelichen Stand betreffenden Vorschriften nicht möglicherweise geändert werden sollten, wenn so viele Menschen sich nicht an sie zu halten gedachten. Gewiss, viele dieser Ehen waren solcher Natur, dass kein Gesetz sie je würde erlauben können -zwischen Geschwistern oder anderen nahen Blutsverwandten, zwischen Kindern oder, noch schlimmer, zwischen einem Kind und einem Erwachsenen etwa oder auch Eheschließungen bereits Verheirateter. Aber der Großteil dieser heimlichen Ehen verband zwei junge Menschen, die einfach keine Lust hatten, die langwierige Prozedur, die das Kirchenrecht von ihnen verlangte, über sich ergehen zu lassen.

Angesichts eines solchen Bedarfs war es kaum verwunderlich, dass derartige Eheschließungen zu einer beliebten Erwerbsquelle mittelloser Priester geworden waren - und auch für jeden anderen von Geldnöten geplagten Mann, der sich einigermaßen überzeugend als Priester auszugeben wusste.

Ich weiß nicht, zu welcher Gattung Mortimer Pike gehörte, aber auf jeden Fall betrieb er ein gut gehendes Geschäft im Queen's Fan, einer Kaschemme, die so nahe beim Fleet River lag, dass die Aas- und Kotgerüche aus dem Wasser das ganze Haus durchzogen. Dies war kein Gebäude, in das man eintrat, um die feierlichste Entscheidung seines Lebens in die Tat um-zusetzen. Es war vielmehr eine baufällige, überfüllte und verräucherte Holzbaracke mit niedrigem Dach, in der alles, was man anfasste, sich klebrig anfühlte. Der Uhr an der Wand nach war es erst kurz vor neun, denn da per Gesetz Ehen nur zwischen acht Uhr früh und zwölf Uhr mittags geschlossen werden durften, galt hier immer und ewig eine vormittägliche Uhrzeit.

Ein paar der Damen stärkten sich an der Bar für den Schritt vor den Traualtar, während der Priester in einem etwas weiter hinten gelegenen, notdürftig hergerichteten Alkoven gerade eine Zeremonie durchführte. Es war zu merken, dass er es dabei eilig hatte, und obwohl ich kein Experte bin, hatte ich doch das Gefühl, dass er seinen Text nicht beherrschte. Woran das lag, wurde mir klar, als ich an seiner schleppenden Stimme hörte, dass er getrunken hatte, und sah, dass er auch gar keine Bibel in der Hand hielt, sondern eine Dramensammlung von John Dryden, und die auch noch über Kopf.

Aber dann lenkte mich auch schon etwas von dieser kleinen Unpässlichkeit ab: Die Braut trug ein exquisites blaues Kleid mit goldenem Mieder und eine Goldkette um den geschmeidigen Hals, war also offensichtlich eine Dame von Vermögen, während ihr zukünftiger Gemahl in schlichte, ungefärbte Wolle gekleidet war, überall Narben im Gesicht hatte und ganz allgemein den Eindruck eines Raufboldes erweckte. Nun, Sinn einer heimlichen Eheschließung ist es ja oft, diejenigen zusammenzuführen, die aufgrund ihres unterschiedlichen Standes sonst nie zueinanderkämen, aber das schien mir hier nicht der Fall zu sein. Mir fiel nämlich auf, dass die elegant gekleidete, aber nicht gerade vor Freude strahlende Braut nicht aus eigener Kraft stehen konnte, sondern von zwei Burschen vom Schlage ihres Bräutigams gestützt werden musste. Die beiden lachten miteinander und amüsierten sich damit, den Kopf der Braut hochzuhalten, denn dazu war sie infolge der Verabreichung von zu viel Alkohol oder sonst einem Gebräu selber nicht mehr in der Lage.

Dass bei einer Hochzeit zu tief ins Glas geschaut wird, kommt vor, wenn auch nicht unbedingt seitens des Geistlichen, und ich hätte mich auch gar nicht weiter eingemischt, wenn einer der Trauzeugen nicht auf die Frage des Priesters an die Braut, ob sie die Frau des Mannes neben ihr werden wolle, deren Kopf genommen und mit ihm ein Nicken nachgeahmt hätte, als wäre sie eine Puppe, was unter den Männern große Heiterkeit auslöste.

»Das reicht mir«, erklärte der Priester und wandte sich dann dem Bräutigam zu.

Dieser Priester konnte vielleicht damit leben, ich aber nicht. Ohne lange zu überlegen, zog ich meinen Dolch, trat dazwischen und hielt dem Bräutigam die Klinge an die Kehle.

»Sag ein Wort«, flüsterte ich, »und es wird dein letztes sein.«

»Wer zum Teufel bist du?«, wollte er wissen und hatte damit streng genommen sein eigenes Todesurteil unterschrieben, aber mir war es ja nur um den Abbruch der Zeremonie gegangen.

»Ich bin ein Fremder, der zufällig hinzugekommen ist, wie hier eine verschleppte Frau zur Ehe gezwungen werden soll«, sagte ich. Die Leichtigkeit, mit der man heimlich eine Ehe eingehen konnte, brachte leider solche Unrechtmäßigkeiten mit sich. Junge Frauen mit Aussicht auf eine erstrebenswerte Mitgift wurden entführt und auf die eine oder andere Weise gefügig gemacht. Wenn sie dann wieder zu sich kamen, mussten sie feststellen, dass sie inzwischen verheiratet und ihre Körper geschändet waren und der frisch angetraute Ehegatte seinen Anteil am gemeinsamen Vermögen forderte.