Выбрать главу

»Eine erzwungene Ehe!«, versuchte der Priester sich zu entrüsten. »Sir, Sie wollen mir doch nicht etwa unterstellen ...«

»Geben Sie uns einen Augenblick Zeit, damit wir diesem Spitzel beibringen, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern«, sagte einer der Trauzeugen, und schon hatten die beiden die Braut unsanft zu Boden plumpsen lassen wie einen

Sack Mehl und wandten sich mir zu. Ihr hämisches Grinsen zeigte, dass sie mehr als bereit waren, es auf eine handgreifliche Auseinandersetzung mit mir ankommen zu lassen. Ich ließ von dem Ehemann in spe ab und holte mit meinem Dolch aus. Es ist stets ein Grundsatz von mir gewesen, dass ein ausgestochenes Auge die erfolgversprechendste Möglichkeit war, einen Angreifer zur Aufgabe zu zwingen, doch hier musste ich dieses Prinzip gleich auf zwei Gegner anwenden. Sowie ich dem ersten den entsprechenden Hieb verpasst hatte, schrie der auch schon auf und ging in die Knie, während sein Gefährte schleunigst das Weite suchte.

Um nicht der übertriebenen Grausamkeit bezichtigt zu werden, darf ich darauf hinweisen, dass ich nur zu solchen Mitteln greife, wenn ich mein Leben in Gefahr wähne - was hier nicht unbedingt der Fall war -, oder wenn ich es mit Schurken zu tun habe, die meiner Meinung nach mehr verdient haben als nur eine tüchtige Tracht Prügel. Jeder, der mir vorwirft, ich wäre doch wohl zu weit gegangen, sollte sich vor Augen führen, dass hier jemand eine junge Lady ihrer Familie fortnehmen, sie mit Alkohol willenlos machen und sie zwingen wollte, ein ihr unbekanntes Scheusal zu ehelichen, das sie alsdann vergewaltigen und von ihren Eltern die Herausgabe ihrer Mitgift verlangen würde. Wenn das nicht den Verlust eines Auges rechtfertigt, dann weiß ich nicht, was sonst.

Der Schuft wälzte sich erbärmlich wimmernd am Boden, also war der Bräutigam an der Reihe. »Er war nur dein Helfershelfer, also will ich es bei einem Auge bewenden lassen«, knurrte ich. »Du jedoch bist der Hauptschuldige, also wirst du beide verlieren. Aber meine Ehre gebietet es, dass du mir erst bedrohlich gegenübertrittst, bevor ich dich guten Gewissens deines Augenlichts berauben kann.«

Sein ungewaschenes Gesicht war kreidebleich geworden, und ich merkte, dass er es nicht darauf ankommen lassen wollte. Er wich vor mir zurück und trippelte um mich herum.

Dann raffte er seinen Freund vom Boden und entfernte sich, so schnell er konnte.

Ich, der Priester und die verbliebenen Heiratswilligen verfolgten schweigend den Abgang der beiden. Als sie fort waren, wandte sich der Priester dem Jungen zu. »Es ist nur recht und billig, wenn wir vorherige Bezahlung erbitten«, sagte er, und dann, an die Umstehenden gewandt: »Wer ist als Nächstes dran?«

Ich hatte mich inzwischen der bewusstlosen Braut angenommen und stützte sie mit einer Hand unter ihrer Achselhöhle -nicht gerade die Manier eines Gentlemans, aber besser ging es im Augenblick nicht. Ich konnte mich glücklich schätzen, dass sie von zierlicher Statur war.

»Ich bin der Nächste«, sagte ich zu dem Priester. »Jetzt kriegen Sie's mit mir zu tun.«

»Ach, Ihr möchtet die Dame selber heiraten?«

»Nein, ich möchte, dass Sie für Ihr Tun bezahlen. Wie können Sie solch ein Verbrechen zulassen?«

»Es geht mich nichts an, warum die Betreffenden die Ehe einzugehen wünschen, Sir. Ich biete lediglich meine Dienste an. Es ist ein Geschäft, versteht Ihr, und bei einem Geschäft stellt sich die Frage nach falsch oder richtig nicht. Die Menschen sind für ihr eigenes Leben verantwortlich. Wenn die Dame nicht heiraten will, dann muss sie das eben sagen.«

»Sie schien mir nicht in der Lage, sich zu etwas zu äußern.«

»Dann war es ihre eigene Verantwortung, nicht in einen solch elenden Zustand zu geraten.«

Ich seufzte. »Sie wird mir langsam zu schwer. Haben Sie ein Hinterzimmer, wo ich sie hinsetzen kann und wir ein Wörtchen miteinander reden können?«

»Ich habe hier Ehen zu schließen.«

»Erst bin ich an der Reihe, sonst werden Sie nie wieder eine Ehe schließen. Das kann ich Ihnen schriftlich geben.«

Er wusste nicht recht, was ich mit ihm vorhatte, und auch mir war das noch schleierhaft, aber er war Zeuge geworden, wie ich vor wenigen Minuten einem Mann eine Klinge ins Auge gestoßen hatte, also ahnte er, dass ich nichts Erfreuliches im Sinne hatte, und zeigte sich sogleich entgegenkommender.

»Dann folgt mir.« Mortimer Pike maß ungefähr fünf Fuß und war etwa fünfzig Jahre alt. Er sah nicht schlecht aus und verstrahlte auch einen gewissen Charme, aber sein Gesicht war von Falten durchzogen und verwittert, und seine hellgrünen Augen waren stumpf vom Suff, der sich auch in seinen Bewegungen niederschlug.

Ich schleppte meine Last hinter ihm her, aber in seiner privaten Kammer konnte ich die Dame endlich auf einem Stuhl absetzen, wo sie wie eine riesige Fadenpuppe in sich zusammensackte. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass sie nicht vom Stuhl kippen würde, wandte ich mich dem Trunkenbold von einem Priester zu.

»Ich will einen Blick in Ihre Heiratsdokumente werfen.«

Er sah mich einen Moment lang an. »Mein hauptsächliches Anliegen, Sir, besteht darin, den Menschen zu ihrem ersehnten Eheglück zu verhelfen und nicht, Dokumente hervorzukramen. Solange draußen Paare auf meine Dienste warten, ist es undenkbar, Euch dienlich zu sein.«

»Muss ich etwa deutlicher werden und es nicht nur bei Drohungen belassen? Zeigen Sie mir Ihre Bücher, und dann werde ich Sie nicht länger bei Ihrer Arbeit stören.«

»Es ist wohl kaum eine Arbeit, das Glück herbeizuführen«, sagte er. »Nein, es ist ein Segen. Der größte, dem ein Mensch teilhaftig werden kann.«

»Auch Erkenntnis ist ein Segen, und ich möchte mit der Heiratsurkunde einer Miss Bridget Alton gesegnet werden. Diese hoffe ich in Ihren Unterlagen zu finden.«

»Ja, die Unterlagen«, wiederholte er und nahm sein Register vom Tisch. Obwohl es sich um einen dicken, schweren Folianten handelte, drückte er ihn sich an die Brust wie ein gelieb-tes Kind. »Ihr werdet doch begreifen, dass die Aufzeichnungen über Eheschließungen ein heiliges und privates Dokument darstellen. Ich fürchte, es widerspricht dem Gesetz Gottes und der Menschen, dieses Buch jemandem zu zeigen. Und nun entschuldigt mich bitte.«

»Ich bin es, der sich hier entschuldigt.« Ich hielt ihn beim Arm fest. »Es ist ja wohl Sinn und Zweck eines solchen Buches, demjenigen, der in einer bestimmten Angelegenheit Nachforschungen anstellt, Aufklärung zu verschaffen.«

»Ja, das ist die vorherrschende Auffassung«, wand er sich. »Aber da befindet Ihr Euch im Irrtum, wie Ihr soeben erfahren habt.«

»Sie lassen mich jetzt in dieses Buch schauen, oder ich gehe mit der Dame zum Magistrat, und dort werde ich dafür sorgen, dass Ihnen dafür, was sich heute hier zugetragen hat, der Galgen droht.«

»Nun, für zwei Schilling wäre ich vielleicht bereit, Euch das Buch zu zeigen und meinen Hals zu retten.«

Ich konnte nicht umhin, seine Dreistigkeit auf eine gewisse Weise zu bewundern, also ging ich auf sein Angebot ein.

Der leise Schlummer der Dame entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Schnarchen, was ich als gutes Zeichen dafür wertete, dass sie auf dem Wege der Besserung war. Schließlich konnte ich sie nicht nach Hause bringen, solange ich nicht erfuhr, wer sie war und wo sie wohnte, also behielt ich sie bei mir, während ich mich an die Arbeit machte.

Nachdem er eingewilligt hatte, mir seine Bücher zu zeigen, führte Pike mich zu einem Regal, in dem er noch mehrere solcher Folianten aufbewahrte. »Seit sechs Jahren führe ich Männer und Frauen zu ihrem Glück, Sir. Es ist mir eine Ehre gewesen, den Armen und Bedürftigen und Verzweifelten zu helfen, seit ich törichterweise in eine Schafzucht investiert habe. Würdet Ihr mir glauben, dass mein eigener Schwager mir gegenüber zu erwähnen versäumt hat, dass er alles andere im Sinn hatte, als für mein Geld Schafe zu kaufen? Das Geld rann ihm durch die Finger, und ich konnte meine Schulden nicht mehr bezahlen. Und, um ehrlich vor Gott zu sein, habe ich auch noch Geld nachgeschoben, nachdem das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Wegen ein paar hundert Pfund drohte mir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag der Schuldturm. Würden da nicht die meisten verzweifeln?«