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»Könnte sein«, sagte ich.

»Recht habt Ihr. Die meisten würden es. Aber nicht ich. Nein, aus der Hölle der Verzweiflung heraus habe ich begonnen, dem Herrn zu dienen. Und auf welche Weise kann dem Herrn besser gedient werden als durch das heiligste der Sakramente, die Ehe? Hat uns nicht der Herr gepredigt, fruchtbar zu sein und uns zu vermehren? Ich selber bin seit vielen Jahren mit einer lieben Frau gesegnet. Seid Ihr verheiratet, Sir?«

Um nicht am Ende noch von ihm bedrängt zu werden, diesem Mangel endlich abzuhelfen und die schlafende Dame zu heiraten, griff ich zu einer Notlüge und behauptete, es zu sein.

»Sehr gut, Sir, sehr gut. Ich kann es an Eurem Gesicht sehen. Es gibt keinen glücklicheren Zustand als den der Ehe. Es ist das Schiff des Glücks, das jeder Mann durch die Wogen steuern muss, findet Ihr nicht auch?«

Ich sagte nichts dazu.

Da ich ihm die Antwort schuldig geblieben war, wies er noch einmal auf seine Bücher. »Dies sind die gesammelten Aufzeichnungen von sechs Jahren, Sir. Bis zu hundert Eheschließungen jede Woche. Da sind einige Namen zusammengekommen. Nun, wann soll bewusste Ehe denn geschlossen worden sein?«

»Vor nicht länger als sechs Monaten.«

»Das macht es einfach, sehr viel einfacher. Dann finden wir es in dem Buch, das ich in Händen halte.«

Als er allerdings keine Anstalten machte, es mir zu geben, griff ich in meine Börse und holte die vereinbarte Summe hervor. Schon lag das freigekaufte Buch vor mir.

»Vielleicht erinnern Sie sich sogar an die Frau, die ich suche«, sagte ich. »Ich habe gehört, sie soll von bemerkenswerter Schönheit sein. Eine hochgewachsene, sehr, sehr blasse Gestalt von weißer Haut und hellem Haar und dennoch erstaunlich dunklen Augen. Ist Ihnen eine solche Frau mal begegnet?«

»Das könnte sein.« Er schien zu überlegen. »Leider ist mein

Gedächtnis nicht mehr das, was es einmal war. Schlimm, wenn die Konzentration eines Mannes ständig dadurch zerstreut wird, dass er nicht weiß, wovon er seine nächste Mahlzeit bezahlen soll.«

Ich gab ihm noch eine Münze. »Hilft das Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge?«

»Oh, gewiss, das tut es. Ich kann jetzt mit Bestimmtheit sagen, dass ich das Mädchen, nach dem Ihr sucht, noch nie gesehen habe.«

Da das Mädchen aus gutem Hause stammte, konnte ich einigermaßen sicher davon ausgehen, dass Bridget Alton über eine gepflegte Handschrift verfügte, doch das erlaubte mir nicht, jedes unentzifferbare Gekritzel in dem Buch zu überfliegen, ohne es wenigstens einen Moment lang näher in Augenschein zu nehmen. Daher kostete es mich über zwei Stunden, mich durch die Namen der vergangenen sechs Monate hindurchzuarbeiten, und doch stand ich am Ende mit leeren Händen da. Kein Hinweis auf die Gesuchte. Natürlich war es möglich, dass sie einen falschen Namen angegeben hatte, aber das war ein Trick, zu dem meist Männer griffen, die etwas zu verbergen hatten. Eine Frau, sagte ich mir, selbst, wenn sie jung und von Liebe verblendet war, wäre längst nicht so geneigt, sich auf diese Weise zu verstellen, um sich damit scheinbar für die Ehe zu legitimieren.

Als ich das Buch zuschlug, kam Reverend Pike aus dem Schatten hervor, in dem er gelauert hatte. Er schüttelte kummervoll den Kopf. »Ich sehe, Ihr habt kein Glück gehabt. Trau-rig, traurig. Ich hoffe aber, Ihr greift auf mich zurück, wenn Ihr wieder einmal Einblick in Dokumente über Eheschließungen benötigt.«

»Gewiss«, sagte ich, obwohl es mir sonderbar erschien, eingeladen zu werden, ihn in dieser Sache gerne wieder zu beehren - als befände ich mich in einem Geschäft, in dem Schnupftabak oder Strümpfe feilgeboten würden. Ich warf einen Blick auf die schlafende Frau. Es war wohl an der Zeit, sie zu wecken und sich zu erkundigen, wo sie hingehörte. Doch Pike kam mir mit einem Räuspern zuvor.

»Wenn Ihr erlaubt.« Er öffnete eine Hintertür, und ich sah, dass in der Kaschemme eine ganze Reihe Priester auf mich warteten - eine Schar in schäbige, schwarze Talare gekleidete Männer mit vergilbten Halskrausen, die vor langer, unvorstellbar langer Zeit bestimmt einmal makellos weiß gewesen waren. Jeder von ihnen hatte ein Buch von verschiedener Größe und verschiedenem Umfang dabei, das er auf seine Weise hielt -mal an die Brust gedrückt, mal unter den Arm geklemmt, mal mir wie eine Opfergabe entgegengestreckt.

»Was soll das werden?«, fragte ich.

»Hoho.« Pike lachte herzhaft. »Habt Ihr geglaubt, es würde sich nicht herumsprechen wie ein Lauffeuer, dass ich einen Gentleman bei mir habe, der bereit ist, für die Einsicht in ein Heiratsregister zwei Schilling zu bezahlen?«

Hätte ich nicht vorgehabt, mir alles von Cobb zurückerstatten zu lassen, wäre ich vielleicht vorsichtiger mit meinem Geld umgegangen und hätte mich nicht auf die geschäftstüchtigen Bedingungen von Reverend Pike eingelassen - einen weiteren Schilling für die Benutzung seiner Räume, einen für mehr Kerzenlicht, um damit die Seiten zu beleuchten, als meine Augen müde wurden. Aber ich muss zugeben, noch nie so von vorne bis hinten bedient worden zu sein. Beim ersten Anzeichen, dass meine Lippen trocken wurden, erbot er sich, nach Bier zu schicken, und, als ein grummelndes Geräusch aus meinem Ma-gen drang, nach Brot und Käse - alles natürlich zu vollkommen überzogenen Preisen.

Am Ende schuftete ich über zwei weitere Stunden, bis sich der Staub unter meinen Nägeln, in meiner Nase und an meiner Zungenspitze sammelte. Ich konnte diese Bücher nicht mehr sehen, aber ich wollte sie allesamt durchforsten, doch erst, als der siebte oder achte Priester, ein kleinwüchsiger Mann mit einem Buckel und einem schiefen Lächeln, mir seinen schmalen Quartband präsentierte und mir bei dessen Durchsicht über die Schulter schaute, war mir das Glück hold. Ich konnte es kaum fassen. Da stand er klar und deutlich, der Name des Mädchens: Bridget Alton.

Darüber war der Name des glücklichen Ehemannes verzeichnet, der allerdings schwerer zu entziffern war. Ich musste ganz genau hinschauen, ehe ich ihn lesen konnte, und dann war mir auch sogleich klar, dass es sich um einen Falschnamen handeln musste: Achitophel Nutmeg. Man brauchte kein Hellseher zu sein, um sogleich hinter die wahre Identität des Bräutigams zu kommen, denn die beiden Vornamen Abschalom und Ahitofel stammten aus der Bibel, von Drydens Gedicht mit diesem Titel ganz zu schweigen, und die beiden Nachnamen bezeichneten verbreitete Gewürze - Pfeffer und Muskat.

Wieder einmal war ich auf einen Beweis für den beachtlichen Trickreichtum von Absalom Pepper gestoßen, jenem Mann, von dem Cobb behauptete, die East India Company habe ihn auf dem Gewissen. Nun sah es so aus, als wäre er auch mit Ellershaws Stieftochter verheiratet gewesen.

23

Von meinem Freudenschrei angesichts dieser Entdeckung erwachte die junge Frau. Nachdem sich ihre Verwirrung gelegt hatte, nannte sie mir nach einigen Missverständnissen ihren Namen und ihre Adresse und erklärte, von dem klagenden Hilferuf einer alten Frau aus dem Haus gelockt und auf der Straße von den drei Männern, denen ich es vorhin besorgt hatte, überwältigt und in eine Spelunke entführt worden zu sein, wo man sie unter Androhung von Gewalt zwang, große Mengen von Gin zu sich zu nehmen.

Obwohl sie sich dankbar die Geschichte ihrer Errettung durch mich anhörte, weigerte sie sich doch, irgendwo mit mir hinzugehen - eine Vorsichtsmaßnahme, gegen die ich nichts einwenden konnte, denn wäre sie vorher schon so umsichtig gewesen, hätte sie sich nicht so leicht überlisten lassen; also sandte ich ihrer Familie Nachricht. Binnen einer Stunde fuhr eine Kutsche vor, und sie wurde von einem Diener in Empfang genommen, der mich der Dankbarkeit seines Herrn versicherte und mir versprach, ich solle für meine Ritterlichkeit reich belohnt werden. Obwohl ich all dies gut dreißig Jahre später zu Papier bringe, warte ich auf diese Belohnung noch heute. Sowie das Mädchen aus dem Hochzeitshaus befreit war, war ich meinerseits nur um eine Bürde ärmer.