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Neben ihr blieb Schwester Havis steif und stumm vor Entrüstung stehen.

Als die jungen Leute sie erblickten, erstarrte die ganze Szene. Dem Troubadour blieb sein Lied im Halse stecken, seinem jungen Gefährten fiel der nächste Schneeball harmlos aus der Hand, die Nonnen nahmen die Haltung empörter Frömmigkeit an und gingen weiter, als hätten sie sich nie von irgendetwas ablenken lassen. Der Schneeballwerfer riss sich mit großer Geste den Hut vom Kopf und drückte sich ihn in gespielter Zerknirschung an die Brust.

Eleanor winkte vom Fenster her. »Verzeihung«, rief sie und schloss die Läden.

Dann bin ich also nicht der einzige Schandfleck, dachte Adelia amüsiert. Die Königin und ihr Gefolge brachten die verlockenden Farben der Weltlichkeit in die schwarz-weiße Welt des Klosters. Die Anwesenheit Eleanors, die schon einen ganzen Kreuzzug gefährdet hatte, bedrohte Godstow in seinen Grundfesten mehr als Wolvercote und seine Söldner.

Dann verflog Adelias Amüsement. Hat sie einen Mörder mitgebracht?

Adelia war zu müde, um den Rest des Vormittags noch etwas anderes zu tun, als auf Allie aufzupassen, während Gyltha zum Plaudern in die Küche ging. Dort schnappte sie stets viele Neuigkeiten und Tratsch auf.

Bei ihrer Rückkehr sagte sie: »Die haben jetzt alle Hände voll zu tun, für die Hochzeit von der hübschen Emma zu kochen, wo doch jetzt der alte Wolf aufgetaucht is. Das arme Würmchen, ich hätte keine Lust, diese Schlange zu heiraten. Die Leute fragen sich, ob sie’s sich noch anders überlegt – sie bleibt die ganze Zeit im Kloster und hat noch kein Wort mit ihm gesprochen, sagen sie.«

»Es bringt Unglück, den Bräutigam vor der Hochzeit zu sehen«, sagte Adelia geistesabwesend.

»Den würd ich auch hinterher nich sehen wollen«, sagte Gyltha. »Ach so, und später wollen die Schwestern was wegen den Gehängten an der Brücke tun. Die Äbtissin meint, es wär Zeit, dass sie beerdigt werden.« Sie zog ihren Mantel aus. »Bin mal gespannt. Dem alten Wolf trau ich zu, dass er ganz gern ein paar Leichen rumhängen hat.« Sie hatte ein Leuchten in den Augen. »Vielleicht kriegen die sich richtig in die Wolle. Mein Gott, wo willst du denn nun schon wieder hin?«

»Zum Hospital.« Adelia war ihr Patient gerade wieder eingefallen.

Schwester Jennet begrüßte sie freundlich. »Vielleicht könnt Ihr Master Mansur meine Dankbarkeit übermitteln. So ein glatter, sauberer Stumpf, und der Patient erholt sich gut.« Sie blickte sehnsüchtig. »Wie gern hätte ich der Operation beigewohnt.«

Aus ihr sprach der Instinkt einer Ärztin, und Adelia dachte an all die Frauen, die ihrer Berufung ebenso entsagen mussten wie diese hier, und dankte Gott für das Privileg, das Salerno ihr geboten hatte.

Sie wurde durch den Krankensaal geleitet. Alle Patienten waren Männer – »Frauen behandeln sich meistens selbst« –, und die meisten litten unter einer Verstopfung der Lunge, eine Folge, wie die Infirmarin meinte, vom Leben in den Niederungen, wo sie den ungesunden Dämpfen des Flusses ausgesetzt waren.

Drei waren ältere Männer aus Wolvercote. »Sie sind unterernährt«, sagte die Infirmarin, ohne die Stimme zu senken. »Lord Wolvercote vernachlässigt seine Untertanen sträflich. Sie haben nicht mal eine Kirche, in der sie beten könnten, seit die alte eingestürzt ist. Es ist eine Gnade Gottes für sie, dass wir in ihrer Nähe sind.«

Sie ging zu einem anderen Bett, wo eine Nonne gerade die Ohren eines Patienten mit warmem Wasser betupfte. »Erfrierung«, sagte sie.

Adelia bekam ein schlechtes Gewissen, als sie Oswald erkannte, Rowleys Waffenknecht. Sie hatte ihn vergessen, dabei war er doch unter den Männern gewesen, die zusammen mit Mansur die Barkasse vom Kloster nach Wormhold gestakt hatten.

Walt saß an seinem Bett. Er schlug sich an die Stirn, als Adelia zu ihnen trat.

»Es tut mir leid«, sagte sie zu Oswald. »Ist es schlimm?«

Es sah schlimm aus. Am Außenrand des Ohrs hatten sich dunkle Blasen gebildet, so dass es aussah, als hätte er eine schwammige Geschwulst am Kopf.

»Hätte seine Kapuze aufbehalten sollen«, sagte Walt munter. »Haben wir gemacht, nich, Mistress?« Das gemeinsame Leiden auf dem Boot hatte sie einander näher gebracht.

Adelia lächelte ihn an. »Wir hatten Glück.«

»Wir behalten das Ohr im Auge«, sagte Schwester Jennet ebenso gutgelaunt. »Ich hab ihm schon gesagt: Entweder es bleibt dran, oder es fällt ab. Kommt weiter.«

Noch immer stand der Sichtschutz um das Bett des jungen Poyns, aber, wie Schwester Jennet erklärte, weniger, damit er nicht gestört wurde, als vielmehr, um zu verhindern, dass er mit seiner üblen Söldnersprache die übrigen Patienten ansteckte.

»Obwohl ich sagen muss, dass er keinen einzigen Fluch ausgestoßen hat, seit er hier ist, was für einen Flamen ungewöhnlich ist.« Sie zog, noch immer redend, den Sichtschutz zur Seite: »Von seinem Freund kann ich das nicht behaupten.« Sie drohte Cross mit dem Finger, der wie Walt am Bett seines Kameraden saß.

»Wir sind keine Scheißflamen«, sagte Cross müde.

Adelia durfte sich die Wunde nicht ansehen. Offenbar hatte das Dr. Mansur bereits getan und seine Zufriedenheit erklärt.

Der Stumpf war gut verbunden, und als Adelia daran roch, bemerkte sie keinen Fäulnisgestank. Mansur, der so oft bei ihren Operationen dabei war, hätte Anzeichen von Nekrose erkennen können.

Poyns selbst war blass, aber fieberfrei, und er hatte Appetit. Adelia gönnte sich einen stillen Moment des Stolzes auf ihren Erfolg, während sie zugleich die Zähigkeit des menschlichen Körpers bestaunte.

Sie erkundigte sich nach Dakers. Noch jemand, den sie vernachlässigt hatte und für den sie sich verantwortlich fühlte.

»Wir bewahren sie im Wärmeraum auf«, sagte Schwester Jennet wie über ein Ausstellungsstück. »Nachdem es ihr wieder besserging, konnte ich sie nicht hierlassen. Meine Patienten hatten Angst vor ihr.«

In einem Mönchskloster wäre der Wärmeraum das Skriptorium gewesen, wo die des Schreibens mächtigen Mönche den lieben langen Tag Handschriften kopierten und sorgsam gehütete Kohlenbecken dafür sorgten, dass ihre armen Finger nicht vor Kälte verkrampften.

Hier gab es nur Schwester Lancelyne und Pater Paton – ihn hatte Adelia nicht erwartet, ja, sie hatte völlig vergessen, dass Rowleys Sekretär existierte. Beide schrieben, aber keine Bücher.

Schwache Wintersonne fiel auf ihre gebeugten Köpfe und die mit dicken Bandsiegeln versehenen Dokumente, die vor ihnen auf dem Tisch lagen.

Adelia stellte sich vor. Pater Paton blickte mit zusammengekniffenen Augen auf und nickte dann. Er hatte sie genauso vergessen.

Schwester Lancelyne war entzückt, ihre Bekanntschaft zu machen. Sie war die Sorte Mensch, für die Tratsch nur dann von Interesse war, wenn er literarische Gestalt annahm. Und sie schien nicht zu wissen, dass Rowley vermisst wurde. »Natürlich, Ihr seid zusammen mit dem Bischof gekommen, nicht wahr? Bitte dankt Seiner Lordschaft in meinem Namen für Pater Paton. Was hätte ich ohne ihn nur gemacht … Ich hatte geschworen, unser Kopialbuch und Register in Ordnung zu bringen, doch die Aufgabe erwies sich als zu groß für mich, bis Seine Lordschaft diesen Herkules in meinen Augiasstall entsandt hat.«

Pater Paton als Herkules, eine skurrile Vorstellung. Ebenso skurril wie Schwester Lancelyne selbst, eine alte, kleine, gnomenhafte Gestalt mit den hellen Bernsteinaugen einer Kröte. Und ebenso skurril wie der Raum, der vom Boden bis zur Decke mit Regalen ausgestattet war, in denen aus Stapeln von Dokumentenrollen und Urkunden ein Wirrwarr von Siegeln heraushing.

»Eine alphabetische Ordnung, versteht Ihr?«, trällerte Schwester Lancelyne. »Die müssen wir erstellen, und einen Kalender, aus dem hervorgeht, wer uns an welchem Tag den Zehnten schuldet, welche Pacht … Doch ich sehe, Ihr habt unser Buch entdeckt.«

Es war das einzige Buch, ein schmaler, in Kalbsleder gebundener Band. Es hatte ein kleines Regalbrett ganz für sich allein, das mit Samt ausgekleidet war wie eine Schmuckschatulle. »Wir haben natürlich das Testament«, erklärte Schwester Lancelyne wie zur Entschuldigung für das Fehlen einer Bibliothek, »und ein Brevier, beide sind in der Kapelle, aber … oje.« Denn Adelia hatte sich dem Buch genähert. Als sie dessen Rücken zwischen Daumen und Zeigefinger fasste, um es sich anzusehen, stieß die Nonne einen erleichterten Seufzer aus: »Ich sehe, Bücher liegen Euch am Herzen. So mancher zieht einfach mit einem Finger oben am Rand und reißt dabei …«