»Wer soll hier sein? Was für eine Falle?« Wolvercote blieb, wo er war, und rief hinter Warin her, während der kleine Mann ins Hauptschiff der Kirche lief, um auch dort nachzusehen. »Hast du mir das geschickt?«
»Was ist da oben?« Master Warin war zurückgekommen. »Wir müssen da oben nachsehen.«
Jetzt spähte er nach oben. Das Gefühl, dass die Augen des Mannes durch die Bretter sehen konnten, ließ Adelias Muskeln erstarren. Pater Paton rührte sich nicht.
»Da oben ist keiner. Wie soll denn da einer hochkommen? Was für eine Falle?«
»Mylord, irgendwer weiß Bescheid.« Master Warin hatte sich ein wenig beruhigt. »Mylord, Ihr hättet die beiden Schurken nicht aufhängen sollen. Das war nicht gut, ich hatte ihnen Geld versprochen, damit sie das Land verlassen konnten.«
Also hast du die Mörder beauftragt.
»Klar hab ich die Hunde aufgehängt.« Wolvercote sprach noch immer überlaut. »Wer weiß, ob die den Mund gehalten hätten. Gott verfluche dich, Warin, wenn das ein Trick ist, mit dem du mehr Geld rausschlagen willst …«
»Ist es nicht, Mylord, obwohl es bei der heiligen Muttergottes ein großer Dienst war, den ich Euch erwiesen habe …«
»Ja.« Wolvercotes Tonfall war ruhiger geworden, nachdenklicher. »Und allmählich frag ich mich, wieso.«
»Das hab ich Euch doch schon gesagt, Mylord. Ich wollte nicht zulassen, dass jemand aus meiner Familie Euch schadet. Als ich erfuhr, was der Junge vorhatte …«
»Und für Euch ist nichts dabei rausgesprungen? Warum zum Teufel seid Ihr dann hergekommen? Wieso seid Ihr prompt zur Abtei galoppiert, um rauszufinden, ob er tot ist?«
Sie bewegten sich jetzt ins Mittelschiff, und der Wortwechsel zwischen einer argwöhnischen und einer kläglichen Stimme wurde unverständlich.
Nach einer ganzen Weile kamen sie zurück, wie an ihren Schritten zu hören war. Die Tür öffnete sich ächzend. Stiefel stapften ebenso laut nach draußen, wie sie hereingekommen waren.
Pater Paton bewegte sich, doch Adelia umklammerte seinen Arm. Noch nicht. Die wollen nicht zusammen gesehen werden. Wolvercote ist als Erster gegangen.
Wieder Stille. Ein leiser kleiner Mann, dieser Advokat.
Jetzt erst ging er. Sie wartete, bis sie die Tür ins Schloss fallen hörte, dann robbte sie sich nach vorne, um über die Bretter nach unten zu spähen.
Die Kapelle war leer.
»Geachtete Männer, ein Baron des Reiches, Unmenschen, Unmenschen.« In Pater Patons Entsetzen mischte sich Aufregung. »Das muss der Sheriff erfahren, ich muss alles aufschreiben, ja, alles aufschreiben. Ich kann Verschwörung und Mord bezeugen; der Sheriff wird eine richtige eidliche Aussage brauchen. Ich bin ein wichtiger Zeuge, jawohl, das hätte ich niemals geglaubt … ein Baron des Reiches.«
Er konnte kaum abwarten, dass Jacques die Leiter brachte. Noch während er herunterkletterte, löcherte er den Boten bereits mit Fragen, was denn im Hauptschiff gesagt worden war.
Adelia blieb noch einen Moment lang reglos liegen. Es spielte keine Rolle, was sonst noch gesagt worden war. Zwei Mörder hatten sich mit ihren eigenen Worten schuldig gesprochen, waren angesichts des Lebens, das sie gemeinsam ausgelöscht hatten, so gleichgültig, als wäre es ein Büschel Gras.
Ach, Emma.
Sie dachte an den Bolzen, der tief in der Brust des jungen Mannes das Herz, dieses wunderbare Organ, zum Stillstand gebracht hatte, dachte an die Ungerührtheit des Schützen, der ihn in dieses unfassbar komplizierte Zusammenspiel von Adern und Muskeln geschossen hatte, ebenso ungerührt wie der Vetter, der den Schuss befohlen hatte, wie der Lord, der ihn dafür bezahlt hatte.
Emma, Emma.
Pater Paton eilte zurück zum Wärmeraum – er wollte seine Aussage sogleich aufsetzen.
Der Mond schien hell und kalt und machte eine Laterne unnötig. Während Jacques sie nach Hause begleitete, berichtete er ihr, was er in der Kirche hatte verstehen können. Größtenteils war es nur eine Wiederholung des Gesprächs in der Kapelle gewesen. »Als sie gingen«, sagte er, »waren sie sicher, dass man sich einen Scherz mit ihnen erlaubt hatte. Zumindest Lord Wolvercote glaubt das, er verdächtigt seine Söldner. Advokat Warin war noch immer verstört, ich möchte wetten, er verlässt das Land, wenn er kann.«
Sie verabschiedeten sich am Fuße der Gästehaustreppe.
Unendlich müde schleppte Adelia sich nach oben. Auf den letzten Stufen bewegte sie sich besonders vorsichtig, wie sie das jetzt immer tat, weil sie in Erinnerung an ein Ereignis, das zum Glück nicht eingetreten war, an der Stelle stets im Geiste eine Wiege über den Rand stürzen sah.
Sie blieb stehen. Die Tür stand einen Spalt offen, und drinnen war es dunkel. Selbst wenn ihr kleiner Haushalt schon schlief, normalerweise ließen die anderen immer eine Kerze für sie brennen – und die Tür blieb nie offen. Sie war beruhigt, als Wächter sie begrüßen kam und sein freudiges Schwanzwedeln mehr Duft freisetzte als üblich. Sie trat ein.
Die Tür wurde hinter ihr geschlossen. Ein Arm umschlang ihre Brust, eine Hand presste auf ihren Mund. »Ganz ruhig«, flüsterte jemand, »rate mal, wer hier ist.«
Sie musste nicht raten. Fieberhaft drehte sie sich in der festen Umarmung, bis sie den Mann ansah, den einzigen Mann.
»Du Bastard«, sagte sie.
»Stimmt in gewisser Weise«, sagte er und hob sie auf. Er ließ sie auf das nächstbeste Bett fallen und legte sich auf sie. »Ma und Pa haben schließlich doch noch geheiratet, das weiß ich noch genau, ich war dabei.«
Eigentlich war es kein Zeitpunkt zum Lachen, doch sie tat es, mit seinem Mund fest auf dem ihren.
Nicht tot – herrlich lebendig. Sein Geruch war so gut, er war das Gute schlechthin, alles war gut, jetzt, wo er hier war. Er berührte ihre tiefste Seele und ach so sehr auch ihr Innerstes, das bei seiner Berührung flüssig wurde. Sie war viel zu lang ausgedörrt gewesen.
Ihre Körper, die wie gewaltige Flügel pumpten, trugen sie höher und höher auf einen Flug in kataklysmische Höhen, um dann in einem langen pulsierenden Sturz zurückzufallen auf ein Reisebett in einem dunklen, kalten Raum.
Als die Erde nicht mehr schwankte und wieder ruhig geworden war, wand sie sich unter ihm hervor und setzte sich auf. »Ich habe gewusst, dass du in der Nähe bist«, sagte sie. »Irgendwie habe ich es gewusst.«
Er grunzte.
Sie war voll neuer Kraft, als wäre sein Samen eine wundertätige Arznei gewesen, die ihren Körper zurück ins Leben geholt hatte. Sie fragte sich, ob sie noch ein Kind bekommen würde, und die Vorstellung machte sie froh.
Ihr Geliebter war in postkoitale Ermattung gefallen. Sie stieß ihm einen Finger in den Rücken. »Wo ist Allie? Wo sind Gyltha und Mansur?«
»Ich habe sie in die Küche geschickt, die Diener feiern da.« Er seufzte. »Ich hätte das nicht tun sollen.«
Um ihn anschauen zu können, stand sie auf und stolperte zum Tisch, tastete dort herum, holte etwas Zunder aus einer Schachtel, schlug einen Funken hinein und zündete damit eine Kerze an.
Er war dünn, Gott segne ihn, aber schön. In einer Hose – die ihm jetzt um die Waden hing – wie ein Bauer, das Gesicht verschmiert, wie es aussah, mit Baumrinde.
»Ein Zaunkönigfänger«, sagte sie entzückt. »Du bist mit den Zaunkönigfängern reingekommen. Ist Henry hier?«
»Irgendwie musste ich ja reinkommen. Gott sei Dank ist heute Stephanstag, sonst hätte ich über die verdammte Mauer klettern müssen.«
»Woher wusstest du, dass wir in Godstow sind?«
»Wo der Fluss zugefroren ist? Wo hättet ihr denn sonst sein sollen?«
Die Antwort gefiel ihr nicht. »Wir hätten tot sein können«, stellte sie klar, »wären wir um ein Haar auch gewesen.«