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Sie befanden sich in einem Raum, der sich kaum von dem unterschied, in dem der Schacht seinen Anfang genommen hatte, nur dass es hier gleich vier Ausgänge gab: zwei nicht ganz mannshohe, aber schmale Stollen, die schon nach zwei Schritten in vollkommener Dunkelheit endeten, und zwei weitere, wesentlich niedrigere Gänge, von denen einer so eng war, dass schon der Gedanke, sich dort hineinzuquetschen, Arri einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ.

Selbstverständlich war es auch der, auf den Runa deutete.

»Das... das kann ich nicht«, flüsterte Arri. Schon der Anblick des - wie es ihr vorkam - kaum handbreiten Risses im Fels schnürte ihr schier die Kehle zu. Sie hatte enge Räume nie gemocht, war aber im Grunde auch noch nie wirklich in die Verlegenheit gekommen, sich in einem solchen aufzuhalten, aber plötzlich wurde ihr klar, dass ihr allein der Gedanke, in einem Raum eingesperrt zu sein, in dem sie kaum die Hände, geschweige denn Arme und Beine bewegen konnte, panische Angst einflößte. Sie schüttelte noch einmal und heftiger den Kopf, doch Runa war ganz offensichtlich nicht gewillt, irgendeine Rücksicht darauf zu nehmen.

Sie warf einen raschen Blick an Arri vorbei zum oberen Ende der Leiter, dann zuckte sie mit den Schultern und drehte sich aus der gleichen Bewegung heraus um. »Du kannst ja hier bleiben«, sagte sie, ließ sich auf Hände und Knie hinabsinken und kroch dann, ohne auch nur einen Atemzug länger zu zögern, in den schmalen Felsspalt hinein.

Es wurde noch dunkler, denn ein gut Teil des blassen Lichtes, das die Höhle erhellte, war aus diesem Spalt gekommen; der andere stammte von einer nahezu heruntergebrannten Fackel, die in einer kupfernen Halterung steckte, welche jemand in die Wand getrieben hatte. Es vergingen nur wenige Augenblicke, bis nicht nur Runas Körper und Beine, sondern schließlich auch ihre Füße in dem niedrigen Stollen verschwunden waren, und nur noch ein winziger weiterer, bis Arri feststellte, dass es durchaus ein Gefühl gab, das schlimmer war als das, in einem engen Raum eingesperrt zu sein: nämlich das, vollkommen allein zu sein.

Panik drohte sie zu übermannen. Gerade noch war ihre Angst vor dem schmalen Stollen so groß gewesen, dass sie es allen Ernstes vorgezogen hätte, hier zu bleiben und darauf zu hoffen, dass vielleicht alles doch nur ein Missverständnis gewesen war und die beiden Männer tatsächlich nur mit ihr reden wollten (was für ein Unsinn!), doch dann begann die Leiter, an der sie noch immer lehnte, unter dem Gewicht des ersten Verfolgers zu erzittern, und Arri musste nicht nach oben sehen, um zu begreifen, dass sie ungleich schneller herabstiegen, als sie es getan hatte. Angst oder nicht - sie stieß sich von ihrem Halt ab, ließ sich auf die Knie fallen und kroch mit angehaltenem Atem hinter Runa in den Tunnel hinein.

Es war nicht so schlimm, wie sie erwartet hatte. Es war schlimmer. Wände und Decke waren so niedrig und eng, dass sie fast auf dem Bauch kriechen musste und ihre Schultern rechts und links am rauen Fels entlangschrammten. Die Luft schien schlagartig schlechter zu werden, kaum dass sie in den schmalen Spalt eingedrungen war, und obwohl vor ihr ein blassrotes Licht flackerte, hatte sie zugleich das Gefühl, in eine allumfassende, erstickende Schwärze gehüllt zu sein. Der unangenehme Geruch, den sie schon vorhin wahrgenommen hatte, wurde schier übermächtig, und schon nach den ersten Atemzügen spürte sie, wie die Luft in ihrer Kehle brannte und ihr schwindelig wurde. Vielleicht würde sie in diesem engen Schacht, tief unter der Erde, nicht zerquetscht werden, wie ihr ihre immer noch außer Rand und Band geratene Phantasie vorzugaukeln versuchte, aber es bestand durchaus die Gefahr, dass sie einfach erstickte.

Gerade als sie tatsächlich glaubte, ersticken zu müssen, wurde es vor ihr wieder heller - nicht, weil sie der Quelle des Lichts wirklich näher gekommen wäre, sondern weil plötzlich etwas nicht mehr da war, das es bisher blockiert hatte -, und dann griff eine schmale, aber überraschend kräftige Hand nach ihrem Arm und zerrte sie kurzerhand das letzte Stück über den rauen Boden. Endlich wichen Wände und Decke wieder zurück, und endlich hatte Arri das Gefühl, wieder frei atmen zu können. Mit einem Keuchen, das eher einem kraftlosen Schrei glich, richtete sie sich auf Hände und Knie auf und japste mit weit geöffnetem Mund nach Luft.

»Nicht so laut!«, zischte Runa erschrocken. »Sie dürfen uns nicht hören.«

Arri nahm einen weiteren, keuchenden und tiefen Atemzug, der sie allerdings nur zu der Überzeugung brachte, dass mit der Luft hier drinnen etwas ganz und gar nicht stimmte, denn in ihrem Kopf begann sich alles zu drehen, und sie spürte, wie eine leichte Übelkeit aus ihren Eingeweiden heraufzukriechen begann. Für einen Moment schloss sie die Augen und versuchte mit einer bewussten Anstrengung, nicht nur das Durcheinander hinter ihrer Stirn, sondern auch ihren Herzschlag einigermaßen zur Ruhe zu bringen - eines von beidem gelang ihr eindeutig nicht -, dann ließ sie sich wieder nach vorn sinken. Schwer stützte sie sich mit beiden Händen auf dem rauen Boden auf. Als sie die Augen wieder öffnete, schien es noch schlimmer zu werden. Die Wände stürzten aus allen Richtungen und zugleich auf sie ein, und für einen Moment bekam sie überhaupt keine Luft mehr.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Runa. Die Sorge in ihrer Stimme klang echt; was nichts daran änderte, dass Arri dies für die mit Abstand dümmste Frage hielt, die sie jemals gehört hatte.

»Nein. Wo sind wir?«

»In unserem Schacht«, zischte Runa. »Und bei allen Göttern: Sei ruhig.«

Arri verstummte zwar, drehte sich aber halb um und maß den Schacht, aus dem Runa sie gerade herausgezerrt hatte, mit einem ebenso langen wie bezeichnenden Blick. Auch wenn der Stollen nicht ganz so eng war, wie ihre überreizten Nerven ihr weisgemacht hatten, so war er doch auf jeden Fall zu eng, als dass sich ihre breitschultrigen Angreifer selbst mit aller Gewalt durch dieses Loch quetschen konnten. Auch wenn Arri es dem Mädchen noch immer ein wenig übel nahm, sie durch dieses schreckliche Loch gezerrt zu haben, so waren sie doch zweifellos in Sicherheit.

Runa schien das jedoch anders zu sehen. »Wir müssen still sein«, flüsterte sie gehetzt. »Es gibt einen zweiten Eingang. Wenn sie wissen, wo wir sind, ist es aus!«

Arri maß sie mit einem zweifelnden Blick, beschloss dann aber zu schweigen und sah sich stattdessen in der halbrunden Höhle um, in der sie sich befanden. Auch hier verbreitete eine fast heruntergebrannte Fackel mehr Schatten als wirkliche Helligkeit, doch Arri konnte immerhin erkennen, dass sie sich in einem unregelmäßig verlaufenden, kaum brusthohen Gang aufhielten, in dessen Wänden sich zahlreiche Nischen und Vertiefungen befanden; manche nur flache Dellen, kaum tief genug, um eine Hand hineinzulegen, andere so tief, dass es sich vielleicht um weitere Stollen handelte, ähnlich dem, aus dem sie soeben gekommen waren. Im schwachen, flackernden Licht der Fackel konnte sie die Spuren von Meißeln und anderen Werkzeugen erkennen, und ganz plötzlich wurde ihr klar, wo sie war: an dem Ort, an dem Runas Familie das Erz aus dem Felsen brach.

Arri verspürte ein kurzes, aber eisiges Frösteln, als sie sich vorzustellen versuchte, wie es sein musste, Morgen für Morgen hier hinabzusteigen, um sein Tagewerk zu verrichten. Der Stollen war so niedrig, dass man allerhöchstens auf den Knien arbeiten konnte, und hier und da wohl auch nur auf dem Bauch liegend, und es war vielleicht die schwerste aller nur vorstellbaren Arbeiten; ein Steinbruch tief unter der Erde, ohne Licht und fast ohne Luft.

»Und wohin jetzt?«, fragte sie - wohlweislich im Flüsterton, wenn auch eher, um Runa zu beruhigen, und nicht weil sie glaubte, in direkter Gefahr zu schweben. Zwischen ihnen und ihren Verfolgern lagen mindestens zehn Schritte massiver Fels und ein Loch, das kaum groß genug war, um den Kopf hindurchzuschieben.