Das Messer näherte sich ihrem Gesicht, strich fast sanft über ihre Wange, näherte sich ihrem linken Auge und schwebte einen grässlichen Moment lang so dicht davor, dass sie die Spitze nur noch verschwommen sehen konnte. Für einen einzelnen, aber furchtbaren Atemzug war sie sicher, dass er ihr das Messer einfach ins Auge stoßen würde, aber dann zog er die Klinge wieder ein kleines Stückchen zurück und ließ die Messerspitze den gleichen Weg wieder nach unten wandern, den sie gerade genommen hatte: über ihre Wange, den Mundwinkel und ihre aufgeplatzte Unterlippe und weiter über das Kinn hinab zu ihrer Kehle und noch weiter hinunter, bis sie über den besudelten Stoff ihrer Bluse strich, der Wölbung ihrer Brust darunter folgte und abermals einen Moment darauf verharrte, ehe sie noch weiter wanderte, über ihren Leib und schließlich bis zu ihrem Schoß glitt, wo sie endgültig verharrte. Arris Herz hämmerte. Sie wusste nicht genau, was der Mann vorhatte, aber was immer es war, in diesem Moment wäre es ihr beinahe lieber gewesen, er hätte sie getötet.
»Hast du Angst, Mädchen?«, fragte er. Arri hätte sich lieber die Zunge abgebissen, statt zu antworten, aber der Mann hätte schon blind sein müssen, um ihre Angst nicht zu sehen. »Das brauchst du nicht«, fuhr er fort. »Ich habe nicht vor, dir wehzutun. Im Gegenteil. Du wirst sehen, es wird dir gefallen.«
Das Messer machte eine plötzliche, blitzschnelle Bewegung, aber der brennende Schmerz, auf den sie wartete, kam nicht. Stattdessen zerteilte die Messerklinge ihre Bluse bis zum Hals hinauf.
Arri sog erschrocken die Luft ein, als der Stoff auseinander fiel und von ihren Schultern zu rutschen drohte. Sie wollte ihn festhalten, aber das Messer bewegte sich blitzschnell ein Stück weiter und berührte nun ihre Kehle, sodass sie gezwungen war, den Kopf in den Nacken zu legen. Als sie trotzdem die Arme hob, um wenigstens ihre Blöße zu bedecken, schlug er ihre Hände mit solcher Kraft beiseite, dass sie vor Schmerz keuchte. »Lass das!«, sagte er scharf. »Ich will dir nicht wehtun.« Ohne die Messerspitze von ihrer Kehle zu nehmen, trat er ein kleines Stück zurück und maß ihren zitternden Körper mit langen, gierigen Blicken. »Eigentlich bist du gar nicht so hässlich, wie alle sagen. Vielleicht ein bisschen dürr, aber sonst...«
Plötzlich zog er das Messer doch zurück, griff dann blitzschnell mit der anderen Hand zu und warf sie mit einer so brutalen Bewegung zu Boden, dass sie vor Schmerz wimmerte und ihre Zähne hart aufeinander schlugen, bis sie Blut schmeckte. Noch bevor der grelle Schmerz verebbte, warf er sich auf sie, drückte sie mit seinem ganzen Körpergewicht auf den felsigen Untergrund und grapschte mit der freien Hand nach ihrer linken Brust. Die andere hielt immer noch das Messer, das er nun seitlich gegen ihren Hals drückte.
Arri bäumte sich verzweifelt auf, aber gegenüber dem starken Mann war sie hoffnungslos unterlegen. Mühelos presste er sie nieder, zwängte ihre Beine mit einer brutalen Bewegung auseinander und grapschte weiter so fest an ihrer Brust herum, dass ihr der Schmerz schon wieder die Tränen in die Augen trieb. Arri dachte weder an das Messer an ihrem Hals noch an alles andere, was er ihr angedroht hatte, sondern bäumte sich verzweifelt auf und schlug mit den Fäusten auf seine Schultern und seinen Kopf ein, aber das schien den Kerl nur noch weiter anzustacheln. Sein Gesicht war ihr jetzt so nahe, dass sie seinen Atem spüren konnte, der übel roch und mit einem Mal fast so schnell ging wie ihr eigener, dann klirrte das Messer neben ihrem Gesicht zu Boden, als er mit der Hand nach unten griff, um sein Wickelgewand hochzuschieben. Arri hämmerte weiter wie von Sinnen mit den Fäusten auf seinen Kopf ein, und anscheinend musste sie ihm nun doch wehgetan haben, denn er drehte plötzlich und mit einem unwilligen Schnauben den Kopf zur Seite, ließ ihre Brust los und schlug sie hart mit dem Handrücken ins Gesicht.
Arri wimmerte vor Schmerz und Angst und sackte halb besinnungslos zurück, und er griff abermals nach unten. Als er in sie einzudringen versuchte, gelang es ihm nicht, aber es tat entsetzlich weh. Arri kreischte vor Schmerz und trat um sich, ohne ihn auch nur einen Deut weit von sich herunterschieben zu können. Der Krieger versetzte ihr einen weiteren, noch härteren Schlag ins Gesicht, presste sich mit einem unwilligen Schnauben noch fester gegen sie und hielt ihr mit der linken Hand den Mund zu, während er mit der Rechten wieder nach unten griff und seinen Bemühungen mit den Fingern nachzuhelfen versuchte. Arri warf sich verzweifelt herum, versuchte ihn zu beißen und ihn irgendwie von sich herunterzustoßen, doch das einzige Ergebnis war, dass der Schmerz noch unvorstellbarer wurde.
Ihre strampelnden Beine stießen gegen die Fackel, und sie fiel um. Die Flammen strichen heiß an ihrem Gesicht entlang und waren verschwunden, ehe sie ihr wirklich Schmerz zufügen konnten. Fast ohne darüber nachzudenken, was sie tat, griff sie nach der Fackel. Sie bekam das brennende Ende zu fassen, und diesmal tat es weh, aber der Schmerz war nichts gegen die grausame Qual, die in ihrem Schoß wühlte, und das Entsetzen, das ihre Sinne zerreißen wollte. Statt loszulassen, glitt ihre Hand an dem glühenden Holz entlang, bis sie eine Stelle fand, die ihr nicht das Fleisch von den Knochen brannte, schloss sich fester darum - und dann stieß sie dem Mann die brennende Fackel mit aller Kraft ins Gesicht!
Der Angreifer schrie vor Schmerz und Wut. Plötzlich stank es durchdringend nach verschmortem Haar und versengtem Fleisch, und Arri schlug noch einmal und noch fester zu, obwohl die Flammen auch ihr Haar und ihre Augenbrauen versengten. Der Mann bäumte sich auf, versuchte ihr die Fackel aus der Hand zu schlagen und verfehlte sie, und Arri stieß ihm das brennende Holz ungeschickt in den Nacken. Der Gestank nach verschmortem Haar wurde noch schlimmer und seine Schreie wütender. Arri warf sich herum, schraubte sich irgendwie unter seinem schweren Körper hervor und war plötzlich frei; wenn auch nur für einen Moment. Hastig wollte sie davonkriechen, kam aber nur einen Schritt weit, bevor seine Hand nach ihr griff und sich in ihren Rock krallte. Das Gewebe aus unendlich fein gesponnenen Nesselfasern riss mit einem hässlichen Laut und wurde ihr fast bis zu den Hüften vom Leib gezerrt. Arri fiel auf die Seite, krümmte sich und trat unwillkürlich nach seinem Gesicht - und diesmal traf sie so hart, dass der Mann mit einem Keuchen nach hinten stürzte und schwer gegen die Wand prallte.
Arri kroch hastig einen weiteren Schritt vom ihm fort, setzte sich auf und zog bibbernd die Knie an den Leib, während sie mit beiden Händen versuchte, den zerrissenen Rock irgendwie um sich zu wickeln und ihre Blöße zu bedecken. Das war vollkommener Unsinn. Ein winziger Teil von ihr, der trotz allem noch zu folgerichtigem Denken fähig war, versuchte ihr zuzuschreien, dass sie nur diese eine winzige Gelegenheit hatte davonzukommen, dass er gleich wieder über sie herfallen und ihr Dinge antun würde, die noch viel unvorstellbarer waren als die, die er gerade getan hatte, und dass sie weg musste. Aber sie war nicht in der Lage, auf sie zu hören. Sie schämte sich so sehr, dass es wehtat.
Und dann war es zu spät. Der Mann stemmte sich mit einem würgenden Laut in die Höhe, und Arri konnte sehen, was die Fackel seinem Gesicht angetan hatte: Nahezu das gesamte Haar und sein Bart auf der rechten Seite, da, wo ihn das brennende Holz getroffen hatte, waren zu schwarzer Schlacke verschmort, die auf seiner Haut klebte wie schmieriges Pech. Seine Lippe war aufgeplatzt und blutete, die Haut war so heftig gerötet wie nach einem schlimmen Sonnenbrand und mit kleinen, nässenden Stellen übersät, und wo sein rechtes Auge gewesen war, gähnte ein blutiges Loch, aus dem Schleim und eine wässrige Flüssigkeit über seine verbrannte Wange liefen. Im Fell seines Wisent-Umhangs nisteten Dutzende winziger rot glühender Funken, und der Gestank war jetzt so schlimm, dass sie kaum noch atmen konnte. Zitternd stemmte er sich an der Wand entlang in die Höhe, sank mit einem wimmernden Laut zurück und versuchte es abermals. Die brennende Fackel lag neben ihm. Eine blutige, ebenfalls mit nässenden Stellen aus rohem Fleisch übersäte Hand streckte sich nach ihr aus und verfehlte sie, als Arri im letzten Moment den Kopf zurückwarf.