»Weiter!«, keuchte Lea. Ohne Arri auch nur die Möglichkeit zu geben, ihrer Aufforderung Folge zu leisten, zerrte sie sie herum und stieß sie weiter vor sich her auf den Ausgang zu.
Kurz bevor sie ihn erreichten, sah Arri noch einmal über die Schulter zurück, aber sie bedauerte fast, es getan zu haben. Targans Familie hatte ihren Schrecken immerhin weit genug überwunden, dass die Ersten begannen, das Feuer zu bekämpfen, indem sie mit Decken, Fellen und allem anderen auf die Flammen einschlugen oder Wasser ins Feuer schütteten - was sich zumindest in einem Fall als fatal erwies, denn die Flüssigkeit, die einer der Männer mitsamt dem Krug, der sie enthielt, in die Flammen warf, loderte plötzlich hell auf und verschlimmerte das Durcheinander nur noch. Die brodelnde schwarze Wolke unter der Decke war noch dichter geworden, und Arri verspürte ein neues, scharfes Kratzen im Hals, das ihr sagte, dass dieser Qualm nicht nur Qualm war. Dann erglühte das Licht hinter der Tür zu greller weißer Glut, und fast gleichzeitig erscholl ein dumpfer Knall, und Arri konnte spüren, wie das gesamte Haus unter ihren Füßen erbebte, als wolle es damit signalisieren, dass ihm niemand mehr entkommen konnte. Ihre Mutter riss sie rüde zurück und stieß sie so derb durch den Ausgang und nach draußen, dass sie auf die Knie fiel.
Mit einem einzigen Satz landete Lea neben ihr, riss sie - noch derber als zuvor - auf die Füße und stieß sie weiter. »Die Pferde!«, keuchte sie. »Hol die Pferde!«
»Die Pferde?«, wiederholte Arri verständnislos. »Aber wir müssen...«
»Sofort!«, unterbrach sie ihre Mutter, und diesmal in so scharfem, fast panischem Ton, dass Arri unwillkürlich herumfuhr und in die Dunkelheit hineinstolperte; eine Dunkelheit, die nicht mehr annähernd so vollkommen war wie vorhin, als sie mit Runa (die jetzt tot war) den gleichen Weg entlanggestolpert war. Das matte Dunkelrot, das durch die Fenster des großen Gebäudes gedrungen war, hatte sich in ein loderndes Orange und Gelb verwandelt, und auch hier draußen glaubte Arri schon den ätzenden schwarzen Qualm zu riechen. Schreie und hektischer Lärm wurden mit jedem Schritt, den sie sich der Ecke des Gebäudes näherte, lauter, und kurz bevor sie ihr Ziel erreichte, glaubte sie einen weiteren, noch gewaltigeren Knall zu hören, der aus dem Haus herauswehte.
Hinter der geschlossenen Tür erscholl das panikerfüllte Wiehern und Kreischen der Pferde, und noch bevor Arri den schweren Balken beiseite gewuchtet hatte, roch sie auch hier etwas Scharfes, das die Luft verpestete. Sie brach sich zwei weitere Fingernägel ab, weil sie sich in ihrer Hast viel zu ungeschickt anstellte, um den Balken hochzuwuchten, zerrte die Tür bibbernd vor Furcht und Schmerz, weit genug auf, um sich hindurchzuquetschen, und war im ersten Moment fast blind. Dumpfe, polternde Laute und der Geruch nach Panik schlugen ihr entgegen. Arri tastete sich mit vorgestreckten Händen in die Dunkelheit hinein, fühlte etwas Weiches, das unter ihrer Berührung zurückprallte, und wäre schon wieder fast gefallen, als sie auf etwas Nassem und Glitschigem ausglitt.
Dann war raues Holz unter ihren Fingern, und einen Moment später der grobe Strick, den ihre Mutter Zügel genannt hatte, als sie ihr zum ersten Mal ein Pferd zum Führen anvertraut hatte. Wenigstens betete Arri, dass es der Zügel war, während sich ihre Hände rasch daran entlang in die Höhe tasteten. Sie war vollkommen blind. Sie konnte hören, wie die Pferde an ihren Stricken zerrten und in Panik um sich schlugen, und sie konnte nur hoffen, dass sie nicht von den wirbelnden Hufen getroffen wurde. Dann spürte sie Fell unter ihren Fingern und etwas Weiches, Feuchtes. Etwas schlug nach ihrer Hand, aber Arri griff nur umso fester zu, folgte dem Strick mit den blutigen Fingern der anderen Hand wieder nach unten bis zu der Stelle, an der er festgebunden war, und schaffte es irgendwie, den Knoten zu lösen. Das Pferd versuchte sich loszureißen, aber Arri hielt den Strick mit aller Kraft fest, stolperte rückwärts gehend aus dem Stall und zog das widerstrebende Tier mühsam hinter sich her.
Kaum waren sie draußen, stieß das Tier ein schrilles Kreischen aus, stieg auf die Hinterbeine und schlug mit den Vorderläufen aus. Arri zog hastig den Kopf ein, um nicht von den wirbelnden Hufen getroffen zu werden, hielt den Zügel aber weiterhin fest und zerrte das Tier mit sich. Aus dem Haus drang mittlerweile ein ganzer Chor gellender Stimmen, die ganz eindeutig nicht allein der Furcht und dem Schrecken entsprangen, sondern vor Schmerz schrien, und das flackernde rot-orange Licht, das aus den Fenstern fiel, war noch kräftiger geworden.
Lea eilte ihr entgegen und nahm ihr den Zügel ab, gerade als Arri sicher war, das scheuende Tier nicht mehr halten zu können. »Das andere!«, befahl sie. »Hol das andere Pferd auch! Schnell!«
Arri stolperte blindlings los, um ihrem Befehl nachzukommen, aber sie verstand immer weniger, was ihre Mutter eigentlich vorhatte. Natürlich wollte sie nicht, dass die Tiere in ihrem Stall verbrannten, sollte das Feuer auf das ganze Haus übergreifen, aber warum ließ sie das Pferd dann nicht einfach laufen und half ihr, auch die anderen Tiere zu befreien? Egal. Torkelnd vor Schwäche und Angst, erreichte sie zum zweiten Mal die Stalltür und fuhr entsetzt zusammen, als sie plötzlich auch dahinter flackerndes rotes Licht erblickte. Das Schreien der Tiere war mittlerweile so schrill und angsterfüllt, dass es in ihren Ohren schmerzte, und ein warmer, scharf riechender Rauch schlug ihr entgegen. Arri brauchte all ihre Willenskraft, um ihre Furcht niederzukämpfen und weiter zu stolpern.
Das Feuer hatte noch nicht auf den Stall selbst übergegriffen, aber es war nur noch eine Frage der Zeit. Der Schein der Flammen drang durch die schmalen Ritzen der Wände, wo der Stall an das eigentliche Haus grenzte, und derselbe, luftabschnürende Geruch, der das Haus erfüllt hatte, lag plötzlich auch hier in der Luft und machte ihr nicht nur das Atmen fast unmöglich, sondern trieb ihr auch beinahe sofort die Tränen in die Augen. Irgendwo links von ihr war ein riesiger, verschwommener Schemen, der sich aufbäumte und kreischend vor Angst an dem Strick riss, mit dem er festgebunden war, aber es war nicht nur dieses eine Pferd; Arri erblickte noch mindestens drei oder vier weitere Tiere, die in schmalen hölzernen Verschlagen angebunden waren und mit aller Kraft an ihren Fesseln rissen und zerrten.
Sie konnte diese Tiere nicht einfach ihrem Schicksal überlassen! Noch wenige Augenblicke, und die Flammen, deren Hitze sie jetzt auch hier drinnen deutlich spürte, würden auch auf den Stall übergreifen, sodass die Tiere qualvoll verbrennen mussten!
Arri zögerte nur den Bruchteil eines Atemzuges (den zu nehmen sie sich wohlweislich hütete), dann stürmte sie an dem scheuenden Pferd vorbei und näherte sich dem nächsten Verschlag. Mit fliegenden Fingern zerrte sie den Riegel zurück, nestelte nach dem Strick, mit dem das Pferd darin angebunden war, und bekam den Knoten irgendwie auf. Zum Dank hätte das Pferd sie beinahe über den Haufen gerannt, hätte Arri sich nicht im letzten Moment zur Seite geworfen; so aber prallte sie derartig hart mit dem Hinterkopf gegen einen Balken, dass Funken und Lichtblitze vor ihren Augen aufloderten und sie benommen zu Boden sank. Als sie sich wieder aufrappelte, war das Pferd verschwunden, aber das Durcheinander rings um sie herum hatte eher noch zugenommen. Das Gitter aus rot glühenden Linien auf der Rückwand des Stalls war grober geworden, der Feuerschein drang jetzt nicht mehr in haarfeinen Linien durch die Ritzen zwischen den Brettern, sondern schien wie ein wütendes Tier dagegen anzurennen, das an seinen Ketten zerrte. Das Toben der Pferde war noch schlimmer geworden. Der gesamte Stall schien unter den Hufschlägen der panischen Tiere zu erbeben, und das, was gerade geschehen war, machte Arri deutlich, wie gefährlich ihr Versuch war, sie zu retten.