Arri zog eine Grimasse (von der sie ganz und gar nicht sicher war, dass ihre Mutter sie nicht sah), konzentrierte sich darauf, ihrer Zunge ihren Willen aufzuzwingen und brachte irgendwie das Kunststück fertig, halbwegs verständlich - wenn auch schleppend - zu sprechen: »Liest du jetzt mittlerweile auch schon meine Gedanken?«
»Das tu ich schon die ganze Zeit, Arianrhod. Alle Mütter können die Gedanken ihrer Töchter lesen, weißt du das etwa nicht? Die Frage ist nur, ob sie es auch wirklich immer wollen. Außerdem«, fügte sie nach einer winzigen Pause und in beinahe schadenfrohem und unüberhörbar spöttischem Ton hinzu, »habe ich dir ein Mittel eingeflößt, das zwar dein Fieber senkt, aber leider auch schreckliche Kopfschmerzen verursacht.« Sie hob die Schultern. »Man kann eben nicht alles haben.«
»Ja, vielen Dank auch«, maulte Arri, »aber ich glaube, ich hätte lieber weiter ein bisschen Fieber gehabt.«
»Hättest du nur ein bisschen Fieber gehabt, Kleines, hätte ich dir das Mittel nicht gegeben. Bleib einfach noch eine Weile ruhig liegen. Es dauert nicht lange, bis du dich besser fühlst.«
Arri dachte daran, erneut zu widersprechen, sah die Sinnlosigkeit eines solchen Versuches aber rasch ein, ließ sich - äußerst behutsam - zurücksinken und schloss die Augen. Aus dem grellen Feuerball am Himmel wurde wieder ein mildes, rotbraunes Licht, das nur sanft durch ihre Lider drang. Die beruhigende Wirkung dieses Lichtes hielt jedoch nur einen Atemzug lang an, dann brachte es Erinnerungen mit sich, die sie nicht haben wollte, obwohl sie ihr im ersten Moment vollkommen sinnlos erschienen; zusammenhanglose Bilder aus einem Albtraum, in dem Feuer eine Rolle spielte, und Schreie und brennende Menschen... und dann wurde ihr klar, dass es kein Albtraum gewesen war, sondern die Wirklichkeit.
Mit einem Ruck setzte sie sich auf und fuhr zu ihrer Mutter herum. Ihre Kopfschmerzen flammten erneut auf, aber das war ihr egal. »Targan!«, keuchte sie. »Runa! Was... die anderen... was... was ist mit ihnen?« Ihre Stimme brach. Für einen Moment wurde der Schmerz zwischen ihren Schläfen so stark, dass sie nicht mehr richtig sehen konnte und alles rings um sie herum verschwamm, dann erlosch er so plötzlich, dass ihr beinahe schwindelig wurde.
»Es ist alles in Ordnung, Arianrhod«, sagte Lea. »Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Wir sind in Sicherheit.«
Arri schluckte ein paar Mal und sammelte dabei Speichel im Mund, um ihre Zunge, die sich schon wieder taub anfühlte, geschmeidig zu machen. Sie nutzte die Zeit, um gründlich über die Worte ihrer Mutter nachzudenken. Die Furcht, die die Bilder aus ihrer Vergangenheit heraufbeschworen hatten, wühlte noch immer in ihr, und doch war ihr zugleich auch klar, dass Lea jetzt zum zweiten Mal nicht auf ihre direkte Frage geantwortet hatte. Sie beruhigte sich damit, dass sie vermutlich zu viel hineingeheimniste, oder das Mittel, das ihre Mutter ihr gegeben hatte, möglicherweise nicht nur für ihre Kopfschmerzen verantwortlich war, sondern auch ihre Gedanken träge machte.
»Wenn du dich besser fühlst, dann komm nach vorn zu mir auf die Bank«, fuhr ihre Mutter fort. »Es redet sich besser, wenn man sich dabei nicht ununterbrochen den Hals verdrehen muss.«
Zumindest seit Arri wach war, hatte Lea das kein einziges Mal getan, aber Arri beließ es dabei, drehte sich umständlich und ächzend um und kroch mit vorsichtigen, kleinen Bewegungen nach vorn und auf die Bank, wobei sie ungeduldig die Decke abstreifte, in die sie bislang gewickelt war, und hinter sich auf die Ladefläche warf. Sie wartete darauf, dass die Kopfschmerzen wieder einsetzten, aber das geschah nicht. Dennoch kostete es sie eine Menge Anstrengung und Geschicklichkeit, die kurze Entfernung zurückzulegen, denn die Verbände, die ihre Mutter ihr angelegt hatte, saßen nicht nur sehr stramm und behinderten sie bei jeder Bewegung, sondern taten zum Teil auch ziemlich weh, sodass ihr wiederum die Tränen in den Augen standen, als sie endlich neben ihrer Mutter angekommen war.
Lea sagte nichts dazu, maß sie aber mit einem Blick, in dem keinerlei Überraschung zu lesen war. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit nach vorn, und Arri nutzte den Umstand, dass ihre Mutter genau um ihren Zustand zu wissen schien und sicherlich Rücksicht darauf nahm, um ihrerseits eine geraume Weile zu schweigen und sich zu orientieren. Bisher hatte sie auf dem Rücken gelegen und kaum mehr als den Himmel über sich gesehen, nun aber erkannte sie, dass sie über eine weite, von nichts anderem als Gras, Büschen und nur sehr vereinzelt stehenden, kränklich aussehenden Bäumen beherrschte Ebene rollten. Weit am Horizont, fast nur als verschwommene Linie zu erkennen, war das dunkle Grün eines ausgedehnten Waldes zu erkennen, und die Berge, die ihr auf dem Hinweg als Orientierung gedient hatten, befanden sich nun in ihrem Rücken. Auch wenn Arri weit davon entfernt war, die Zeit anhand des Sonnenstandes mit der gleichen Kunstfertigkeit und Genauigkeit abzulesen wie ihre Mutter, so erkannte sie doch, dass es später Nachmittag war. Sie erschrak.
»Wie lange habe ich geschlafen?«, entfuhr es ihr. »Du hast mich nicht den ganzen Tag schlafen lassen, oder?«
Lea schüttelte den Kopf und warf ihr einen kurzen, belustigten Blick aus den Augenwinkeln zu. »Nein. Du hast den Rest der Nacht, den nächsten Tag, eine weitere Nacht, noch einen ganzen Tag, noch eine Nacht und den größten Teil dieses Tages verschlafen.«
Arris Gedanken bewegten sich noch nicht geschmeidig genug, um diesem Satz auf Anhieb folgen zu können. Aber sie begriff immerhin, was ihre Mutter damit sagen wollte. Sie rechnete mühsam im Kopf nach. »Ich war... drei Tage lang bewusstlos?«, murmelte sie.
Abermals schüttelte Lea den Kopf. »Nicht bewusstlos«, verbesserte sie. »Ich habe dir ein Mittel gegeben, das dich schlafen ließ. Das ist ein Unterschied.«
Das mochte so sein, für Arri spielte es jedoch kaum eine Rolle. »Aber warum?«
Wieder sah ihre Mutter sie nur ganz kurz an, doch diesmal blieb das belustigte Funkeln in ihren Augen aus. Sie löste die rechte Hand vom Zügel und berührte mit den Fingerspitzen Arris verbundene Rechte. Das Ergebnis war ein kurzer, aber heftiger Schmerz, der bis in ihre Schulter hinaufschoss und sie scharf die Luft einsaugen ließ. »Deshalb. Was hast du mit dieser Hand gemacht? Glühende Holzkohle aus einem Feuer geklaubt?« Sie schien keine Antwort auf ihre Frage zu erwarten, denn sie fuhr mit einem Kopfschütteln und unmittelbar fort: »Keine Angst. Ich konnte sie rasch genug behandeln. Du wirst keine Narben zurückbehalten, und wenn, dann zumindest keine, die dich behindern. Aber Brandwunden sind sehr, sehr schmerzhaft. Ich wollte nicht, dass du unnötig leidest.«
Seltsam - Arri spürte, dass das zugleich die Wahrheit war wie auch nicht. Sie blickte nachdenklich auf ihre dick verbundene rechte Hand hinab - der jähe Schmerz war erloschen, aber Leas Berührung hatte einen anderen, älteren Schmerz darin geweckt, der vielleicht die ganze Zeit über da gewesen war, den sie aber nicht bemerkt hatte und der nun im Takt ihres Herzens darin klopfte und pochte -, dann drehte sie sich mühsam auf der Bank um und sah zu den Bergen zurück, die nun fast so weit entfernt waren wie an dem Tag ihres Aufbruchs. »Du hättest mich nicht drei Tage lang schlafen lassen dürfen«, sagte sie vorwurfsvoll.
»Hättest du lieber drei Tage lang vor Schmerzen geschrien?«, gab ihre Mutter unerwartet scharf zurück. »Wie kommt es eigentlich, dass ich mich immer verteidigen muss, wenn ich versuche, dir etwas Gutes zu tun?«
Vielleicht, weil es selten vorkommt und sich oft genug als das Gegenteil herausstellt, dachte Arri. Sie hütete sich, diesen Gedanken laut auszusprechen, aber ihre Mutter schien diese Antwort dennoch irgendwie zu spüren, denn ihr Gesicht verdüsterte sich noch weiter, und ihre Stimme wurde nun so kühl, als spräche sie über ein krankes Tier; noch dazu über eines, das jemandem gehörte, den sie eigentlich nicht leiden konnte. »Die Wunde ist mittlerweile weit genug verheilt. Schon sehr bald geht die Sonne unter, dann rasten wir, und ich werde den Verband entfernen. Es ist deine Entscheidung, ob ich ihn erneuere oder du lieber Schmerzen leiden und eine Narbe behalten willst.«