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»Und wohin gehen wir?«, wollte Arri wissen.

Diesmal zögerte Lea einen spürbaren Moment, zu antworten, und sie sah sie auch nicht an, als sie es tat. »Dragosz wird uns abholen.«

24

Sie hatten nicht bei Sonnenuntergang Halt gemacht, wie Lea eigentlich vorgehabt hatte, sondern waren noch so lange weiter gefahren, bis aus der Linie am Horizont eine Mauer aus massiver Schwärze geworden war und sie schließlich den Waldrand erreichten. Arri hatte nichts dazu gesagt. Sie hatten ohnehin während des gesamten restlichen Weges nur noch sehr wenig miteinander gesprochen - um nicht zu sagen, so gut wie gar nicht -, und Arri ersparte sich auch jede Bemerkung, als sie begriff, auf welch sonderbare Weise Lea den Wagen schließlich anhielt: sie lenkte das Gefährt unter die weit ausladenden Äste einer gewaltigen Buche, die sich nicht nur vorwitzig ein gutes Stück weit aus dem eigentlichen Wald herausgeneigt hatte, sondern auch dem Herbst trotzte, der überall sonst schon seine Spuren hinterlassen hatte. Ihre Krone glänzte immer noch in einem saftigen Grün, das selbst während der Nacht zu erkennen war, während die meisten anderen Bäume sich bereits braun oder rot und goldgelb verfärbt hatten.

Ihre Mutter rutschte mehr vom Wagen, als dass sie hinunterstieg, und ging mit hängenden Schultern an den Pferden vorbei nach vorn, um die Zügel um den Stamm der großen Buche zu binden. Ihre Bewegungen waren fahrig und ließen einen gut Teil ihrer gewohnten Sicherheit und Genauigkeit vermissen, aber Arri entging dennoch nicht, auf welch besondere Weise sie die Tiere anband: Mit einem Knoten, den man mit einem einzigen, entschlossenen Ruck wieder lösen konnte, ebenso wie sie den Wagen nicht in gerader Linie unter den Baum gefahren, sondern eigens einen weiten Bogen geschlagen hatte. Die weit ausladenden Äste der Buche überspannten nicht die ganze Ladefläche; was durchaus möglich gewesen wäre, denn sie war allemal groß genug dafür. Stattdessen stand der Wagen so, dass sie sofort weiter fahren konnten, wenn es sein musste, ohne umständlich zurücksetzen oder rangieren zu müssen.

Man hätte es auch anders ausdrücken können, dachte Arri. Ihre Mutter schien sich auf eine schnelle Flucht vorzubereiten. Aber warum?

Sie wollte ebenfalls vom Wagen klettern, aber Lea machte eine müde, abwehrende Geste. »Ich sehe nach, ob alles ruhig ist. Du bleibst inzwischen hier und rührst dich nicht von der Stelle.«

Arri warf ihr einen schrägen Blick zu. Wohin sollte sie schon gehen, in ihrem Zustand? Ebenso wort- wie ausdruckslos sah sie ihrer Mutter nach, die mit müde wirkenden, aber dennoch schnellen und so gut wie lautlosen Bewegungen im Unterholz verschwand. Sie verstand auch nicht genau, was ihre Mutter überhaupt vorhatte. Sie befanden sich auf der anderen Seite des verbotenen Waldes, den die Dorfbewohner wie den Ort der Verdammnis mieden, den Sarn so anschaulich zu beschreiben verstand - wer sollte wohl ausgerechnet jetzt und noch dazu so spät am Tage rein zufällig hier auftauchen, um sie zu überraschen?

Immer vorausgesetzt, Lea hatte die Wahrheit gesagt und es gab außer den drei unglückseligen Kriegern, die Nor ihnen nachgeschickt hatte, tatsächlich niemanden, der von ihrer geheimen Reise oder diesem Ort hier wusste.

Ihre Gedanken bewegten sich schon wieder auf Pfaden, die ihr nicht gefielen, und sie brach diese Überlegung hastig ab und konzentrierte sich stattdessen auf ihre Umgebung. Sie erkannte diesen Ort nicht wieder. Zwar hatte ihre Mutter ihr gesagt, dass es der jenseitige Rand des verbotenen Waldes war, dort, wo er an die große Grasebene grenzte, auf der sie auf Nachtwind und seine Herde getroffen waren, aber es hätte ebenso gut auch jeder andere, ähnlich aussehende Wald auf der Welt sein können. Von den Pferden jedenfalls war keine Spur zu sehen, und Arri erblickte auch sonst keinerlei vertraute Wegmarken, was aber nichts heißen musste - schließlich war sie nur wenige Male hier gewesen, und darüber hinaus gab es nicht den geringsten Grund, ihrer Mutter zu misstrauen oder ihr Wort anzuzweifeln. Dann wurde ihr klar, dass allein der Umstand, diesen Gedanken zu haben, schon wieder ein Zweifel an sich war, und das Nagen ihres schlechten Gewissens nahm weiter zu.

Was war nur mit ihr los? Sicherlich hatte Lea ihr in den letzten Tagen und Wochen Anlass genug gegeben, ihr nicht mehr vorbehaltlos alles zu glauben, was sie sagte, aber allmählich verfiel sie in das genaue Gegenteil und zog grundsätzlich alles in Zweifel, was sie sagte; und manchmal sogar das, was sie nicht sagte.

Arri schüttelte den Kopf, ärgerlich auf sich selbst, brach ihre ohnehin sinnlose Betrachtung des Waldrandes und der schwarz daliegenden Grasebene ab, und kletterte mit mühsamen, kleinen Bewegungen zurück auf die Ladefläche des Wagens, um sich auf dem Lager aus Fellen und Decken auszustrecken, auf dem sie die letzten drei Tage verbracht hatte. Es stank nach kaltem Schweiß und anderen, noch unappetitlicheren Dingen, aber das war ihr plötzlich gleich. Obwohl sie den Großteil des Nachmittages, wenn schon nicht schlafend, so doch in einem Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachsein verbracht hatte und auch immer wieder kurz eingenickt war, fühlte sie sich mit einem Mal furchtbar müde, und auch ihre Hand und die gebrochenen Rippen, die Lea so fest verbunden hatte, dass sie kaum atmen konnte, schmerzten nun wieder. Das Mittel, das ihre Mutter ihr auf dem Weg hierher immer wieder eingetrichtert hatte, hatte vielleicht das Fieber besiegt und ihrem Körper geholfen, die Verletzungen zu heilen, die sie sich zugezogen hatte, aber sie spürte nun am eigenen Leib, was Lea ihr über die Heilkräfte der Natur erzählt hatte: Sie waren gewaltig, aber man bekam selten etwas geschenkt.

Müde schloss sie die Augen. Nachdem die Sonne untergegangen war, waren die Temperaturen rasch gefallen, und mittlerweile war es empfindlich kalt, und doch war sie plötzlich sogar zu träge, um die Hand auszustrecken und eines der warmen Felle über sich zu ziehen. Sie wusste, dass sie am nächsten Morgen bis auf die Knochen durchgefroren erwachen und sich noch elender fühlen würde, und doch erschien ihr das plötzlich ein geringer Preis, verglichen mit der Anstrengung, den Arm zu heben und mit einer Hand, die vor Schmerz pochte, irgendetwas zu ergreifen, das so schwer war wie dieses Fell. Arri spürte, wie der Schlaf sie einlullte...

... und dann drang das Brechen eines Zweiges so scharf und alarmierend in ihre Gedanken, dass sie sich mit einem Ruck aufsetzte.

Aus weit aufgerissenen, starren Augen blickte sie sich um. Ihr Herz begann zu hämmern, und plötzlich waren Schmerzen, Übelkeit und Fieber und selbst die Kälte vergessen, und sie lauschte mit allen Sinnen in die Nacht hinaus. Das Geräusch wiederholte sich nicht, aber dieser Umstand beruhigte sie keineswegs, sondern bewirkte eher das Gegenteil. Es war eindeutig der Laut gewesen, mit dem ein trockener Ast unter einem Fuß oder einer schweren Pfote zerbrach. Aber wäre es ein Tier gewesen, das diesen Laut verursacht hatte, dann wäre es jetzt nicht so still; sie hätte andere Geräusche gehört, Schritte, die entweder näher kamen oder sich entfernten, zumindest das Rascheln von Unterholz und trockenem Laub, das den Boden ringsum bedeckte wie ein dichter Teppich, auf dem es nur dann möglich war, sich lautlos zu bewegen, wenn man es wollte. Aber welches Tier würde eine solche Überlegung wohl anstellen? Und auch ihre Mutter hatte keinen Grund, sich an sie anzuschleichen.

Arris Hand tastete verstohlen über die Decke und das Gepäck, das rechts und links von ihrem Lager aufgeschichtet war, aber sie fand nichts, das sie im Notfall als Waffe hätte hernehmen können, um sich zu verteidigen. Doch sie brauchte etwas. Jemand war hier, ganz in ihrer Nähe, und es war ganz zweifellos ein Mensch.