Выбрать главу

»Jetzt rede«, befahl Lyss unwirsch. »Erzähle alles noch einmal. Genau so, wie du es Maya und mir erzählt hast.«

Tally gehorchte. Sie begann mit ihrem Namen und der Tatsache, daß sie Hrabans Frau und seine Nachfolgerin war, berichtete dann von dem Sandsturm und davon, daß sie sich in diesem Turm gerettet hatte, ohne selbst genau sagen zu können, wie es ihr gelungen war, die mannigfaltigen Sperren zu überwinden, die ihn umgaben. Nichts von dem, was sie sagte, war direkt gelogen, aber sie bildete sich trotzdem nicht ein, Vakk auf diese Weise lange Zeit narren zu können. Alles, was sie brauchte, war ein wenig Zeit. Nervös blickte sie zu Vakk hoch. Der Blick seiner gläsernen Augen war ausdruckslos wie immer, aber seine kleinen Hände hoben und senkten sich nervös, und manchmal drang ein knisternder Laut unter seinem Panzer hervor, wenn sich die Hügel darunter bewegten.

Als sie bei der Stelle ihrer Erzählung angekommen war, an der sie den eigentlichen Turm betrat, unterbrach sie Lyss. »Du hast also alles ganz genau so vorgefunden, wie es jetzt ist?« sagte sie lauernd. »Dies alles hier war bereits verwüstet, ehe du kamst?«

Tally warf einen nervösen Blick auf Vakk, ehe sie nickte. »Ja, Herrin«, sagte sie.

Vakk hob eine seiner zahlreichen Hände. »Hschieee hlhüüüükt«, hauchte er.

Es dauerte einen Moment, bis Tally begriff, daß dieses entsetzliche Wesen gesprochen hatte - seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, lächerlich angesichts seiner gewaltigen Größe, und seine Worte derart verzerrt, daß Tally sie eher erriet, als sie sie verstand. Aber sie sah, wie Lyss erbleichte. Ihre Hand näherte sich erneut der fürchterlichen Waffe in ihrem Gürtel.

»Du lügst!« wiederholte sie Vakks Worte.

»Stimmt«, antwortet Tally. Dann sprang sie.

Ihr Angriff mußte so ziemlich das Letzte gewesen sein, womit Lyss gerechnet hatte, denn sie machte nicht die leiseste Bewegung, ihr auszuweichen, sondern stand wie versteinert da, bis Tally gegen sie prallte und sie von den Füßen riß. Hinter ihr erscholl ein schriller, keuchender Schrei, und noch während sie zusammen mit Lyss zu Boden stürzte, sah sie, wie der riesige Samtvorhang plötzlich zu bizarrem Leben zu erwachen schien und sich wie ein Netz auf Vakk herabsenkte. Dann erwachte Lyss endlich aus ihrer Erstarrung, und für die nächsten Augenblicke hatte Tally anderes zu tun, als auf Vakk und die beiden Wagas zu achten.

Sie spürte gleich, daß sie viel stärker und geschickter war als die Drachenreiterin. Aber Lyss wehrte sich mit der Kraft und Wut einer Wildkatze. Tallys Knie nagelte ihre rechte Hand an den Boden, so daß sie ihre Waffe nicht ziehen konnte, aber ihre andere Hand schlug und kratzte nach ihrem Gesicht, während sie wie von Sinnen mit den Beinen strampelte und ihr immer wieder die Knie in den Rücken stieß.

Tally versetzte ihr einen Faustschlag gegen die Schläfe.

Lyss bäumte sich auf, schrie vor Schmerz und erschlaffte plötzlich.

Aber sie hatte die dritte Drachenreiterin vergessen. Tally sah einen Schatten auf sich zurasen, zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern und hob schützend die Hand vor das Gesicht. Trotzdem traf sie der Tritt mit solcher Wucht, daß sie von Lyss' Brust herunterkippte und haltlos über den Boden rollte. Die Frau in der schwarzen Lederbekleidung setzte ihr nach, trat abermals nach ihrem Gesicht und stieß ein überraschtes Keuchen aus, als Tally ihren Fuß packte und so wuchtig herumdrehte, daß sie nun ihrerseits das Gleichgewicht verlor. Noch im Fallen versuchte sie ihre Waffe zu ziehen, aber Tally ließ ihr keine Chance. Blitzschnell packte sie ihre Hand, verdrehte sie und brach ihr mit einem harten Ruck den Arm.

Das Gesicht der jungen Frau verzente sich vor Schmerz.

Sie krümmte sich und begann zu wimmern.

Tally drehte sie grob auf den Rücken, schlug ihr die Faust unter das Kinn und hob in der gleichen Bewegung die Waffe auf, die sie fallengelassen hatte. Ihr Daumen senkte sich auf das rote Dämonenauge in ihrem Griff. Sie hatte sehr genau hingesehen, wie die Drachenreiterinnen ihre Waffen handhabten.

Aber es war nicht nötig, sie zu benutzen. Die beiden Riesenameisen standen einfach blöde da und glotzten; denn schließlich hatte ihnen niemand gesagt, daß sie in den Kampf eingreifen sollten. Und als Tally sich herumdrehte, waren Hrhon und Essk gerade dabei, ein zappelndes blaues Riesenpaket über die Balkonbrüstung zu hieven, was offensichtlich ihre gesamte Kraft in Anspruch nahm. Vakk wehrte sich verzweifelt, aber der Vorhang preßte seine Glieder erbarmungslos zusammen, und selbst seine gewaltigen Kräfte schienen nicht auszureichen, den schweren Samtstoff zu zerreißen. Nur eine seiner kleinen, vielfingrigen Hände ragte zwischen den blauen Falten hervor und versuchte, sich an der Balkonbrüstung festzuhalten. Hrhon schlug so wuchtig mit der Faust zu, daß fünf oder sechs der winzigen Klauen abbrachen.

Tally drehte sich wieder herum und sah auf Lyss herab. Die Drachenreiterin war bei Bewußtsein, schien aber nicht die Kraft zu haben, sich zu erheben; denn als sie es versuchte, knickten ihre Arme unter ihrem Körpergewicht ein. Sie fiel auf das Gesicht und schlug sich die Lippen blutig. Ein leises, qualvolles Stöhnen drang aus ihrer Brust.

»Steh auf!« befahl Tally kalt.

Lyss stöhnte erneut, stemmte sich mühsam auf Knie und Ellbogen hoch und sah sie haßerfüllt an. Ein dünner Blutfaden sickerte aus ihrer aufgeplatzten Lippe und zog eine rote Spur über ihr Kinn. »Spring in den Schlund, du Miststück«, stöhnte sie.

Tally lächelte dünn, packte mit der linken Hand ihr Haar, riß ihren Kopf in den Nacken und schlug ihr den Lauf der Waffe ins Gesicht. Lyss schrie vor Schmerz, stürzte abermals zu Boden und verbarg das Gesicht zwischen den Händen.

»Steh auf!« sagte Tally noch einmal.

Dieses Mal gehorchte Lyss. Stöhnend stemmte sie sich auf die Knie, blieb einen Moment reglos sitzen und stand vollends auf, als Tally drohend die Hand hob. Ihr Gesicht begann bereits anzuschwellen, wo sie Tallys Schlag getroffen hatte. Aber der Ausdruck in ihren Augen war keine Furcht, sondern Haß, ein so heißer, ungezügelter Haß, daß Tally innerlich erschauerte. »Das wirst du bereuen, du Miststück!« sagte sie. »Ich werde dich vernichten. Ich werde deine ganze Sippe auslöschen und...«

Tally schlug noch einmal zu. Lyss krümmte sich stöhnend, schlug die Hände gegen den Leib und sank ganz langsam vor Tally auf die Knie. Ihr Gesicht wurde noch bleicher, als es ohnehin schon war.

»Nun?« sagte Tally freundlich. »Soll ich weitermachen, oder ziehst du es vor, mir auf meine Fragen zu antworten?«

»Du kannst mich erschlagen, wenn du willst«, stöhnte Lyss. »Von mir erfährst du nichts.«

Im gleichen Moment erscholl hinter Tally ein schrilles, unglaublich zorniges Pfeifen, und nahezu gleichzeitig schrien auch Hrhon und Essk erschrocken auf. Tally fuhr herum - und erstarrte einen Moment lang vor Schrecken.

Ein gigantisches, schwarzglänzendes Etwas stürzte sich auf den Balkon herab, getragen von einem doppelten Paar lächerlich kleiner Käferflügel und mit weit ausgebreiteten Armen und gierig geöffneten Zangen. Die faustgroßen Facettenaugen Vakks flammten vor Wut, und aus seinem dreieckigen Insektenmaul drangen pfeifende, schrille Töne, so hoch, daß sie in Tallys Ohren schmerzten.

Einzig seine eigene Größe hinderte den Hornkopf daran, wie ein lebendes Geschoß direkt in den Raum hineinzurasen und sofort über die beiden Wagas und Tally herzufallen. Der Balkon erbebte wie unter einem Hammerschlag, als der gigantische Hornkopf landete und ungeschickt gegen die Wand prallte. Hrhon nutzte den Augenblick, sich mit geballten Fäusten auf ihn zu stürzen, aber Vakk traf ihn noch im Fallen mit einer seiner gewaltigen Fäuste; der Waga taumelte wie unter einem Tritt einer Hornbestie zurück und fiel auf den Rücken.

Ein harter Schlag traf Tallys Handgelenk und lähmte es. Sie schrie auf, ließ die Waffe fallen und konnte gerade noch die Hand hochreißen, um zu verhindern, daß Lyss' Fausthieb ihr Gesicht traf. Trotzdem ließ der Hieb sie zurücktaumeln und das Gleichgewicht verlieren. Sie fiel ungeschickt auf die Knie, registrierte verwundert, daß Lyss die Gelegenheit nicht nutzte, ihr nachzusetzen und sie vollends kampfunfähig zu machen, und begriff beinahe zu spät, was dieses Zögern bedeutete.