Выбрать главу

Dann näherten sie sich der Stadt, und Tallys Aufmerksamkeit wurde von anderen Dingen in Anspruch genommen. Es gab keine Stadtgrenze im eigentlichen Sinn: zwischen den Trümmern und dem Unrat, von dem sich ganze Berge auf dem grau gewordenen Sand des Schelfs erhoben, tauchten jäh die ersten Hütten auf, klein und schäbig und aus dem Müll erschaffen, auf dem sie erbaut waren, und das dumpfe Raunen und Brausen der Stadt, das im Laufe der letzten Stunde beständig näher gekommen war, wich dem Klang einzelner Stimmen, schrillem Gelächter und Schreien, dem Kreischen von Kindern und klingenden Hammerschlägen. Weller, der bisher so weit vorausgegangen war, wie Tally es gerade noch zuließ, blieb stehen und wartete, daß sie und der Waga zu ihm aufschlossen.

»Besser, wir bleiben von jetzt an dicht beisammen«, sagte er. Tally wußte nicht, ob sie den Ausdruck, auf seinem Gesicht richtig deutete - aber der Klang seiner Stimme verriet Furcht. »Das hier ist eine üble Gegend. Schon so mancher, der hierher gegangen ist, ist nicht wieder zurückgekommen.«

Tally blieb stehen, sah kurz zur Klippe zurück, die zu einem schmalen schwarzen Strich vor dem Nachthimmel geworden war, und blickte ihn nachdenklich an. »Trifft das auch auf deine Kunden zu?« fragte sie.

Weller zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Ich habe nie behauptet, daß der Weg sicher sei, oder?«

Tally antwortete nicht. Es hatte nicht viel Sinn, sich mit Weller zu streiten, und im Grunde konnte sie ihm nur dankbar für die Warnung sein. Wer immer die Menschen waren, die hier lebten - sie waren auf jeden Fall eher seine als ihre Freunde. »Gehen wir weiter.«

Sie begriff bald, was Weller gemeint hatte. Die Abfallhütten, zuerst nur einige wenige und klein, nahmen an Zahl und Größe zu, und schon nach wenigen Dutzend Schritten bewegten sie sich durch eine regelrechte Stadt, erbaut aus Abfällen und errichtet auf Bergen von Müll.

Die Luft stank entsetzlich, und Tally begann sich am ganzen Leib klebrig und besudelt zu fühlen. Dabei herrschte noch immer Winter; wo der Boden nicht von zahllosen Füßen zu klebrigem Morast zertrampelt worden war, lag Schnee. Tally fragte sich, wie es hier im Sommer sein mochte. Schon jetzt hatte sie das Gefühl, kaum mehr richtig atmen zu können.

Und so wie dieser Teil Schelfheims waren seine Bewohner. Die Dunkelheit verbarg die meisten vor ihren Blicken oder ließ sie zu flachen Schatten werden, die angstvoll davonhuschten, wenn Tally, Weller, und der Waga näher kamen, aber das wenige, was sie sah, ließ sie schaudern. Es waren Menschen - meistens jedenfalls - aber sie waren so schmutzig und heruntergekommen wie die Häuser, in denen sie lebten: ausgemergelt, blasse Kreaturen, in Lumpen gekleidet und mit hungrigen Augen, die sie voller Gier anstarrten. Und nach einer Weile bemerkte Tally, daß sie verfolgt wurden.

Die Verfolger waren geschickt, und wahrscheinlich war es nur Tallys Leben als Gejagte zuzuschreiben, daß sie es überhaupt spürte - niemand kam ihnen nahe, aber die Schatten, die am Rande ihres Gesichtsfeldes entlanghuschten, nahmen zu, und etwas änderte sich im wispernden Chor der Stimmen, der ihnen folgte. Tally konnte die Drohung, die plötzlich über ihnen schwebte, beinahe anfassen.

»Was ist das hier, Weller?« fragte sie. Ganz instinktiv trat sie ein Stück näher an ihn und den Waga heran. Ihre Hand glitt unter den Mantel und schmiegte sich um den Schwertgriff. Ihre Erfahrung als Kriegerin sagte ihr, daß ihr die Waffe herzlich wenig nutzen würde - sie waren von Dutzenden, wenn nicht von Hunderten der huschenden schwarzen Gestalten umgeben. Aber die Berührung des kalten Stahls tat gut.

»Der Teil von Schelfheim, den Fremde normalerweise nicht zu Gesicht bekommen«, antwortete Weller. »Laß bloß deine Waffe stecken, oder wir sind tot, ehe du Zeit findest, ein letztes Gebet zu sprechen.«

»Verdammt, wohin hast du uns geführt?« fauchte Tally. »Enden alle deine Kunden hier?«

»Manche«, gestand Weller ungerührt. »Das hier ist die Vorstadt. Eine Menge Menschen und nicht-Menschen kommen nach Schelfheim, um ihr Glück zu machen. Manchen gelingt es, manchen nicht. Die, die Pech haben, enden hier.« Er wandte im Gehen den Kopf und grinste Tally beinahe unverschämt an. »Ich habe dir geraten, die Brücke zu benutzen, oder?« Seine Hand wies nach Westen, und als Tallys Blick der Bewegung folgte, sah sie eine Kette winziger roter Lichter, die sich schräg über den Himmel spannte und irgendwo vor ihnen mit der Stadt verschmolz. »Das hier ist das Reich der Klorschas. Der Slam. Mit etwas Glück lassen sie uns durch.«

»Und mit etwas weniger Glück?«

»Bringen sie uns um«, sagte Weller ungerührt. »Deine Kleidung fällt auf. Du siehst vermögender aus, als du bist. Aber meistens verlangen sie nur einen Wegezoll.«

»Na, dann kann ich nur hoffen, daß du deine Börse eingesteckt hast, Weller«, sagte Tally. Weller blinzelte, starrte sie einen Moment mit offenem Mund an und entschied, daß es klüger war, das Gespräch nicht fortzusetzen.

Er hätte auch nicht sehr viel Gelegenheit dazu gehabt; denn der Kreis aus Schatten, der sie umgab, zog sich immer enger zusammen, und nach wenigen Dutzend weiterer Schritte geschah das, was Tally insgeheim schon längst befürchtet hatte: sie bogen in eine schlammige Gasse, die von fensterlosen, aus Stein und Holz errichteten Häusern gesäumt wurden - und Weller blieb so abrupt stehen, daß Hrhon beinahe in ihn hineinrannte.

Vor ihnen ging der Weg nicht weiter. Ein gutes Dutzend zerlumpter, ausnahmslos sehr großer Gestalten blockierte die Gasse, angeführt von einem wahren Riesen, der sich lässig auf eine fast mannsgroße Keule stützte. Sein Gesicht sah aus, als wäre es vor nicht langer Zeit mit genau dieser Keule kollidiert - was ihn nicht etwas häßlicher als die meisten seiner Begleiter machte.

Tallys Hand schloß sich etwas fester um den Schwertgriff.

»Wer ist das?« flüsterte sie.

»Braku«, antwortete Weller. »Der Schlimmste von allen. Beim Schlund, das hätte nicht passieren dürfen.«

»Was ist so schlimm an ihm?«

»Er haßt mich«, antwortete Weller nervös. »Er hat mir den Tod geschworen. Und bisher hat er sein Wort immer gehalten.«

»Warum?« fragte Tally. »Hast du einmal Geschäfte mit ihm gemacht?«

Weller grinste gequält. »Ja. Aber ich schwöre, daß es ganz ehrlich zuging. Nur gehört Braku zu denen, die sich übervorteilt fühlen, wenn sie ihren Partner nicht betrügen können.«

»Wenn ihr fertig seid, wäre es wirklich großzügig, würdet ihr mit einen Teil eurer kostbaren Aufmerksamkeit schenken«, mischte sich eine dröhnende Stimme ein. »Falls ich die Herrschaften nicht bei einer wichtigen geschäftlichen Unterredung störe, heißt das.«

Weller erbleichte noch weiter, gebot Tally aber mit einer hastigen Geste, sich nicht einzumischen, und trat den Klorschas einen Schritt entgegen. Braku musterte ihn kühl, aber in seinen Augen stand ein Glitzern, das Tally gar nicht gefiel. In Gedanken wog sie ihre Chancen ab, mit einem raschen Schritt bei ihm zu sein und ihm den Kopf von seinem schmutzigen Hals zu schlagen. Das Ergebnis, zu dem sie kam, besserte ihre Laune nicht wesentlich.

»Schön, dich zu sehen«, sagte Braku grinsend, als Weller näher kam. »Ich nehme an, du bist hier, um dich mit mir auszusöhnen, wie?« Er lachte, setzte seine gewaltige Körperfülle in Bewegung und walzte ein Stück auf Weller zu. Die Keule schwang er sich dabei über die Schulter, als wäre sie gewichtslos. »Ich habe dich lange vermißt, mein Freund. Was ist los - gehen deine Geschäfte so schlecht? Und was sind das für Galgenvögel, die du da bei dir hast?«