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»Sssoll isss disss thraghen?« fragte Hrhon.

Tally schüttelte mühsam den Kopf. Allein die Vorstellung, ihre schmerzenden Muskeln auch nur noch zu einem einzigen Schritt zu zwingen, bereitete ihr Übelkeit. Aber Hrhon war einfach zu langsam. »Wo... wo ist Weller?« keuchte sie.

»Hier, verdammt noch mal. Oder das, was ihr von mir übrig gelassen habt!«

Tally ließ Hrhons Schulter los und drehte sich um.

Weller hockte wenige Schritte hinter ihr auf den Knien, die linke Hand gegen sein verbranntes Gesicht gepreßt.

Sein Wams wies zahllose Brandflecken auf, an einer Stelle schwelte es sogar noch. Aber der Ausdruck in seinen Augen war eindeutig Wut.

Stöhnend stemmte er sich in die Höhe, taumelte auf Tally und den Waga zu und deutete die Straße hinab, ohne die Hand vom Gesicht zu nehmen. »Weg hier!« keuchte er. »Bevor der ganze Misthaufen in Flammen aufgeht. Das Feuer greift um sich.«

»Ich weiß«, sagte Tally. »Das war der Sinn der Sache. Ich denke, die haben jetzt anderes zu tun, als uns zu jagen.«

Wellers Augen flammten vor Zorn. »Ja!« brüllte er. »Nämlich dasselbe wie wir, du dumme Kuh - am Leben zu bleiben! Weißt du überhaupt, was ein Feuer hier bedeutet?« Er ballte zornig die Faust und beantwortete seine Frage gleich selbst. »Natürlich nicht. Aber du wirst es gleich merken.«

Er sollte recht behalten.

~ 4 ~

Das Feuer folgte ihnen. Die Flammen mußten in den aus Holz und Abfällen errichteten Häusern überreichlich Nahrung finden; denn schon nach Minuten hatte nicht nur das Haus in Flammen gestanden, durch das sie geflohen waren, sondern die gesamte Gasse brannte so lichterloh, daß Tally bezweifelte, ob es einem der Hornköpfe - oder gar einem von Brakus Männern - gelang, aus der flammenden Hölle zu entkommen, in die sich die schmale Gasse verwandelt haben mußte. Und das Feuer hatte nicht am Ende der Straße Halt gemacht, sondern griff weiter um sich. Rasend schnell.

Schon nach Minuten lohte der Himmel über der Slamstadt in düsterem, drohendem Rot, und als Tally über die Schulter zurücksah, glaubte sie einen flammenspeienden Vulkan zu erblicken, dort wo das Haus gestanden hatte.

Das Feuer schoß dreißig, vierzig Meter weit brüllend in die Höhe, fächerte zu einem wabernden Pilz auseinander und fiel wieder zur Erde, um weitere Dächer in Brand zu setzen. Hier und da schossen fauchende blaue Gasfackeln aus dem Boden.

»Bei allen Göttern, was geschieht hier?« schrie Tally über das Brüllen der Flammen hinweg.

»Was denkst du, was das hier ist?« schrie Weller zurück. »Der ganze Slam ist auf einem einzigen großen Müllhaufen errichtet worden. Das Zeug brennt wie Zunder.« Er gestikulierte heftig mit der freien Hand. »Lauft schneller. Es ist nicht mehr weit! Noch eine halbe Meile!«

Tally fragte ihn nicht, bis wohin es noch eine halbe Meile war, sondern sparte sich ihren Atem auf, um schneller zu laufen. Sie fühlte sich erschöpft und ausgelaugt wie selten zuvor in ihrem Leben, aber die Angst gab ihr zusätzliche Kräfte. Und selbst Hrhon, der normalerweise Mühe hatte, mit einem Spaziergänger mitzuhalten, entwickelte ein erstaunliches Tempo.

Trotzdem schmolz ihr Vorsprung ganz allmählich zusammen. Hitze und Lärm und beißender Qualm folgten ihnen, und schon bald begann die Luft in Tallys Lungen abermals schmerzhaft heiß zu werden. Rings um sie herum waren plötzlich Hunderte, wenn nicht Tausende von Gestalten - Männer, Frauen und Kinder, einer so zerlumpt wie der andere, eine panische Flucht, die wie eine Woge aus Leiber nach Norden drängte und Tally einfach mit sich riß. Wäre Hrhon nicht wie ein lebender Fels hinter ihnen hergestampft, wären sie schon in den ersten Augenblicken getrennt oder schlichtweg niedergetrampelt worden.

Plötzlich hörte das Labyrinth aus schlammigen Gassen und Plätzen wie abgeschnitten auf, und vor ihnen lag ein vollkommen ebener, sicherlich eine halbe Meile breiter Sandstreifen, an dessen gegenüberliegendem Rand sich die ersten Häuser Schelfheims erhoben, eine ungeheuerliche Masse von neben-, über- und ineinandergeschachtelten Gebäuden, von der Nacht zu einer schwarzen Klippe verschmolzen. Der Widerschein des Feuers schien sie mit Blut zu übergießen.

Und er zeigte Tally auch die gewaltige Masse schwerbewaffneter Hornköpfe, die hundert Schritte vor den ersten Häusern eine undurchdringliche Kette bildeten!

Sie schrie vor Schrecken auf und versuchte stehenzubleiben, aber sie wurde einfach mitgerissen. Nicht einmal mehr Hrhons Titanenkräfte reichten mehr aus, dem Sog des außer Rand und Band geratenen Mobs zu widerstehen.

Brüllend und tobend wie ein angreifendes Heer raste die Menschenmenge auf die Absperrkette aus Hornköpfen zu. Tally sah voller Entsetzen, daß die Rieseninsekten zwar zurückwichen, aber nicht sehr schnell, und daß sie ihre Speere und Schwerter senkten. Dann prallte die vorderste Reihe der in Panik geratenen Menge gegen die Kampfinsekten.

Es mußten Hunderte sein, die im ersten Augenblick starben, aber aus dem brennenden Slam strömten noch immer Tausende herbei. Die Absperrkette der Hornköpfe brach schon unter dem ersten Ansturm zusammen. Die gewaltigen Kampfinsekten wurden zerfetzt, erschlagen und zu Tode getrampelt, ebenso wie jeder, der das Pech hatte, in diesem rasenden Mob nicht schnell genug zu sein oder zu stolpern. Auch Tally, Weller und Hrhon wurden mitgerissen, ohne auch nur die geringste Chance zu haben, ihr Tempo oder auch nur ihre Richtung bestimmen zu können.

Tally wußte hinterher nicht mehr, wie es ihnen gelungen war, in dieser Stampede zusammenzubleiben; wahrscheinlich war es schlichtweg ein Wunder. Irgendwann hatten sie die Schneise überquert und fanden sich plötzlich wieder auf einer Straße, wenn auch einer gänzlich anderen als die, die sie bisher gesehen hatte - der Boden unter ihren Füßen war aus Stein, und die Gebäude waren nicht aus Abfällen erbaut, sondern aus wuchtigen Felsbrocken, die sauber behauen worden waren. Trotz der Panik, die längst auch von Tally Besitz ergriffen hatte, registrierte sie, daß die Häuser allesamt kleinen trutzigen Festungen glichen - es gab kein Fenster ohne Gitter, kein Dach ohne eine stachelige Krone aus dolchspitzen Eisenstäben, keine Tür, die nicht wuchtig genug schien, dem Ansturm eines Horntieres Stand zu halten.

Ganz allmählich verlor der Vormarsch der Menge an Schwung, aber das Schreien und Toben ließ nicht nach - ganz im Gegenteil. Mit einem Male war ein neuer Ton im überschnappenden Chor der Menschenmenge, ein Ton, den Tally nur zu gut kannte.

Es ging ganz schnell - aus der panikerfüllten Flucht der Klorschas wurde das Gegenteiclass="underline" ein Angriff. Plötzlich begriff Tally, warum die Hornköpfe auf solch selbstmörderische Art versucht hatten, die Menge aufzuhalten, warum die Häuser hier Festungen glichen und welchem Zweck der halbmeilentiefe freie Streifen zwischen Schelfheim und der Slamstadt dienten. Selbst ihr, die geglaubt hatte, jede nur denkbare Spielart von Gewalt und Kampf zu kennen, fiel es im ersten Moment schwer, zu glauben, was sie sah - aber die Männer und Frauen, die vor Sekunden noch um ihr Leben gerannt waren, begannen einen Augenblick später, die Häuser anzugreifen!

Zu Dutzenden versuchten sie, Türen einzurennen, zerrten an den eisernen Fenstergittern oder bildeten lebende Leitern, um die Hausdächer zu erklettern. Einige der niedrigen Gebäude verschwanden regelrecht unter einer Woge zerlumpter Gestalten. Das Splittern von Holz und Glas und gellender Kampflärm mischten sich in das Schreien der Menge.

Hier und da erschienen schattenhafte Gestalten auf den Dächern, die mit langen Stangen die Kletterer zurückstießen oder wahllos Pfeile und Bolzen in die Menge hinabschossen, aber sie wurden hinweggefegt, ebenso wie die Hornköpfe zuvor. Binnen weniger als einer Minute war die erste Häuserreihe überflutet - und der johlende Mob raste weiter.