Sie seufzte. Tally sah jetzt, daß sie sich nicht mit der gewohnten Geschmeidigkeit bewegte. Die Haltung, in der sie dastand, wirkte ein ganz kleines bißchen verkrampft. Dann fiel ihr wieder ein, wie tief der Stich gewesen war, den sie ihr versetzt hatte. Eigentlich grenzte es an ein Wunder, daß sie überhaupt die Kraft aufbrachte, zu stehen.
»Ich warne dich, Angella«, sagte Jandhi leise. »Ich habe dich und dein Gesindel bisher stillschweigend geduldet, aber du solltest den Bogen nicht überspannen.«
»Sonst?« fragte Angella spöttisch. »Sätze, wie der, den du gerade gesprochen hast, pflegen mit einem ›... sonst wird dies oder das passieren‹ zu enden.«
»Meine Leute werden gleich hier sein«, sagte Jandhi gepreßt. Sie hatte jetzt eindeutig Angst. »Wenn du verschwunden bist, ehe sie auftauchen, vergesse ich den Zwischenfall.«
»Deine Leute, so?« Angella kicherte böse, »Falls du diese Narren von der Stadtgarde meinst«, sagte sie beinahe freundlich, »kannst du lange warten. Was von deiner sogenannten Armee noch lebt, versucht gerade verzweifelt sein Leben zu retten. Ich habe dich gewarnt, Jandhi, hierherzukommen. Es ist gut möglich, daß ich deinen Besuch erwidere.«
»Verzeihung, wenn ich mich einmische«, sagte Tally. »Hättet ihr etwas dagegen, wenn ich gehe, während ihr euch streitet, wer mich nun umbringen darf?« Sie lächelte, nahm die Hände herunter und trat einen halben Schritt auf den Laser zu, den sie fallengelassen hatte.
Jandhi warf ihr einen haßerfüllten Blick zu, während Angella ganz leise lachte - und die Waffe mit einem fast beiläufigen Tritt ins Wasser beförderte.
Tally blickte ihr enttäuscht nach, sah Angella an und hob resignierend die Schultern. »Nichts für ungut. Ich habe es versucht.«
»Das ist dein Fehler, Tally«, sagte Angella kalt. »Du versuchst zu viel.«
»Stimmt«, antwortete Tally. »Ich hätte nicht nur versuchen sollen, dich umzubringen; ich hätte das Schwert besser noch zweimal herumgedreht.«
Für einen ganz kurzen Moment entgleisten Angellas Gesichtszüge. Sie hob die Hand, als wolle sie Tally schlagen, führte die Bewegung aber nicht zu Ende. Statt dessen wandte sie sich mit einem Ruck zu einem ihrer Begleiter um. »Bringt den Waga!« befahl sie. »Und dann ersäuft dieses Vieh vor ihren Augen.«
»Ich warne dich noch einmal«, sagte Jandhi. Ihre Stimme bebte vor Aufregung. »Diese beiden gehören uns.«
Angella reagierte gar nicht, und auch Tally schenkte Jandhi nur einen beinahe mitleidigen Blick. Sie hatte überhaupt keine Angst, was sie selbst ein wenig verwunderte - vielleicht, weil die Situation einfach zu absurd war.
»Es geht hier nicht mehr um deine Rache, Angella«, sagte Jandhi erregt. »Ich weiß nicht, was Tally dir angetan hat, aber du begehst einen schweren Fehler, wenn du sie nicht auslieferst.«
Ihre Hand kroch zum Gürtel, näherte sich dem kleinen, rechteckigen Kasten, in den sie hineingesprochen hatte. Ihr Daumen drückte eine winzige Vertiefung auf seiner Oberfläche. Ein kleines, grünes Licht begann an seiner Schmalseite zu leuchten. Jandhi deckte es hastig mit der Hand ab.
»Du hast Tally gefangengenommen, und mich dazu«, fuhr Jandhi fort, sehr laut und mit sonderbar übertriebener Betonung. »Wir sind in Karans Lagerschuppen und deine Geiseln. Du kannst Lösegeld von mir haben, wenn du willst. Aber selbst das Dutzend Leute, das du bei dir hast, wird dich -«
»Was tust du da?« unterbrach sie Angella zornig.
Jandhi verstummte mitten im Wort, lächelte verlegen und drückte ein zweites Mal auf ihren sonderbaren Kasten. Tally sah, wie das grüne Licht unter ihren Fingern erlosch. »Nichts«, sagte sie mit gespielter Niedergeschlagenheit. »Ich dachte nur, ich appelliere ein letztes Mal an deine Vernunft. Aber es scheint sinnlos zu sein.«
Tallys Gedanken überschlugen sich. Was hatte Jandhi getan? Sie hatte in diesen Kasten hineingesprochen, bevor Angella und ihre Leute aufgetaucht waren, aber was hatte sie jetzt getan?
Sie fing einen fast beschwörenden Blick Jandhis auf und sah rasch in eine andere Richtung. Was immer geschah - in Jandhis Gewalt würde sie wengistens am Leben bleiben, und solange sie lebte, konnte die kämpfen oder fliehen. Angella würde sie umbringen. Sehr langsam.
Zwei von Angellas Männern brachten Hrhon herein.
Der Waga war mit Ketten gebunden, und über seiner linken Schläfe war seine Haut aufgeplatzt. Einer seiner Begleiter hatte einen Dolch an seinen Hals gesetzt und so verkantet, daß sich Hrhon selbst die Kehle aufschlitzen mußte, wenn er versuchte, den Schädel in den Panzer zurückzuziehen.
Der Anblick erfüllte Tally mit jähem Entsetzen. Sie schrie auf, stieß Angella beiseite und stürmte auf den Waga zu, ohne auf das Dutzend Waffen zu achten, das sich ihr drohend entgegenreckte. Aus den Augenwinkel sah sie, wie zwei von Angellas Männern auf sie zustürzen wollten und Angella selbst sie mit einer raschen Geste zurückrief. Das Mädchen mit dem Narbengesicht genoß offensichtlich jede einzelne Sekunde. Tally verlängerte die Liste der Dinge, die sie ihr antun würde, in Gedanken um einige Punkte.
»Hrhon!« rief sie entsetzt. »Großer Gott, was haben sie dir getan?«
Angellas Männer stießen den Waga grob zu Boden.
Hrhon fiel, wälzte sich schwerfällig herum und stieß ein tiefes, schmerzerfülltes Stöhnen aus. Dunkles Echsenblut sickerte aus seinem Panzer. »Esss issst... nichtsss«, stöhnte er. Seine Stimme war viel tiefer als gewohnt, und es war ein Klang darin, der Tally frieren ließ. Die Vorstellung, daß Hrhon sterben konnte, erfüllte sie mit Panik.
Hastig kniete sie neben ihm nieder, versuchte vergeblich, seine vierhundert Pfund herumzudrehen und legte schließlich die Hand auf seine flache Stirn. Hrhons Schuppenhaut fühlte sich heiß und trocken an. »Was haben sie dir getan?« murmelte sie noch einmal. Plötzlich erfüllte sie heißer, kaum mehr zu bändiger Zorn. Aus schmalen Augenschlitzen sah sie zu Angella auf.
»Du Bestie!« zischte sie. »Dafür wirst du bezahlen.«
»So?« Angella lächelte. »Habe ich deinem Schoßhündchen weh getan? Aber keine Sorge - er wird bald von seinen Leiden erlöst sein. Packt ihn!« Die letzten Worte galten den beiden Männern, die den Waga hereingebracht hatten.
Die beiden wollten gehorchen, aber Tally fuhr mit einer so wütenden Bewegung herum, daß sie mitten im Schritt stockten und unsicher zu Angella aufsahen.
»Einen Augenblick noch, Angella«, sagte Tally. »Ich bitte dich. Er ist mein Freund.« Ihr Gaumen war trocken vor Aufregung. Sie konnte kaum sprechen. Ihre Chancen standen eins zu tausend, das wußte sie. Aber sie hatte keine Wahl.
Und zu ihrer eigenen Überraschung nickte Angella nach ein paar Sekunden. In ihren Augen blitzte es spöttisch.
»Wie rührend«, sagte sie. »Aber bitte - nimm Abschied von deinem Freund. Es ist ja nicht für lange - falls du an ein Leben nach dem Tode glaubst, heißt das.«
Tally schluckte die Bemerkung herunter, die ihr auf der Zunge lag. Sie hatte so erbärmlich wenig Zeit, daß sie es sich nicht leisten konnte, auch nur eine einzige Sekunde davon zu verschwenden.
»Es... es tut mir so unendlich leid, Hrhon«, sagte sie, leise, aber nicht so leise, daß Angella die Worte nicht hören konnte. »Ich wollte noch so viel mit dir erleben. Und jetzt endet es so.«
Hrhon blickte sie an. Seine Augen waren trüb vor Schmerz. Verstand er sie? Sie betete, daß sein Geist nicht bereits so umnebelt war, daß er nicht begriff.
»Wir werden uns wiedersehen, mein Freund«, sagte sie lächelnd. »In einer anderen Welt. Und du gehst nicht allein. Hast du noch die beiden Andenken, die wir aus dem Turm mitgebracht haben?«
Angella sog hörbar die Luft ein und fuhr auf der Stelle herum. Sie hatte begriffen.
Aber so schnell sie war - Hrhon war schneller.
Seine Arme verschwanden mit einem scharrenden Laut im Inneren seines übergroßen Schildkrötenpanzers.