»Holt Lampenöl. Ich will sie an Ort und Stelle verbrennen.«
Der Sklave neigte zur Bestätigung den Kopf und lief davon, um das Öl zu holen. Gaius trat vor das Tor und betrachtete die plumpe Anhäufung von Tod. Es war ein grässlicher Anblick, aber er spürte kein Mitgefühl in sich. Jeder von ihnen hatte mit dem Angriff auf das Gut sein Ende selbst gewählt.
Er übergoss den Haufen mit Öl, schüttete es über Fleisch und Gesichter, in offene Münder und aufgerissene Augen. Dann zündete er das Ganze an und stellte fest, dass er doch nicht dabei zusehen konnte, wie die Leichen verbrannten. Der Qualm rief ihm den Raben in Erinnerung, den er und Marcus gefangen hatten, und er rief einen Sklaven zu sich.
»Holt Fässer aus dem Lager und lasst das hier brennen, bis nur noch Asche übrig ist«, sagte er grimmig. Als die Hitze stärker wurde, ging er wieder hinein, und der Geruch folgte ihm wie ein anklagender Finger.
In der Küche fand er Tubruk, der auf der Seite lag und auf ein Stück Leder biss, während Cabera eine Dolchwunde in seinem Bauch untersuchte. Gaius sah eine Weile zu, aber es wurden keine Worte gewechselt. Er ging weiter und stieß auf den Koch, der auf einer Stufe saß und das blutige Hackbeil immer noch in den Händen hielt. Gaius wusste, dass sein Vater aufmunternde Worte für den Mann parat gehabt hätte, der so einsam und verloren aussah. Er selbst brachte nichts zusammen außer kalter Wut, und so stieg er über die Gestalt hinweg, die ins Leere starrte, als wäre Gaius gar nicht da. Dann blieb er stehen. Wenn sein Vater es getan hätte, dann würde auch er es tun.
»Ich habe gesehen, wie du auf der Mauer gekämpft hast«, sagte er zu dem Koch, und seine Stimme klang endlich wieder kräftig und fest.
Der Mann nickte und schien sich zusammenzureißen. Mühsam stand er auf.
»Das habe ich, Herr. Ich habe eine Menge getötet, aber nach einer Weile habe ich sie nicht mehr gezählt.«
»Also, nachdem ich gerade hundertneunundvierzig Leichen verbrannt habe, müssen es ziemlich viele gewesen sein«, sagte Gaius und versuchte zu lächeln.
»Ja. An mir ist niemand vorbeigekommen. Ich habe noch nie so viel Glück gehabt. Ich glaube, die Götter haben die Hand über mich gehalten. Über uns alle.«
»Hast du meinen Vater sterben gesehen?«
Der Koch stand da und hob einen Arm, als wolle er ihn dem Jungen auf die Schulter legen. Im letzten Augenblick besann er sich eines Besseren und verwandelte die Bewegung in eine Geste des Bedauerns.
»Ja. Er hat viele mit sich genommen und schon vorher viele niedergestreckt. Am Ende lagen sie haufenweise um ihn herum. Er war ein tapferer Mann. Und ein guter Mann.«
Bei diesen freundlichen Worten spürte Gaius, wie seine innere Ruhe ins Wanken kam. Er biss die Zähne zusammen. Als er den aufwallenden Kummer überwunden hatte, sagte er gütig: »Er wäre stolz auf dich gewesen, das weiß ich. Du hast gesungen, als ich dich kurz sehen konnte.«
Zu seiner Überraschung wurde der Mann rot.
»Ja. Mir hat der Kampf Spaß gemacht. Ich weiß, dass alles voller Blut und Tod war, aber es war ganz einfach, verstehst du? Jeden, der mir in die Quere kam, musste ich umbringen. Es gefällt mir, wenn die Dinge so klar sind.«
»Ich verstehe«, sagte Gaius und zwang sich zu einem betrübten Lächeln. »Ruh dich jetzt aus. Die Küche ist wieder geöffnet. Bald wird Suppe verteilt.«
»Die Küche! Und ich bin hier! Ich muss gehen, Herr, sonst taugt die ganze Suppe nichts.«
Gaius nickte, und der Mann eilte davon. Das riesige, an die Stufe gelehnte Hackbeil vergaß er. Gaius seufzte. Er wünschte, sein eigenes Leben wäre so einfach, dass er ohne weiteres Rollen annehmen und ablegen konnte.
Gedankenverloren wie er war, bemerkte er die Rückkehr des Mannes erst, als dieser etwas sagte. »Ich glaube, dein Vater wäre auch stolz auf dich gewesen. Tubruk sagt, du hättest ihn gerettet, als er am Ende erschöpft war, und das, obwohl du verletzt warst. Ich wäre stolz, wenn mein Sohn genauso stark wäre.«
Tränen schossen Gaius in die Augen. Er wandte sich ab, damit der andere sie nicht sehen konnte. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für einen Zusammenbruch, nicht, wenn das Gut in Trümmern lag und sämtliche Wintervorräte verbrannt waren. Er versuchte sich mit den Einzelheiten zu beschäftigen, kam sich aber hilflos und verlassen vor, und die Tränen flossen heftiger, als er immer und immer wieder an seinen Verlust denken musste, wie ein Vogel, der seine nässenden Wunden aufpickt.
»Hallo!«, erklang eine Stimme vor dem Haupttor.
Gaius hörte den fröhlichen Klang und riss sich zusammen. Er war das Oberhaupt des Gutes, ein Sohn Roms und seines Vaters, und er würde dem Andenken des alten Mannes keine Schande bereiten. Er stieg die Stufen zur Mauerkrone hinauf und achtete kaum auf die Geisterbilder, die auf ihn einstürzten. Sie stammten alle aus der Dunkelheit. Im Sonnenlicht besaßen die Schatten keine Wirklichkeit.
Er blickte von oben auf den Bronzehelm eines schlanken Offiziers auf einem schönen Wallach, der beim Warten ungeduldig im Boden scharrte. Der Offizier wurde von einem Contubernium von zehn Legionären begleitet. Alle Männer machten einen forschen Eindruck und steckten in sauberen Uniformen. Der Offizier hob den Blick und nickte Gaius zu. Er war ungefähr vierzig, braun gebrannt und durchtrainiert.
»Wir haben den Rauch bei euch gesehen. Wir sind hergekommen, um nachzusehen, ob die Sklaven hier auch gewütet haben. Wie ich sehe, hattet ihr genug Ärger. Mein Name ist Titus Priscus. Ich bin Zenturio in Sullas Legion, die die Stadt gerade mit ihrer Anwesenheit beglückt hat. Meine Männer durchstreifen die ganze Gegend, als Säuberungs- und Hinrichtungskommando. Könnte ich mit dem Herrn des Guts sprechen?«
»Das bin ich«, sagte Gaius. »Öffnet das Tor«, rief er nach unten. Diese Worte erreichten, was alle Plünderer in der vergangenen Nacht nicht geschafft hatten. Die schweren Torflügel wurden aufgezogen und die Männer eingelassen.
»Sieht aus, als wäre es hier draußen ziemlich übel zugegangen«, meinte Titus und jede Spur von Heiterkeit war aus seiner Stimme und seinem Auftreten verschwunden. »Nach dem Leichenhaufen hätte ich es mir denken können, aber . Habt ihr viele von euren eigenen Leuten verloren?«
»Einige. Wir haben die Mauern gehalten. Wie sieht es in der Stadt aus?« Gaius wusste nicht, was er dem Mann sagen sollte. Sollte er höflich Konversation machen?
Titus stieg ab und reichte einem seiner Männer die Zügel.
»Sie steht noch, Herr, auch wenn Hunderte von Holzhäusern in Flammen aufgegangen sind und mehrere tausend Tote auf den Straßen liegen. Die Ordnung ist fürs Erste wiederhergestellt, obwohl ich nicht empfehlen würde, nach Einbruch der Dunkelheit durch die Stadt zu laufen. Im Moment sind wir dabei, sämtliche Sklaven auf allen Gütern in der Nähe Roms zusammenzutreiben und - auf Sullas Befehl - jeden Zehnten zu kreuzigen, um ein Exempel zu statuieren.«
»Auf meinem Land soll es jeder Dritte sein. Ich werde sie ersetzen, sobald sich die Lage beruhigt hat. Mir gefällt der Gedanke nicht, dass irgendjemand, der gestern Nacht gegen mich gekämpft hat, ungestraft davonkommen könnte.«
Der Zenturio sah ihn einen Augenblick lang unsicher an.
»Entschuldige, Herr, aber darfst du diesen Befehl geben? Du wirst entschuldigen, wenn ich nachfrage, aber gibt es unter den gegebenen Umständen jemanden, der das bestätigen kann?« Einen Moment lang kochte die Wut in Gaius hoch, doch dann dachte er daran, wie er auf den Mann wirken musste. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sich zu waschen, nachdem Lucius und Cabera seine Wunden erneut genäht und verbunden hatten. Er war schmutzig, blutverschmiert und unnatürlich blass. Er wusste nicht, dass auch seine blauen Augen von dem öligen Rauch und dem Weinen rot gerändert waren und dass nur etwas in seinem Auftreten einen erfahrenen Soldaten wie Titus davon abhielt, diesem Jungen für seine Unverschämtheit eine Ohrfeige zu geben. Aber dieses Etwas war da, ohne dass Titus es hätte näher benennen können. Nur so ein Gefühl, dieser junge Mann sei jemand, den man sich nicht leichtfertig zum Feind machen sollte.