Bruder Febal setzte ein gewinnendes Lächeln auf.
»Peccavi«, murmelte er und legte seine Hand aufs Herz, um zu unterstreichen, daß er, wie sein lateinischer Ausspruch besagte, gesündigt hatte. Fidelma machte sich nicht die Mühe, darauf zu antworten.
Olcan überspielte die peinliche Situation.
»Nun, laßt uns über andere Dinge sprechen. Ist dies Euer erster Besuch im Land der Beara?«
Fidelma bejahte die Frage, denn sie war noch nie auf der Halbinsel gewesen.
»Es ist ein schönes Land, selbst mitten im Winter. In diesem Land hat unser Volk seinen Ursprung«, schwärmte Olcan. »Wußtet Ihr, daß dies hier die Küste ist, wo Mil, der erste Kelte, landete, und wo Amairgen, der Druide, den drei Göttinnen vom Volk der Danu - Banba, Fodhla und Éire - versprach, daß das Land in alle Ewigkeit nach ihnen benannt sein werde?«
Fidelma empfand plötzlich Belustigung ob der Begeisterung des jungen Mannes für seine Heimat.
»Vielleicht kann ich, wenn ich hier fertig bin, Euer Land noch etwas besser kennenlernen«, erwiderte sie ernst.
»Dann wird es mir eine Ehre sein, Euch zu begleiten«, erbot sich Olcan. »Vom Abhang des Berges dort hinter uns kann ich Euch die ferne Insel zeigen, wo Donn, der Herr der Toten, die Seelen der Verblichenen versammelte und von wo er sie auf seinem großen schwarzen Schiff gen Westen mitnahm, in die Anderwelt. Adnar kennt sich in der Geschichte dieser Gegend auch sehr gut aus, nicht wahr, Adnar?«
Der Häuptling nickte steif.
»Wie Olcan schon sagte: solltet Ihr den Wunsch verspüren, die Stätten unserer Altvorderen zu besuchen, dann wäre es uns ein Vergnügen, Euch unsere Begleitung anzubieten.«
»Ich freue mich schon darauf«, erwiderte Fidelma, denn die alten irischen Legenden faszinierten sie sehr. »Doch jetzt sollte ich besser zur Abtei zurückkehren und mit meiner Untersuchung fortfahren.«
Sie erhob sich vom Tisch, und die anderen folgten zögernd ihrem Beispiel.
Olcan schob seine Hand vertraulich unter Fidelmas Ellbogen und geleitete sie aus dem Festsaal. Bruder Febal schien es zufrieden, ohne Abschiedsgruß wieder Platz zu nehmen und seine Mahlzeit fortzusetzen, während Adnar ihnen hinterhereilte.
»Es war uns ein Vergnügen, Euch kennenzulernen, Fidelma«, sagte Olcan, als sie die Außentreppe erreichten und für einen Augenblick stehenblieben. »Allerdings ist es sehr bedauerlich, daß diese Begegnung von einem so schrecklichen Ereignis herbeigeführt wurde.« Die Meerenge lag im fahlen Sonnenlicht. Ol-can blickte hinüber zu der Stelle, wo das gallische Handelsschiff ankerte, das einzige in der Bucht.
»Ist dies das Schiff, mit dem Ihr von Ros Ailithir gekommen seid?« fragte er und betrachtete seinen fremdartigen Umriß mit plötzlich erwachtem Interesse.
Fidelma schilderte ihm den rätselhaften Vorfall in groben Zügen.
Dann wurden sie von Adnar unterbrochen.
»Heute nachmittag schicke ich meine Männer zu dem gallischen Schiff hinüber«, erklärte er entschlossen.
Fidelma wandte sich erstaunt zu ihm um.
»Wozu?«
Adnar setzte ein selbstgefälliges Lächeln auf.
»Sicher seid Ihr vertraut mit den Bergegesetzen?«
Auf seinen Tonfall reagierte Fidelma sofort ungehalten.
»Falls Ihr sarkastisch werden wollt, Adnar, würde ich Euch davon abraten. Im Streit ist Sarkasmus der Logik stets unterlegen«, erwiderte sie kalt. »Ich kenne die Bergegesetze und frage Euch noch einmal, auf welcher Grundlage Ihr vorhabt, Eure Männer hinüberzuschicken und Anspruch auf das gallische Schiff zu erheben?«
Olcan lächelte ironisch über Adnars Verlegenheit, die ihm das Blut ins Gesicht trieb.
Grollend preßte Adnar die Lippen zusammen.
»Ich stütze mich auf die Texte des Mur-Bretha, Schwester. In diesen Fragen kenne ich mich aus, schließlich bin ich hier der Friedensrichter. Sämtliches Bergegut, das an den Stranden dieser Küste anlandet, gehört mir ...«.
Olcan wandte sich mit einem entschuldigenden Lächeln an Fidelma.
»Wo er recht hat, hat er recht, nicht wahr, Schwester? Aber nur, wenn der Wert des Bergegutes auf höchstens fünf séts oder Kühe geschätzt wird. Ist der Wert höher, wird der Überschuß geteilt: ein Drittel für den bo-aire, ein Drittel für den Herrscher über dieses Gebiet, meinen Vater, und ein Drittel für die Oberhäupter der größten Stämme in der Gegend.«
Fidelma musterte den triumphierenden Gesichtsausdruck Adnars und wandte sich mit nachdenklicher Miene wieder Olcan zu.
»Bei Eurer Auslegung des Seefahrtsrechtes vergaßt Ihr hinzuzufügen, daß Euer Vater ebenfalls ein Viertel seines Anteils an den König dieser Provinz, meinen Bruder, abzugeben hätte, und der König der Provinz wiederum müßte ein Viertel des Anteils an den Oberkönig weiterleiten. So jedenfalls schreibt es das Bergegesetz vor.«
Olcan lachte laut und zeigte damit seine Anerkennung für Fidelmas genaue Kenntnis der gesetzlichen Bestimmungen.
»Bei meiner Seele, Ihr haltet, was Euer Ruf verspricht, Schwester Fidelma.«
Um bei der Wahrheit zu bleiben, Fidelma hatte die Texte des Mur-Bretha erst vor kurzem gelesen, als sie den Fall in Ros Ailithir untersuchte. Damals hatte sie festgestellt, daß ihr Wissen über die Gesetze, die die Seefahrt betrafen, erbärmliche Lücken aufwies. Nur dank ihrer kürzlichen Lektüre konnte sie jetzt so sicher auftreten.
»Dann wird Euch auch bekannt sein«, fügte Adnar mit einer Dreistigkeit, die fast schon an Gerissenheit grenzte, hinzu, »daß ich als bo-aire eine Geldstrafe gegen Ross verhängen muß, weil er mich und die Häuptlinge dieses Bezirks nicht unverzüglich unterrichtet hat, als er das Schiff als Bergegut in unseren Hafen brachte. Auch das steht in dem Gesetz.«
Fidelma musterte Adnars grinsendes Gesicht, blieb jedoch ernst. Sie schüttelte langsam den Kopf und beobachtete dabei, wie sich seine Miene veränderte und er immer fassungsloser dreinblickte.
»Ihr müßt Eure Gesetze über frith-fairrgi oder >Funde auf See< genauer studieren.«
»Warum das?« fragte Adnar mit einer Stimme, die angesichts ihrer ruhigen Zuversicht nicht mehr ganz so selbstsicher klang.
»Weil Ihr, wenn Ihr den Text sorgfältig gelesen hättet, wüßtet, daß jeder, wenn er einen wertvollen Gegenstand, der auf See trieb, mitbringt - und das gilt für ein Schiff ebenso wie für einfaches Treibgut und über Bord geworfenes Gut -, und wenn dieser Gegenstand mehr als neun Wellen von der Küste entfernt geborgen wurde, ein Anrecht darauf hat, das ihm niemand, nicht einmal der Oberkönig, streitig machen kann. Deshalb gehört dieses Schiff Ross und keinem anderen. Nur wenn die Bergung innerhalb einer Entfernung von neun Wellen vor der Küste stattgefunden hätte, könntet Ihr einen Anspruch anmelden.«
Die Länge von neun Wellen entsprach der Länge eines Maßes, das man forrach nannte, und ein forrach wiederum entsprach einer Länge von etwa fünfzig Metern. Folglich hatte Ross’ Begegnung mit dem gallischen Schiff weit außerhalb der Küstengewässer auf hoher See stattgefunden.
Die Entfernung von neun Wellen hatte eine symbolische Bedeutung, die bis in die heidnische Zeit zurückreichte. Noch heute wurde das magische Symbol der neun Wellen selbst von zahlreichen Anhängern des christlichen Glaubens fraglos anerkannt. Vor zwei Jahren, als die furchteinflößende Gelbe Pest in den fünf Königreichen wütete, war Colman, der bedeutendste Gelehrte der Universität des Heiligen Finbarr in Cork, mit seinen Studenten auf eine Insel geflohen, um neun Wellen Abstand zum irischen Festland zu gewinnen. Er hatte behauptet, »die Pest reist nicht weiter als neun Wellen«.