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Adnar starrte Fidelma entgeistert an.

»Treibt Ihr Scherze mit mir?« stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Olcan sah, wie sich Fidelmas Augenbrauen zusammenzogen. »Natürlich nicht, Adnar«, sagte er lachend. »Kein Beamter der Gerichtsbarkeit treibt jemals Scherze mit dem Gesetz. Ihr, mein verehrter bo-aire, seid einfach falsch informiert.«

Adnar drehte sich empört zu dem jungen Prinzen um.

»Aber ...«, wollte er gerade protestieren, wurde jedoch durch einen kurzen, wütenden Blick von Olcan zum Schweigen gebracht.

»Genug! Ich bin der Sache ebenso überdrüssig wie vermutlich Schwester Fidelma.« Er lächelte sie freundlich an. »Wir müssen sie jetzt zur Abtei zurückkehren lassen. Werdet Ihr den Rat von Adnar und Bruder Febal beherzigen? Ja, das werdet Ihr«, fuhr er fort, bevor sie antworten konnte. »Wie auch immer, wenn Ihr während Eures Aufenthaltes im Land der Beara irgendeinen Wunsch habt, braucht Ihr ihn nur zu äußern. Ich spreche damit nicht nur in meinem Namen, sondern auch in dem meines Vaters Gulban.«

»Das ist gut zu wissen, Olcan«, erwiderte Fidelma ernst. »Und jetzt werde ich meine Aufmerksamkeit drängenderen Problemen zuwenden. Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft, Adnar . und für Euern Rat.«

Sie war sich bewußt, daß die beiden ihr von den Festungsmauern aus mit den Blicken folgten, als sie zum Pier hinunterschritt, wo ihr ein wortkarger Krieger ins Boot half. Sie sah, wie sie sie immer noch beobachteten, während sie sich in die Riemen legte und das kleine Boot mit rhythmischen Schlägen über die Bucht zur Abtei zurückruderte. Fidelma fühlte sich unbehaglich. Ihr Besuch in Adnars Festung bereitete ihr Kopfzerbrechen.

Adnar und Olcan waren durchaus angenehme Gesellschafter. Sie konnte ihre spontane Abneigung gegen die beiden nicht ganz begreifen. Olcans Äußeres fand sie zwar eher abstoßend, doch war er keineswegs unfreundlich. Adnar hatte versucht, sie hinsichtlich der Bergung des gallischen Schiffes auszustechen, aber sie sollte ihm das nicht zum Vorwurf machen. Was ihr die größte Sorge bereitete, war ihre fast irrationale Aversion gegen die beiden. Da war etwas, was ihr tiefstes Mißtrauen weckte und wogegen sie sich augenblicklich sträubte. Vielleicht nahm sie ihnen übel, daß sie sich zusammentaten und Gerüchte über Draigen verbreiteten. Sie würde bald herausfinden, ob die Geschichten über die Äbtissin der Wahrheit entsprachen. Und falls dem so war, bedeutete das dann nicht zwangsläufig eine Mitschuld der Schwestern in der Abtei? Denn falls Draigen Schuld auf sich geladen hatte, war es unmöglich, daß die gesamte Gemeinschaft nichts davon wußte.

Sie steuerte das Boot längsseits des hölzernen Anlegestegs der Abtei und fragte sich erneut, ob die Anschuldigungen wahr sein konnten.

Als sie das Boot festmachte und an Land kletterte, hörte sie das Schlagen des Gongs.

Kapitel 6

Als Schwester Siomha eine halbe Stunde nach der Mittagszeit - der Zeit, zu der Fidelma sie um ihr Erscheinen gebeten hatte - noch immer nicht im Gästehaus aufgetaucht war, beschloß Fidelma, sich auf die Suche nach der Verwalterin zu begeben. Sie überprüfte die Uhrzeit an der prunkvollen bronzenen Sonnenuhr, die in der Mitte des Innenhofes stand und deren lateinische Inschrift ostentativ verkündete: >Horas non numéro nisi serenas - Ich zähle nicht die Stunden, es sei denn, sie sind heiter.< Es war ein kalter Tag, aber die nächtlichen Schneewolken waren weitergezogen, und der Himmel war strahlend und klar.

Die hübsche junge Schwester Lerben, die auf Fidelma wirkte wie die persönliche Dienerin der Äbtis-sin, schickte Fidelma zum Turm hinter der hölzernen Kirche und erklärte ihr, sie werde Schwester Siomha im oberen Stockwerk finden, wo sie die Wasseruhr beaufsichtige. Der Turm war ein großes Gebäude direkt neben dem gemauerten Vorratsraum, den Fidelma am vergangenen Abend betreten hatte. Sein Fundament bestand aus Steinen, die oberen Stockwerke waren aus Holz gebaut, und er ragte etwa zwölf Meter in die Höhe. Oben auf dem flachen Dach war die Hauptglocke zu sehen, die die Gemeinschaft zu den Gebeten rief.

Während Fidelma vom Erdgeschoß aus die hölzernen Stufen hinaufstieg, spürte sie zunehmenden Ärger über die Arroganz der Verwalterin, die ihre Vorladung einfach ignoriert hatte. Wenn ein ddlaigh das Erscheinen eines Zeugen verlangte, dann hatte der Zeuge dem nachzukommen. Andernfalls drohte ihm eine Geldbuße. Fidelma beschloß, dafür zu sorgen, daß die eingebildete Schwester Siomha diese Lektion lernte.

Der quadratische Turm war so konstruiert, daß die Räume übereinanderlagen und mit einer Treppe verbunden waren; die Fußböden bestanden aus Birkendielen, die auf starken Eichenbalken ruhten. Jeder Raum hatte vier Fenster, die einen Ausblick nach allen vier Himmelsrichtungen boten. Dennoch wirkten die Räume nicht lichtdurchflutet, sondern lagen eher im Zwielicht. Der Turm, zumindest die beiden unteren Stockwerke, beherbergte das Tech-screptra, das >Haus der Handschriften<, die Bibliothek der Gemeinschaft. Holzgestelle mit Reihen von Haken füllten den Raum, und an jedem Haken hing eine tiag liubhar oder Büchertasche.

Fidelma war erstaunt über die stattliche Sammlung, die die Abtei Der Lachs aus den Drei Quellen in ihrem Besitz hatte. Es mußten mindestens fünfzig oder mehr Büchertaschen sein, die in den beiden ersten Stockwerken an den Haken hingen. Einige davon nahm sie sorgfältig in Augenschein und fand zu ihrer weiteren Verblüffung unter anderem Kopien der Werke des berühmten irischen Gelehrten Longarad von Sliabh Marga. Eine andere Büchertasche enthielt die Werke von Dallan Forgaill von Connacht, der zu seiner Zeit den Vorsitz bei den Großen Bardenversammlungen geführt hatte und vor siebzig Jahren ermordet worden war. Der Verdacht fiel damals auf Guaire den Gastfreundlichen, den König von Con-nacht, doch man konnte ihm nie etwas nachweisen. Das war eines der großen Geheimnisse, über die Fidelma häufig nachdachte, und sie wünschte, sie hätte zu jener Zeit gelebt, um das Rätsel um Dallans Tod lösen zu können.

Sie schaute in die nächste Büchertasche und fand eine Kopie der Teagasc Ri, der Anweisungen des Königs. Der Autor dieses Handbuches war Oberkönig Cormac Mac Art, der im Jahre 254 A.D. in Tara gestorben war. Er hatte sich zwar nicht zum Christentum bekehren lassen, wurde aber dennoch als einer der weisesten und mildtätigsten Herrscher Irlands gerühmt. In seinem Werk waren Anweisungen zu Lebensführung, Gesundheit, Ehe und Benehmen zu-sammengestellt. Fidelma lächelte, als sie sich an ihren ersten Unterrichtstag bei ihrem Mentor, Brehon Mo-rann von Tara, erinnerte. Sie war sehr schüchtern gewesen und hatte kaum zu reden gewagt, doch Morann hatte ihr einen Satz aus Cormacs Buch vorgelesen: »Bist Du zu redselig, wird niemand Dich achten; bist Du zu schweigsam, wird niemand Dich beachten.«

Sie zog die Augenbrauen zusammen, während sie die Pergamentseiten des Buches durchblätterte. Viele waren mit rötlichem Schmutz befleckt. Wie konnte ein guter Bibliothekar zulassen, daß ein solches Kleinod derart verwahrloste? Sie nahm sich vor, mit der Bibliothekarin über den Zustand des Buches zu sprechen, und steckte es in seine Tasche zurück, während sie sich Vorwürfe machte, weil sie sich von dem Zweck ihres Besuches im Turm hatte ablenken lassen.

Widerstrebend verließ sie die Bibliothek und stieg in den dritten Stock hinauf. Dort befand sich das Skriptorium, wo die Schreiberinnen und Kopistinnen arbeiteten. Auf den Schreibtischen lagen Stapel von Gänse-, Schwanen- und Krähenfedern, die darauf warteten, angespitzt zu werden. Schreibrahmen standen bereit, bespannt mit Pergament oder den Häuten von Schafen, Ziegen oder Kälbern, sowie Gefäße mit tief schwarzer Tinte, die aus Kohlenstoff hergestellt und äußerst haltbar war.

Jetzt war das Skriptorium leer. Vermutlich nahmen die Schreiberinnen gerade ihre Mahlzeit ein, die dem mittäglichen Ängelus folgte. Durch das Süd- und das Westfenster warf die fahle Sonne einen scharf umris-senen Strahl durchsichtigen Lichtes in den Raum, der ihn erhellte und ihn trotz der eisigen Luft warm und anheimelnd wirken ließ. Was für ein geräumiger und sicherer Ort zum Arbeiten, dachte Fidelma. Der Ausblick war atemberaubend. Durch die Fenster sah sie im Süden und Westen das schimmernde Meer und die Landzungen, die die Meerenge umschlossen. Das gallische Schiff lag noch immer vor Anker. Die Segel waren eingerollt, doch von Odar und seinen Männern war nichts zu sehen.