Vermutlich ruhten sie sich aus oder nahmen ihr Mittagsmahl ein. Das Wasser rund um das Schiff glitzerte und spiegelte das zarte Blau des klaren Himmels wider. Genau im Westen konnte sie Adnars Festung erkennen, und wenn sie sich nach Norden und Osten wandte, lagen vor ihr die Wälder und die hohen, schneebedeckten Gipfel der Berge, die sich auf der Halbinsel dahinzogen wie das gezackte Rückgrat einer Echse.
Sie trat zum Nordfenster und spähte hinaus. Unter ihr gruppierten sich die Abteigebäude um die große Lichtung auf der tiefliegenden Landspitze. Jetzt wirkte alles verlassen und bestätigte Fidelmas Vermutung, daß die Schwestern gerade ihre Mittagsmahlzeit im Refektorium einnahmen. Die Abtei Der Lachs aus den Drei Quellen war zweifellos wunderschön gelegen. Das hohe Kreuz stand prachtvoll und weiß im Sonnenlicht. Direkt unter ihr befand sich der Innenhof mit der Sonnenuhr in der Mitte. Zahlreiche einzeln stehende Gebäude begrenzten den Hof an den Seiten, und die große Holzkirche, die duirthech, bildete den südlichen Abschluß des gepflasterten Platzes. Hinter den Hauptgebäuden, die den Innenhof umschlossen, standen noch weitere Häuser aus Holz sowie einige aus Stein, in denen die Nonnen wohnten und arbeiteten.
Fidelma wollte sich gerade umdrehen, als ihr eine kaum merkliche Bewegung ins Auge fiel. Auf einem Pfad, der sich etwa eine halbe Meile von der Abtei entfernt aus den Bergen hinunterschlängelte und am Waldrand zu verschwinden schien und der wahrscheinlich zu Adnars Festung führte, erspähte sie ein Dutzend Reiter, die ihre Pferde behutsam lenkten. Sie kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Den Reitern folgten Männer zu Fuß. Fidelma hatte Mitleid mit ihnen. Auf dem abschüssigen, felsigen Boden konnten sie nur unter großer Anstrengung mit den Berittenen Schritt halten.
Sie vermochte wenig zu erkennen, nur, daß die vordersten Reiter prunkvoll ausstaffiert waren. Die Sonne beschien ihre farbenprächtige Kleidung und funkelte und glühte auf ihren polierten Schilden. An der Spitze des Zuges trug einer der Reiter einen langen Stab mit einem Banner. Die wallende Seide flatterte so heftig im Wind, daß sie das Wappen darauf aus der Entfernung nicht ausmachen konnte. Auf den Schultern eines Reiters entdeckte sie etwas Sonderbares. Aus der Entfernung sah es auf den ersten Blick so aus, als hätte der Mann zwei Köpfe. Nein! Der seltsame Umriß bewegte sich, und Fidelma begriff, daß auf der Schul-ter des Reiters ein großer Falke saß. Reiter und Fußvolk verschwanden schließlich hinter dem Waldrand und damit aus ihrem Blickfeld.
Fidelma blieb noch ein Weilchen stehen und wartete gespannt, ob sie sie noch einmal zu sehen bekäme, doch der dichte Eichenwald rundherum verbarg sie nun, nachdem sie den Abhang hinter sich gelassen hatten, vor ihrem Blick. Sie fragte sich, wer die Männer wohl waren. Doch es hatte keinen Sinn, Zeit mit Fragen zu verschwenden, wenn sie keine Möglichkeit hatte, die Antwort zu finden.
Fidelma wandte sich vom Fenster ab und ging hinüber zur Treppe, die in das vierte und höchstgelegene Stockwerk des Turms führte.
Sie betrat den oberen Raum durch die Klappe im Boden, ohne vorher anzuklopfen oder ihr Kommen anderweitig anzukündigen.
Schwester Siomha war über ein großes Bronzebek-ken gebeugt, das dampfend auf einer steinernen Feuerstelle stand. Die rechtaire der Gemeinschaft blickte verärgert auf und verzog das Gesicht, als sie Fidelma erkannte.
»Ich habe mich schon gefragt, wann Ihr endlich kommen würdet«, begrüßte sie die ddlaigh gereizt.
Fidelma war sprachlos, und das geschah nicht sehr oft. Unwillkürlich weiteten sich ihre Augen.
Schwester Siomha rückte eine kleine Kupferschale zurecht, die oben auf dem dampfenden Bronzebecken schwamm. Dann erst richtete sie sich auf und drehte sich um.
Erneut fiel es Fidelma nicht leicht, dieses engelhafte, herzförmige Gesicht mit der verantwortungsvollen Stellung und den Aufgaben einer rechtaire in Einklang zu bringen. Sie musterte Siomha eingehend und bemerkte ihre großen bernsteinfarbenen Augen. Die Lippen waren voll, und hie und da lugte eine Strähne braunen Haares unter ihrer Kopfbedeckung hervor. Ihre Sommersprossen und die großen Augen wirkten entwaffnend und unschuldig. Dennoch funkelte etwas tief in diesen Bernsteinaugen, ein Ausdruck, den Fidelma nur mit Mühe deuten konnte - rastloser, alles verzehrender Haß.
Fidelma zog die Augenbrauen zusammen und versuchte, ihren Ärger von vorhin wieder zu spüren.
»Wir sind übereingekommen, uns zur Mittagszeit im Gästehaus zu treffen«, begann sie, doch zu ihrer Überraschung schüttelte die junge Schwester entschieden den Kopf.
»Wir sind nicht übereingekommen«, entgegnete sie schroff. »Ihr habt mir befohlen, mittags dort zu sein, und seid dann fortgegangen, bevor ich antworten konnte.«
Fidelma war perplex. Das war zweifellos eine mögliche Lesart ihres Wortwechsels. Man durfte jedoch die arrogante Anmaßung nicht vergessen, die das junge Mädchen von Anfang an an den Tag legte und die Fidelma zu ihrer Reaktion veranlaßt hatte, um ihrer Unverschämtheit und Respektlosigkeit zu begegnen. Doch offensichtlich hatte sie daraus keinerlei Schlußfolgerungen gezogen und Fidelma völlig falsch verstanden.
»Habt Ihr eigentlich begriffen, Schwester Siomha, daß ich eine Bevollmächtigte der Gerichtsbarkeit bin und über gewisse Rechte verfüge? Ich habe Euch als Zeugin vorgeladen, und wer meiner Vorladung nicht Folge leistet, wird nach dem Gesetz mit einer Geldbuße bestraft.«
Schwester Siomha schnaubte hochmütig.
»Ich interessiere mich nicht für Euer Gesetz. Ich bin Verwalterin dieser Abtei, und meine Aufgaben hier erfordern meine gesamte Aufmerksamkeit. In erster Linie bin ich meiner Äbtissin verpflichtet und den Regeln meiner Gemeinschaft.«
Fidelma schluckte sichtbar.
Sie wußte nicht genau, ob die junge Schwester sie aus Naivität behinderte oder ob sie einfach halsstarrig war.
»Dann habt Ihr noch viel zu lernen«, erwiderte sie schließlich schneidend. »Ihr werdet die Geldbuße zahlen, die ich festlege, und um sicherzustellen, daß Ihr meinen Anordnungen in Zukunft Folge leistet, soll dies in Anwesenheit von Äbtissin Draigen geschehen. Jetzt werdet Ihr mir erst einmal berichten, wie es kam, daß Ihr bei Schwester Bronach ward und mit ihr zusammen den Leichnam aus dem Brunnen geborgen habt.«
Schwester Siomha öffnete den Mund, als wolle sie mit Fidelma streiten, doch sie besann sich eines Besseren. Sie ging zu einem Stuhl und ließ sich darauf nieder. Ihre Bewegungen hatten wenig mit denen einer Nonne gemein: keine ruhige Ausgeglichenheit, kein bescheidenes Händefalten, keine beschauliche Ergebenheit. Ihr Körper strotzte nur so vor Aggression und Arroganz.
Der Stuhl war die einzige Sitzgelegenheit im Zimmer, und Fidelma blieb nichts anderes übrig, als vor dem sitzenden Mädchen stehenzubleiben. Sie blickte sich rasch um. Auch dieser Raum hatte vier Fenster, doch waren sie größer als in den unteren Stockwerken. An einer Wand waren Holzscheite und Zweige aufgestapelt, gegenüber befand sich die steinerne Feuerstelle, deren Rauch durch das Westfenster entwich. Wenn der Wind umschlug, wurde der Qualm wohl manchmal auch in den Raum hineingeweht, denn es roch durchdringend nach Holzfeuer. Das einzige andere Möbelstück im Zimmer war ein kleiner Tisch mit Schreibtafeln und mehreren graib, metallenen Schreibgriffeln, darauf. Vor dem Nordfenster stand ein großer, kupferner Gong mit einem Stock.