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Über eine Leiter in einer anderen Ecke gelangte man auf das Flachdach des Turmes, auf dem sich, wie sie wußte, das Gestell mit der großen bronzenen Glocke befand. Jeweils pünktlich zur Stunde der Andacht und des Gebetes stieg eine Schwester hinauf und läutete sie.

All dies erfaßte Fidelma mit einem kurzen Blick. Dann wandte sie sich wieder Schwester Siomha zu.

»Ihr habt meine Frage nicht beantwortet«, sagte sie ruhig.

»Schwester Bronach hat Euch zweifellos erzählt, was geschehen ist«, erwiderte Siomha stur.

In Fidelmas Miene glomm ein gefährliches Feuer.

»Und nun werdet Ihr es mir erzählen.«

Die Verwalterin unterdrückte einen Seufzer. Sie antwortete mit monotoner Stimme, wie ein Kind, das eine altbekannte Lektion herunterleiert.

»Es ist Schwester Bronachs Aufgabe, Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Wenn Äbtissin Draigen vom Mittagsgebet aus der Kirche zurückkehrt, hat Schwester Bronach normalerweise in ihrem Gemach schon Wasser für sie bereitgestellt. An jenem Tag war jedoch weder von dem Wasser noch von Schwester Bronach etwas zu sehen. Die Äbtissin beauftragte mich als Verwalterin, Bronach suchen zu gehen ...«

»Schwester Bronach bekleidet das Amt der Pförtnerin dieser Abtei, nicht wahr?« schaltete sich Fidelma ein, die die Antwort zwar genau kannte, jedoch nach einer Möglichkeit suchte, den eintönigen Vortrag zu unterbrechen.

Siomha wirkte einen Augenblick verwirrt und nickte dann.

»Sie ist seit vielen Jahren hier und ist älter als die meisten anderen Mitglieder der Gemeinschaft, abgesehen von unserer Bibliothekarin, die die Älteste ist. Sie bekleidet dieses Amt mehr dank ihres Alters als dank ihrer Fähigkeiten.«

»Ihr könnt sie nicht leiden, nicht wahr?« schlußfolgerte Fidelma.

»Leiden?« Das junge Mädchen schien ob der Frage überrascht. »Hat nicht Äsop geschrieben, daß es wenig Zuneigung gibt, wo keine Gleichheit herrscht?

Zwischen Schwester Bronach und mir herrscht noch nicht einmal Ähnlichkeit.«

»Man muß nicht gleich seelenverwandt sein, um Zuneigung füreinander zu empfinden.«

»Mitleid ist keine Grundlage für Zuneigung«, erwiderte das Mädchen. »Und das ist das einzige Gefühl, das ich für Schwester Bronach aufbringen kann.«

Fidelma wurde klar, daß es Schwester Siomha trotz all ihrer Eitelkeit nicht an Intelligenz mangelte. Sie verfügte über eine bemerkenswerte Redegewandtheit, mit deren Hilfe sie ihre innersten Gedanken zu verbergen vermochte. Doch immerhin hatte Fidelma ihren Widerstand, der in ihrem monotonen Vortrag zum Ausdruck kam, gebrochen. Aus einer lebhafteren Stimme konnte man weitaus mehr Schlüsse ziehen. Sie beschloß, eine andere Richtung einzuschlagen.

»Ich habe den Eindruck gewonnen, daß Ihr in dieser Gemeinschaft mit fast niemandem freundschaftlichen Umgang pflegt. Ist das richtig?«

Sie hatte den Hinweis von Schwester Bronach aufgeschnappt, war jedoch überrascht, als Schwester Siomha das nicht abstritt.

»Als Verwalterin ist es nicht meine Aufgabe, es jedem rechtzumachen. Ich habe viele Entscheidungen zu treffen, und nicht alle gefallen meinen Schwestern im Glauben. Doch ich bin hier die rechtaire und bekleide eine verantwortungsvolle Position.«

»Aber Ihr trefft Eure Entscheidungen doch sicherlich mit Billigung der Äbtissin?«

»Ich genieße ihr uneingeschränktes Vertrauen.« In der Stimme des Mädchens lag ein prahlerischer Unterton.

»Ich verstehe. Nun, laßt uns auf die Entdeckung der Toten zurückkommen. Also, auf Verlangen der Mutter Oberin machtet Ihr Euch auf die Suche nach Schwester Bronach?«

»Sie war am Brunnen, hatte jedoch Schwierigkeiten, das Seil hochzuziehen. Ich dachte zuerst, sie wolle nur ihre Säumigkeit vertuschen.«

»Ach Ja? Warum denn das?«

»Ich hatte nur ein, zwei Stunden zuvor dort Wasser geschöpft und dabei keinerlei Probleme gehabt.«

Fidelma beugte sich rasch nach vorn. »Erinnert Ihr Euch genau, um welche Zeit Ihr Wasser aus dem Brunnen holtet?«

Schwester Siomha legte den Kopf auf die Seite und schien über die Frage nachzudenken.

»Höchstens zwei Stunden vorher.«

»Und zu diesem Zeitpunkt ist Euch natürlich nichts Außergewöhnliches aufgefallen?«

»Wäre dem so gewesen«, erwiderte Siomha spöttisch, »hätte ich etwas gesagt.«

»Selbstverständlich hättet Ihr das. Aber laßt mich eines klarstellen - Euch ist nichts Ungewöhnliches am Brunnen aufgefallen? Kein Durcheinander, keine Blutflecken im Schnee?«

»Nichts.«

»War jemand bei Euch?«

»Wozu denn?«

»Egal. Ich wollte lediglich den Zeitraum eingren-zen, in dem die Tote in den Brunnen gehängt wurde. Es scheint, daß man den Leichnam erst kurz vor seiner Entdeckung dort versteckte. Das würde bedeuten, wer immer das tat, tat es am hellichten Tag, selbst auf die Gefahr hin, von jemandem aus der Abtei beobachtet zu werden. Findet Ihr das nicht merkwürdig?«

»Das kann ich nicht beurteilen.«

»Na schön. Fahrt fort.«

»Mühselig und langsam kurbelten wir das Seil nach oben. Dann fanden wir den Leichnam, der daran festgebunden war. Wir schnitten ihn ab und holten die Äbtissin.«

Die Einzelheiten stimmten mit dem Bericht von Schwester Bronach überein.

»Habt Ihr die Tote erkannt?«

»Nein. Wie sollte ich auch?« Ihre Stimme klang schneidend.

»Wird irgend jemand aus dieser Gemeinschaft vermißt?«

Die großen Bernsteinaugen von Schwester Siomha weiteten sich merklich, und einen Augenblick lang war Fidelma sicher, in ihren unergründlichen Tiefen Angst aufflackern zu sehen.

»Jemand aus Eurer Gemeinschaft ist verschwunden - um wen handelt es sich?« fragte sie schnell, in der Hoffnung, den kurzen Moment, in dem Siomha zumindest den Anflug eines Gefühls zeigte, ausnutzen zu können.

Doch Schwester Siomha blinzelte und hatte sich augenblicklich wieder unter Kontrolle.

»Ich habe keine Ahnung, wovon Ihr redet«, erwiderte sie. »Aus unserer Gemeinschaft ist niemand verschwunden.« Fidelma entging die kaum merkliche Veränderung der Betonung nicht. »Falls Ihr damit andeuten wollt, daß es sich bei der Toten um eine unserer Schwestern handelt, dann irrt Ihr Euch.«

»Denkt noch einmal nach und vergeßt nicht, welche Strafen Euch für das Verschweigen der Wahrheit vor einem Beamten der Gerichtsbarkeit drohen.«

Schwester Siomha sprang mit wütender Miene auf.

»Ich habe es nicht nötig zu lügen. Was werft Ihr mir eigentlich vor?«

»Ich werfe Euch gar nichts vor ... bis jetzt«, erwiderte Fidelma, unbeeindruckt von dieser Zurschaustellung unverhohlener Mißachtung. »Ihr behauptet also, daß niemand aus der Gemeinschaft verschwunden ist? Ihr könnt über all Eure Schwestern Rechenschaft ablegen?«

»Ja.«

Fidelma war das kurze Zögern vor Schwester Siom-has Antwort nicht entgangen, doch erschien es ihr sinnlos, die Verwalterin unter Druck zu setzen. Sie fuhr fort: »Als Ihr die Äbtissin holtet, deutete sie da in irgendeiner Weise an, daß sie den Leichnam erkannte?«

Die Verwalterin starrte sie an, als versuche sie, die Motive für diese Frage zu ergründen.

»Wie sollte die Äbtissin die Tote denn erkennen? Sie hatte doch keinen Kopf.«

»Also war Äbtissin Draigen beim Anblick des Leichnams überrascht und entsetzt?«

»Genau wie wir alle, Ja.«

»Und Ihr habt keine Ahnung, wer die Tote war?«

»Bei meiner Seele!« stieß das Mädchen hervor. »Das habe ich doch schon gesagt. Ich finde Eure Fragerei äußerst widerwärtig und werde Äbtissin Draigen davon berichten.«

Fidelma lächelte verkniffen.

»Ach, genau. Äbtissin Draigen. Wie ist eigentlich Euer Verhältnis zu ihr?«

Der funkelnde Blick der Verwalterin wurde unsicher.

»Ich verstehe nicht ganz, was Ihr meint.« Ihre Stimme klang eisig und bekam einen drohenden Unterton.