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»Das heiße Wasser dringt durch das Loch im Boden der Schale und füllt sie allmählich, bis sie schließlich auf den Grund sinkt. Wenn das passiert, ist eine Zeitspanne von fünfzehn Minuten verstrichen. Wir nennen das eine pongc. Sobald die Schale auf den Grund des Beckens sinkt, muß die Aufseherin den Gong schlagen. Es gibt vier pongc pro uair, und sechs uair sind ein cadar. Nach jeder vierten pongc machen wir nach dem Gongschlag eine Pause und schlagen dann die Zahl der uair; nach jeder sechsten uair machen wir wiederum eine Pause und schlagen dann die Zahl der cadar, der Tagesviertel, an. Eigentlich eine sehr einfache Methode.«

Schwester Bronachs Erklärung wurde immer lebhafter, und zum ersten Mal in Fidelmas kurzen Begegnungen mit ihr wirkte sie richtig lebendig.

Fidelma schwieg einen Augenblick, in Gedanken versunken, und hatte plötzlich eine Idee, wie sie noch mehr in Erfahrung bringen könnte.

»Und die Wasseruhr ermöglichte Euch, den genauen Zeitpunkt anzugeben, zu dem Ihr den Leichnam gefunden habt?«

Schwester Bronach nickte abwesend, während sie die Wassertemperatur kontrollierte und das Feuer unter dem großen Becken schürte.

»Es ist also ein recht umständliches Geschäft, die Wasseruhr zu beaufsichtigen?«

»Ziemlich umständlich«, stimmte die Schwester zu.

»Um so mehr hat es mich verwundert, die rechtaire bei der Verrichtung dieser Aufgabe anzutreffen«, bemerkte Fidelma spitzfindig.

Bronach antwortete mit einem Kopfschütteln.

»Ganz und gar nicht. Wir sind sehr stolz auf die Genauigkeit unserer Klepsydra. Jedes Mitglied der Gemeinschaft erklärt sich beim Eintritt in die Abtei damit einverstanden, sich an der Beaufsichtigung der Uhr zu beteiligen. So steht es in unseren Regeln. Schwester Siomha ist immer sehr darauf bedacht, daß diese Regeln eingehalten werden. In den letzten Wochen hat sie sogar darauf bestanden, die meisten Nachtwachen selbst zu übernehmen - das heißt von Mitternacht bis zum morgendlichen Ängelus. Sogar unsere Mutter Oberin übernimmt manchmal die Aufsicht, wie alle anderen auch. Niemand darf die Uhr länger als ein cadar, also länger als sechs Stunden, beaufsichtigen.«

Fidelma runzelte plötzlich die Stirn.

»Wenn Schwester Siomha heute Nacht Dienst tut, was hatte sie dann jetzt, kurz nach der Mittagszeit, hier zu suchen?«

»Ich habe nicht gesagt, daß sie alle Nachtwachen übernimmt. Das wäre auch nicht erlaubt, schließlich muß jede Schwester mal die Uhr beaufsichtigen. Sie übernimmt allerdings die meisten Nachtdienste, und sie ist eine äußerst penible Person.«

»Und hatte Siomha auch Dienst in der Nacht, bevor der Leichnam entdeckt wurde?«

»Ja, ich glaube schon.«

»Ein ziemlich langweiliger Dienst: immer nur dar-auf warten, daß die Schale sinkt, und sich dann erinnern, wie oft der Gong geschlagen werden muß«, bemerkte Fidelma.

»Nicht, wenn man ein kontemplativer Mensch ist«, erwiderte Schwester Bronach. »Es gibt nichts Entspan-nenderes, als das erste cadar zu übernehmen, von Mitternacht bis zum morgendlichen Ängelus. Diese Zeit mag ich am liebsten. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum Schwester Siomha gern den Nachtdienst übernimmt. Man kann in aller Ruhe seinen Gedanken nachhängen.«

»Aber Gedanken können sich selbständig machen«, erklärte Fidelma unbeirrt. »Ihr könntet vergessen, wieviel Zeit bereits verstrichen ist und wie oft der Gong geschlagen werden muß.«

Schwester Bronach ergriff eine Tafel, die aus einem Holzrahmen bestand, der eine Schicht weichen Lehms umschloß. Daneben lag ein Griffel, Sie machte mit dem Griffel ein Zeichen und reichte Fidelma die Tafel.

»Gelegentlich kommt das vor«, gestand sie. »Doch wir müssen gewisse Rituale einhalten. Jedesmal, wenn wir den Gong anschlagen, müssen wir pongc, uair und cadar hier verzeichnen.«

»Aber Fehler sind möglich?«

»O Ja. In der Nacht, von der Ihr spracht, in der Nacht, bevor wir den Leichnam entdeckten, hatte sich sogar Schwester Siomha verrechnet.«

»Verrechnet?«

»Zeitnehmerin zu sein ist eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe, aber sollten wir einmal vergessen, wie oft wir den Gong schlagen müssen, dann brauchen wir nur auf der Tafel nachzuschauen, und wenn sie voll ist, streichen wir sie einfach wieder glatt und beginnen von vorne. Schwester Siomha muß mehrere Zeiträume falsch berechnet haben, denn als ich sie am Morgen ablöste, war die Lehmtafel verwischt und ungenau.«

Fidelma musterte die Tafel eingehend. Sie interessierte sich weniger für die Zahlen, die dort verzeichnet waren, als vielmehr für die Beschaffenheit des Lehms. Er war von einem sonderbaren Rot, das ihr bekannt vorkam.

»Stammt der Lehm aus dieser Gegend?«

Schwester Bronach nickte.

»Und woher kommt diese merkwürdige rote Färbung?«

»Oh, das. Ganz in der Nähe gibt es Kupferminen, und dieser Lehm ist typisch für die Gegend hier: er ist eine Mischung aus Kupfer, Lehm und Wasser, daher die auffallende rote Tönung. Der Lehm ist einfach ideal für unsere Schreibtafeln. Die Oberfläche bleibt länger weich als bei normalem Lehm, so daß wir keine anderen Schreibmaterialien verschwenden müssen. Für die Aufzeichnungen über die Klepsydra gibt es nichts Besseres.«

»Kupfer«, flüsterte Fidelma nachdenklich. »Kupferminen.«

Sie fuhr mit einem Finger über die Oberfläche des weichen, feuchten Lehms, grub ihren Fingernagel tief hinein und hob ein Lehmbröckchen heraus.

»Vorsicht, Schwester«, protestierte Bronach, »zerstört doch nicht die Aufzeichnungen.«

Schwester Bronach wirkte etwas ungehalten, als sie Fidelma die Schreibtafel freundlich aus der Hand nahm und die weiche Oberfläche sorgfältig wieder glattstrich.

»Es tut mir leid.« Fidelma lächelte abwesend. Fasziniert betrachtete sie die rötliche Substanz an ihren Fingerspitzen.

Kapitel 7

Schwester Fidelma verließ den Turm durch die Bibliothek. Sie wollte gerade den Innenhof der Abtei überqueren, als sie auf halber Strecke eine untersetzte Gestalt bemerkte, die mit Hilfe eines Stocks auf sie zugeschwankt kam. Es war die gehbehinderte Nonne, die sie bei dem Begräbnis zusammen mit Schwester Bronach gesehen hatte, und sie versuchte offensichtlich, die ddlaigh abzufangen. Fidelma blieb stehen und wartete, bis die Schwester sie eingeholt hatte. Wieder verspürte sie Mitleid, während sie das breite, ziemlich nichtssagende Gesicht des Mädchens mit den blassen, wässrigen Augen betrachtete. Trotz allem - es war ein junges, intelligentes Gesicht. Als die Schwester anfing zu sprechen, bemerkte Fidelma neben ihrer anderen Behinderung auch noch ein nervöses Stottern. Sie verzerrte den Mund und sämtliche Muskeln, als sei das Sprechen für sie eine schmerzhafte Übung.

»Schwes... Schwester Fidelma? Schwes... Schwes. Lerben su. sucht nach Euch ... Die Mu... Mu... Mutter Oberin ... bittet Euch, unverz... unverzüglich in ihrem Ge. Gemach zu erscheinen.«

Fidelma versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, verspürte jedoch eine grimmige Genugtuung. Sie hatte schon vermutet, daß sich Schwester Siomha auf der Stelle bei Äbtissin Draigen über sie beschweren würde. Es lag auf der Hand, weshalb die Äbtissin sie zu sehen wünschte.

»Sehr wohl. Würdet Ihr mir den Weg zeigen? Ich habe vergessen, wo das Gemach der Äbtissin liegt, Schwester ...?«

Fragend hob sie ihre Augenbrauen.

»Ich bin Schwes. Schwes. Schwester Berrach«, antwortete das Mädchen.

»Vielen Dank, Schwester Berrach. Wenn Ihr mir den Weg zeigen würdet?«

Die junge Nonne nickte mehrmals eifrig, bevor sie sich umdrehte und - auf den kurzen, mißgebildeten Beinen hin und her schaukelnd - über den Innenhof vorausging, hinüber zu der Ansammlung von Steinhäusern, in denen sich Äbtissin Draigens Gemächer befanden. Vor einer schweren Eichentür blieb sie stehen und klopfte zaghaft mit ihrem Stock dagegen. Dann öffnete sie die Tür.