»Schwes. Schwes. Schwester Fidelma, Mu. Mutter Oberin«, keuchte das Mädchen, drehte sich sichtlich erleichtert um, als sei sie froh, ihren Auftrag erledigt zu haben, und verschwand.
Fidelma trat ein und schloß die Tür hinter sich.
Äbtissin Draigen war allein und saß an ihrem dunklen Arbeitstisch aus Eiche. Der Raum war düster, durch die Fenster drang nur wenig Licht. Obwohl es erst früher Nachmittag war, brannte auf dem Tisch eine Talgkerze, in deren Schein die Äbtissin las. Die Miene, mit der sie Fidelma begrüßte, wirkte im Licht der flackernden Kerze unfreundlich und verhärmt.
»Mir wurde berichtet, daß Ihr Euch meiner rechtaire gegenüber äußerst unhöflich verhalten habt. Eine Hausverwalterin verdient Respekt. Sicherlich muß ich Euch daran nicht erst erinnern?«
Fidelma trat vor und nahm gegenüber der Äbtissin Platz. Zunächst zeigte sich Erstaunen auf Äbtissin Draigens Gesicht, dann Entrüstung.
»Schwester, Ihr scheint Euch zu vergessen. Ich habe Euch nicht aufgefordert, Platz zu nehmen.«
Normalerweise respektierte Fidelma Regeln und legte keinen allzu großen Wert auf Förmlichkeiten, doch wenn sie spürte, daß es ihr dienlich war, ihre Stellung zu betonen und dadurch einen Vorteil zu erzielen, war sie sich keineswegs zu schade dafür.
»Äbtissin Draigen, ich bin nicht in der Stimmung, über Formalien zu streiten. Muß ich Euch daran erinnern, daß ich den Rang einer anruth innehabe und deshalb sogar in Gegenwart von Unterkönigen sitzen und gleichberechtigt mit ihnen debattieren darf? Selbst der Oberkönig kann mich einladen, in seiner Gegenwart Platz zu nehmen, wenn er das wünscht. Ich bin nicht hier, um Fragen des guten Benehmens zu erörtern, sondern um einen Fall rechtswidriger Tötung zu untersuchen.«
Falls Äbtissin Draigen beabsichtigt hatte, Fidelma ihre Autorität zu demonstrieren, so hatte diese ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Fidelmas betont kühle Antwort schien der Äbtissin die Sprache verschlagen zu haben. Sie starrte Fidelma wortlos an, und ihre Miene drückte Feindseligkeit aus.
Fidelma verspürte plötzlich Gewissensbisse ob ihres Benehmens. Sie wußte, daß sie es an Respekt fehlen ließ, auch wenn ihr dies als ddlaigh durchaus zustand, doch ihr ging so vieles durch den Kopf, daß sie für die peinlich genaue Beachtung von Anstandsregeln einfach nicht die Zeit hatte. Sie beschloß, die Förmlichkeit ein wenig abzulegen, beugte sich vertraulich vor und schenkte der Äbtissin ein freundliches Lächeln.
»Äbtissin Draigen, laßt mich offen sprechen, denn die Dringlichkeit der Angelegenheit verbietet jedes säumige Vorgehen. Ich habe mich gegenüber Schwester Siomha schroff verhalten, weil ich ihre Eitelkeit durchbrechen mußte, um Antworten auf meine Fragen zu erhalten. Sie ist sehr jung für das Amt der Verwalterin. Vielleicht zu jung?«
Äbtissin Draigen schwieg einen Augenblick und erwiderte dann eisig: »Wollt Ihr meine Wahl der Hausverwalterin in Frage stellen?«
»Ihr wißt am besten, wie Ihr zu entscheiden habt, Mutter Oberin«, entgegnete Fidelma. »Ich stelle lediglich fest, daß Schwester Siomha noch sehr jung ist und wenig Lebenserfahrung hat. Ihre Unerfahrenheit macht sie hoffärtig. Andere Mitglieder Eurer Gemeinschaft wären doch sicher genauso befähigt, das Amt der rechtaire zu bekleiden? Schwester Bronach zum Beispiel?«
Äbtissin Draigen kniff die Augen zusammen.
»Schwester Bronach? Sie ist in sich gekehrt und ungeschickt. Ich habe mir meine Wahl gründlich überlegt. Ihr mögt zwar eine ddlaigh der Gerichtsbarkeit sein, doch hier bin ich die Äbtissin, und ich treffe die Entscheidungen.«
Fidelma breitete beschwichtigend die Hände aus.
»Es würde mir im Traum nicht einfallen, mich einzumischen. Doch ich sage, was ich denke. Schwester Siomhas Selbstüberschätzung und ihre Überheblichkeit haben mich zu meinem Verhalten veranlaßt.«
Äbtissin Draigen rümpfte die Nase.
»Ihr schient andeuten zu wollen, daß es eine Verbindung zwischen Schwester Siomha und der Toten gibt. Das hat doch wohl kaum etwas mit ihrer Persönlichkeit zu tun.«
Fidelma mußte lächeln. Schwester Siomha war nicht dumm und hatte Draigen zweifellos einen lük-kenlosen Bericht erstattet.
»Sie gab mir einige Antworten, mit denen ich nicht zufrieden war«, räumte sie ein. »Und da wir gerade darüber sprechen - ich würde Euch ebenfalls gerne ein paar Fragen stellen.«
Äbtissin Draigens Lippen wurden schmal.
»Ich bin noch nicht fertig mit den Beschwerden von Schwester Siomha.«
»Wir kommen gleich darauf zurück«, versicherte ihr Fidelma mit einer abweisenden Handbewegung. »Wie lange seid Ihr hier schon Äbtissin?«
Angesichts dieser unvermittelten Wende des Gespräches zuckte die Äbtissin verblüfft zusammen und musterte Fidelma eingehend. Als sie deren ruhige Entschlossenheit sah, lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück.
»Ich bin seit sechs Jahren Äbtissin dieser Gemeinschaft. Davor war auch ich hier rechtaire.«
»Wie lange?«
»Vier Jahre.«
»Und davor?«
»Lebte ich schon über zehn Jahre in dieser Abtei.«
»Also seid Ihr hier insgesamt seit zwanzig Jahren? Stammt Ihr aus diesem Teil Irlands?«
»Ich verstehe nicht, was das mit der Angelegenheit zu tun hat, die Ihr untersucht?«
»Es geht lediglich darum, etwas über Euren Hintergrund zu erfahren«, redete ihr Fidelma begütigend zu. »Stammt Ihr aus dieser Gegend?«
»Ja. Mein Vater war ein oc-aire, ein freier Hofbauer und Mitglied eines Stammes hier in der Nähe; er besaß zwar eigenes Land, doch warf es kaum genug ab, um davon leben zu können.«
»Also tratet Ihr in diese Gemeinschaft ein?«
Äbtissin Draigens Augen funkelten vor Zorn.
»Ich war nicht dazu gezwungen, falls Ihr das andeuten wollt! Ich konnte frei entscheiden, was ich mit meinem Leben anfangen wollte.« »Ich habe nichts derartiges behauptet.«
»Mein Vater war ein stolzer Mann. Man nannte ihn Adnar Mhor - Adnar den Großen.«
Äbtissin Draigens Mund klappte zu, als sei ihr gerade bewußt geworden, daß sie zuviel gesagt hatte.
»Adnar?« Fidelma rutschte auf ihrem Stuhl nach vorn und musterte Draigen prüfend. Jetzt begriff sie, was ihr in den Gesichtern der Äbtissin und ihres Nachbarn, des bo-aire, von Anfang an aufgefallen war.
»Adnar von Dun Boi ist Euer Bruder?«
Äbtissin Draigen stritt das nicht ab.
»Ihr versteht Euch nicht gerade gut mit ihm.«
Es war nur eine Feststellung, doch Äbtissin Draigen versuchte nicht, ihren Abscheu zu verbergen.
»Mein Bruder Adnar wird seinem Namen in keiner Hinsicht gerecht«, stieß sie zwischen zusammengepreßten Lippen hervor.
Fidelma lächelte verständnisvoll. Der Name Adnar bedeutete »der Bescheidene«.
»Da Ihr so auf die Bedeutung von Namen achtet, nehme ich an, Ihr wart die Stütze Eurer Familie?«
Draigens Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. Ihr Name bedeutete »Schwarzdorn«, und sie mußte zugeben, daß Fidelma ihr, wenn es um Wortspiele ging, eine ebenbürtige Gegnerin war.
»Mein Bruder Adnar ließ meinen Vater genau in dem Moment im Stich, als er dringend Hilfe bei der Landarbeit brauchte. Meine Mutter war gestorben, und meinen Vater hatten die Kräfte verlassen ... und auch der Wille, den Kampf gegen den kargen Boden weiterzuführen und sich davon zu ernähren. Adnar ging fort, um dem Häuptling von Beara zu dienen -Gulban, dem Falkenauge, der gegen die Stämme im Norden kämpfte. Als er zurückkam und einen beachtlichen Viehbestand mitbrachte - die Belohnung für seine Dienste -, war mein Vater bereits tot. Ich war inzwischen in diese Gemeinschaft eingetreten, das Land meines Vaters war verkauft und der Erlös der Abtei gestiftet worden. Deshalb wurde mein Bruder bo-aire - ein Vieh-Häuptling, ein Häuptling ohne Land, doch mit einem gewissen Wohlstand, den er durch seine Dienste für Gulban zu mehren weiß.«