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Draigens Erregung verriet, daß sie diese Geschichte noch nie erzählt hatte und daß Fidelma ihr zum ersten Mal die Gelegenheit bot, der Wut über ihren Bruder freien Lauf zu lassen.

»Ich kann in Euerm Bericht keinen Grund erkennen, warum Ihr und Adnar Euch so unerbittlich hassen solltet, es sei denn, es hätte Streit über den Verkauf des väterlichen Landes gegeben?«

Draigen leugnete ihre feindseligen Gefühle gegenüber ihrem Bruder nicht.

»Hassen? Haß ist vielleicht ein zu krasses Wort. Ich verachte Adnar. Mein Vater und meine Mutter hätten auf ihrem Grund und Boden zusammen alt werden und erleben sollen, wie ihr Sohn sie für seine Gesundheit und die Geborgenheit seiner Kindheit belohnte, indem er weiterhin das Land bestellte, das sie der Natur mühsam abgerungen hatten. Doch sie sind viel zu früh gestorben. Die Plackerei, für die er nicht mehr kräftig genug war, hat meinen Vater umgebracht. Aber die Feindschaft zwischen uns begann erst, als Adnar bei seiner Rückkehr Anspruch auf das Land unserer Eltern erhob.«

»Also gebt Ihr Eurem Bruder die Schuld am Tode Eures Vaters? Und er gibt Euch die Schuld für den Verlust des Landes, das seiner Meinung nach ihm zustand?«

»Über Adnars Forderung wurde vor einem Bre-hon-Gericht verhandelt. Sein Anspruch wurde zurückgewiesen.«

»Aber Ihr gebt ihm die Schuld am Tod Eures Vaters. Ist das denn logisch?«

»Logik? Das ist doch nur eine trostlose Gefängniszelle für menschliche Gefühle.«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Logik ist der Mechanismus, der der Wahrheit zum Sieg verhilft. Ohne sie lebten wir in einer nicht erklärbaren Welt.«

»Mit Gefühlen kann ich ohne Probleme leben -auch mit denen für meinen Bruder«, teilte ihr Draigen mit.

»Ah ... facilis descensus Averno«, seufzte Fidelma.

»Ich habe es nicht nötig, mir Zitate aus Vergils Aeneis anzuhören. Mich braucht man nicht davor zu warnen, wie leicht man in die Hölle kommt. Predigt Euer Latein doch lieber meinem Bruder.«

»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Fidelma. »Die Worte sind mir einfach in den Sinn gekommen. Ich bedaure Euch, Draigen. Im Haß wird soviel Energie verschwendet. Ihr habt Eure Gründe genannt, Euren Bruder zu hassen ... zu verachten«, korrigierte sie sich, als sie Draigens Gesichtsausdruck bemerkte, »ihn zu verachten, aber erklärt mir nun, warum er Euch so haßt?«

Sie fragte sich, ob sie Draigen von Adnars Behauptung erzählen sollte, seine Schwester unterhalte Beziehungen zu jüngeren Mitgliedern der Gemeinschaft; daß er sogar so weit ging zu unterstellen, Draigen könnte eine ihrer früheren Geliebten ermordet haben, um die Affäre zu vertuschen. Sie fragte sich, wie ein Bruder in so erbitterter Feindschaft mit seiner Schwester leben konnte, daß er eine solche Anschuldigung vorbrachte. Doch sicher nicht nur wegen eines Streits um Landbesitz?

»Ich kümmere mich nicht um seinen Haß. Er und sein sogenannter Seelen-Freund - mögen sie qualvoll dahinsiechen. Ich bete, daß Unglück über das Haus meines Bruders komme!«

»Ihr kennt also Bruder Febal?«

»Ihn kennen?« Äbtissin Draigen stieß ein hohles Lachen hervor. »Ihn kennen? Er war mein Mann.«

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit war Fidelma schockiert. Daß Adnar Draigens Bruder war, hatte sie überrascht. Daß Febal sich nun als ihr früherer Ehemann entpuppte, war fast schon absurd. Hier verbarg sich ein weit tieferes Geheimnis.

Äbtissin Draigen hatte sich wieder ganz in der Gewalt und sagte kalt: »Ich denke, Ihr habt jetzt genug in meinem Privatleben herumgeschnüffelt, Schwester. Wie Ihr selbst so treffend sagtet: Ihr seid hier, um einen Mord zu untersuchen. Dabei scheint Ihr ein Talent zu entwickeln, Unbeteiligte zu belästigen, einschließlich meiner Verwalterin und mir. Vielleicht widmet Ihr Euch jetzt endlich Euren Ermittlungen.«

Fidelma zögerte, denn sie wollte die Lage nicht noch weiter zuspitzen. Dann kam sie zu dem Schluß, daß sie alle Hinweise verfolgen mußte, die sich aus ihren Nachforschungen ergaben.

»Ich war durchaus der Meinung, Äbtissin Draigen, daß ich mich den Ermittlungen widme. Vielleicht interessiert es Euch, daß sowohl Euer Bruder als auch Febal unterstellen, Ihr könntet in den Mord an dem Mädchen, das in Eurem Brunnen entdeckt wurde, verwickelt sein.«

Die Augen der Äbtissin funkelten vor Zorn.

»Ach Ja? Und warum?«

»Sie deuteten an, daß Ihr in einem gewissen Ruf steht.«

»In einem Ruf?«

»Über Eure sexuellen Vorlieben. Sie mutmaßten, daß das Verbrechen möglicherweise begangen wurde, um gewisse Fehltritte zu vertuschen.«

Äbtissin Draigen konnte den Ausdruck von Abscheu auf ihrem Gesicht nicht verbergen.

»Das hätte ich mir denken können - mein Bruder und sein Speichellecker. Zur Hölle mit ihnen! Mögen sie ersaufen wie junge Katzen!«

»Mutter Oberin, für jemanden in Eurer Stellung geziemt es sich nicht, solcherlei Flüche auszustoßen. Ich muß meine Frage wiederholen: aus welchem Grund sollten Euer Bruder und Febal derartige Beschuldigungen gegen Euch vortragen oder solche Gerüchte über Euch verbreiten? Eure Reaktion legt nahe, daß sie jeglicher Grundlage entbehren.«

»Fragt doch Adnar und seinen Speichellecker Febal, wenn es Euch interessiert. Ich bin sicher, sie werden eine passende Geschichte erfinden.«

»Mutter Oberin, seit meiner Ankunft hier stoße ich immer wieder auf Arroganz und Falschheit, auf abgrundtiefen Haß und drohendes Unheil. Wenn es noch etwas gibt, was ich über den Hintergrund dieser Angelegenheit wissen sollte, ersuche ich Euch dringend, es mir jetzt zu sagen. Am Ende finde ich es doch heraus. Das kann ich Euch versichern.«

Äbtissin Draigens Miene war wie versteinert.

»Und ich kann Euch versichern, Schwester Fidelma, daß die Entdeckung eines unbekannten Leichnams in dieser Abtei nicht das Geringste mit der gegenseitigen Abneigung zwischen meinem Bruder, mir und meinem früheren Mann, Bruder Febal, zu tun hat.«

Fidelma versuchte, in Draigens ausdrucksloser Miene zu lesen, konnte jedoch nichts entdecken.

»Ich muß all diese Fragen stellen«, sagte sie, während sie sich erhob. »Ansonsten kann ich meine Aufgabe hier nicht erfüllen.«

Draigen folgte ihr mit den Augen.

»Ihr mögt tun, was Ihr für nötig haltet, Schwester.

Ich begreife jetzt, wozu Ihr Schwester Siomha Fragen stelltet, die mich betrafen. Ich kann Euch versichern, daß ich keines Verbrechens schuldig bin. Sonst hätte ich sicherlich nicht Broce, den Abt von Ros Ailithir, gebeten, einen Anwalt der Gerichtsbarkeit hierherzuschicken, um den Mord zu untersuchen.«

»Ich kann Eurer Argumentation durchaus folgen, Mutter Oberin, aber Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, welch raffinierte Methoden Menschen manchmal entwickeln, um den Verdacht von sich abzulenken.«

Draigen schnaubte angewidert.

»Dann müßt Ihr tun, was Ihr für richtig haltet. Weder ich noch Schwester Siomha haben die Wahrheit zu fürchten.«

Schwester Fidelma hatte die Tür schon fast erreicht, als der letzte Satz der Äbtissin sie innehalten ließ. Sie wirbelte herum und sah Äbtissin Draigen ins Gesicht.

»Da Ihr es nun erwähnt: ich habe in Schwester Siomhas Augen Angst gesehen. Als ich sie fragte, ob sie den kopflosen Leichnam erkannt hat ...«

Sie brachte Draigen, die sofort Einwände erheben wollte, mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Man kann Tote auch erkennen, wenn der Kopf nicht vorhanden ist.«

»Ich bin sicher, Schwester Siomha erkannte sie nicht.«