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»Sie ist klein und schlank«, erwiderte Draigen. »Ihr Haar ist grau, doch ihre Augenbrauen sind noch so schwarz wie in jungen Jahren, und ihre Augen sind ebenfalls dunkel. Sie hat eine auffällige Narbe auf der Stirn, die von einem Schwertstreich stammt.«

In Gedanken schloß Fidelma aus, daß es sich bei der Toten ohne Kopf um die Bibliothekarin handeln könnte.

»Und Schwester Almu?«

»Sie sollte Schwester Comnat nicht nur deshalb begleiten, weil sie ihre Gehilfin ist, sondern auch, weil sie jung ist und stark. Sie ist etwa achtzehn. Blond und blauäugig, mit einem hübschen Gesicht. Nicht sehr groß.«

Fidelma schwieg einen Augenblick.

»Die Tote ohne Kopf könnte achtzehn Jahre alt gewesen sein. Sie wirkte eher hellhäutig und war von kleinem Wuchs.«

»Wollt Ihr etwa behaupten, daß es sich bei der Leiche ohne Kopf um Schwester Almu handelt?« fragte die Äbtissin ungläubig.

»Sie ist es nicht!« stieß Schwester Siomha hervor.

»Almu war eine enge Freundin meiner Verwalterin«, erklärte Draigen. »Ich bin sicher, daß sie Almus Körper erkennen würde.«

Fidelma verschränkte entschlossen die Arme.

»Da wir so gern mit Worten spielen, Mutter Oberin, laßt mich eines festhalten: ich behaupte, es könnte Schwester Almu sein. Ihr sagt, Almu ist die Gehilfin der Bibliothekarin, und ihre Arbeit besteht darin, Bücher zu kopieren?«

»Ja. Schwester Almu könnte eine unserer besten Schreiberinnen werden. Sie ist ausgesprochen tüchtig und versteht ihr Handwerk.«

»Die Finger des Leichnams wiesen blaue Verfärbungen auf. Wäre das nicht ein Hinweis darauf, daß die Tote mit einer Schreibfeder gearbeitet hat?«

»Verfärbungen?« fiel Schwester Siomha ihr ärgerlich ins Wort. »Was für Verfärbungen?«

»Wollt Ihr damit sagen, Ihr habt die blaue Färbung an Daumen und Zeigefinger und entlang der Kante des kleinen Fingers, wo er auf dem Papier aufliegt, nicht bemerkt? Das Schwarzblau der Tinte? Genau die Art von Färbung, die man bei einer Schreiberin vorfinden könnte?«

»Aber Schwester Almu ist mit Schwester Comnat in Ard Fhearta«, protestierte die Äbtissin.

»Sie ist jedenfalls nicht unter den Anwesenden in der Abtei, soviel steht fest«, bemerkte Fidelma trok-ken. »Seid Ihr sicher, daß niemand die Tote erkannt hat?«

»Wie kann jemand einen Leichnam ohne Kopf erkennen?« wollte Schwester Siomha wissen. »Wenn es Almu wäre, müßte ich das doch wissen. Sie war eine gute Freundin von mir, wie die Äbtissin schon sagte.«

»Vielleicht habt Ihr recht«, räumte Fidelma ein. »Aber was das Erkennen eines Leichnams ohne Kopf betrifft, nun, eine Methode der Identifikation habe ich Euch gerade erläutert. Ich gebe zu, das Gesicht ist das erste und normalerweise einzige, was man innerhalb einer religiösen Gemeinschaft von den Schwestern oder Brüdern im Glauben zu sehen bekommt. Aber ist Euch - besonders, da die Rückkehr der beiden Schwestern überfällig ist und bei der Leiche Anzeichen für ihre Zugehörigkeit zum Christentum gefunden wurden - denn niemals der Gedanke gekommen, daß immerhin die Möglichkeit besteht, bei der Toten könnte es sich um Eure Bibliotheksgehilfin handeln?«

»Nicht im Traum«, erwiderte Schwester Siomha steif. »Auch Eure Andeutung ändert daran nichts. Ihr habt keinen einzigen Beweis dafür, daß es sich um Almus Leichnam handelt.«

»Da habt Ihr recht«, stimmte Fidelma zu. »Im Augenblick kann ich nur Hypothesen aufstellen anhand der Dinge, die ich bis jetzt erfahren habe. Dinge, die ...«, sie fixierte Äbtissin Draigen und wandte sich dann Schwester Siomha zu, die die Augen senkte, »Dinge, die Ihr mir freimütig hättet erzählen müssen, anstatt durch unverzeihliche Rücksicht auf Euch selbst meine Zeit zu verschwenden.«

»Warum sollte jemand Schwester Almu erstechen und enthaupten und ihre Leiche in einen Brunnen werfen?« wollte die Äbtissin wissen. »Falls es sich überhaupt um ihren Leichnam handelt, heißt das.«

»Bis jetzt konnten wir nicht beweisen, daß es sich um Almu handelt. Das können wir zweifellos auch nicht, bevor wir nicht den anderen Teil des Leichnams finden.«

»Ihr meint ihren Kopf?« fragte die Äbtissin.

»Mir wurde berichtet, daß nach dem Bergen der Toten aus dem Brunnen niemand dort Wasser schöpfen durfte und daß Ihr seither die anderen Quellen in der Umgebung benutzt?«

Äbtissin Draigen nickte.

»Ist jemand unten im Brunnenschacht gewesen, um nachzusehen, ob auch der Kopf dort liegt?«

Die Äbtissin blickte in Schwester Siomhas Richtung.

»Die Antwort lautet - Ja«, erwiderte Siomha. »Als Verwalterin gehörte es zu meinen Pflichten, mich um die Reinigung des Brunnens zu kümmern. Ich habe eines unserer kräftigsten Mädchen hinuntergeschickt.«

»Wen denn?«

»Schwester Berrach.«

Fidelmas Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

»Aber Schwester Berrach ist ...«. Sie biß sich auf die Zunge und bereute, was sie gerade hatte sagen wollen.

»Ein Krüppel?« ergänzte Schwester Siomha. »Ihr habt sie also kennengelernt?«

»Ich habe nur bemerkt, daß Schwester Berrach gehbehindert ist. Wie kann sie da so kräftig sein?«

»Berrach lebt seit ihrem dritten Lebensjahr hier in der Abtei«, erklärte die Äbtissin. »Kurz bevor ich hierherkam, wurde sie von der Gemeinschaft aufgenommen. Trotz der Wachstumsstörung ihrer Beine entwickelte sie in den Armen und im Rumpf eine erstaunliche Kraft.«

»Hat sie denn im Brunnen irgendwas gefunden? Vielleicht sollte sie mir das selbst erzählen?«

Äbtissin Draigen läutete erneut die Glocke.

»Dann fragt sie doch, Schwester.«

Wieder öffnete Schwester Lerben, die hübsche Novizin, fast augenblicklich die Tür.

»Lerben«, befahl die Äbtissin, »holt Schwester Ber-rach.«

Die Novizin nickte und verschwand. Kurz darauf war ein schüchternes Klopfen zu hören, und als Äbtissin Draigen antwortete, spähte Berrach argwöhnisch um den Türpfosten.

»Kommt herein, Schwester«, sprach Draigen sie beinahe tröstend an. »Ihr braucht Euch nicht zu ängstigen. Kennt Ihr Schwester Fidelma? Ja, natürlich kennt Ihr sie.«

»W. W. Wie kann ich hel... helfen?« stotterte Berrach und kam mit ihrem schweren Schwarzdornstecken hereingewankt.

»Ganz einfach«, schaltete sich Schwester Siomha ein. »Ich war dafür verantwortlich, den Brunnen der Heiligen Necht zu untersuchen, nachdem der Leichnam daraus entfernt worden war. Ihr werdet Euch erinnern, Berrach, daß ich Euch dabei um Eure Hilfe bat, nicht wahr?«

Berrach nickte eifrig, als sei sie vor allen Dingen darauf bedacht, die anderen zufriedenzustellen.

»Ihr habt mich gebeten, mich mit einer Laterne in den Brunnen abseilen zu lassen. Ich sollte die Brunnenwände abwaschen und mit dem Wasser reinigen, das von unserer Mutter Oberin gesegnet worden war.«

Sie formulierte ihre Sätze wie eine häufig wiederholte Lektion. Fidelma bemerkte, daß ihr Stottern während des Vertrags verschwand. Sie fragte sich, ob Schwester Berrach wirklich so einfältig war, wie sie vorgab - eine erwachsene Frau mit mißgestaltetem Körper und kindlichem Gemüt.

»So ist es«, bestätigte Schwester Siomha beifällig. »Und wie war es im Brunnen?«

Schwester Berrach schien einen Augenblick zu überlegen und lächelte, als ihr die Antwort einfiel.

»D. d... dunkel. Ja, es war sehr d... dunkel d... dort unten.«

»Aber Ihr hattet etwas, um die Dunkelheit zu erhellen«, sagte Fidelma in ermutigendem Tonfall und trat auf das Mädchen zu. Sie legte ihm freundlich eine Hand auf den Arm und fühlte unter dem Ärmel des Gewandes seine Stärke und Muskelkraft. »Ihr hattet eine Laterne, nicht wahr?«

Das Mädchen blickte nervös zu ihr auf und erwiderte ihr Lächeln.

»O Ja, man gab mir eine La. Laterne, und da. da. damit k. konnte ich ganz gut sehen. Aber es war n. n. nicht richtig hell d. d. dort unten.«

»Ja. Ich verstehe, was Ihr meint, Schwester Ber-rach«, sagte Fidelma. »Und als Ihr den Grund des Brunnens erreichtet, habt Ihr dort etwas gesehen, das . nun Ja . etwas, das dort unten nicht hingehörte?«