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Das Mädchen neigte den Kopf zur Seite und dachte gründlich nach.

»D. dort unten n. ni. nicht hingehörte?« wiederholte es langsam.

Schwester Siomha konnte ihre Ungeduld nicht länger zügeln.

»Den Kopf der Leiche«, erklärte sie unverblümt.

Schwester Berrach zitterte heftig.

»Es war ni. nichts weiter d. dort unten als die Dunkelheit und das Wasser. Ich habe n. ni. nichts gesehen.«

»Vielen Dank«, lächelte Fidelma. »Ihr könnt jetzt gehen.«

Nachdem Schwester Berrach draußen war, lehnte sich die Äbtissin zurück und musterte Fidelma prüfend.

»Was jetzt, Schwester Fidelma? Glaubt Ihr immer noch, daß es sich bei der Toten um Schwester Almu handelt?«

»Das habe ich nicht behauptet«, widersprach Fidelma. »In diesem Stadium der Untersuchung kann ich nur Vermutungen und Hypothesen aufstellen. Die Tatsache, daß Schwester Comnats und Schwester Almus Rückkehr in die Abtei überfällig ist, mag durchaus reiner Zufall sein. Trotzdem muß ich über sämtliche Vorfälle informiert werden, sonst komme ich nicht weiter. Ich dulde keine Spielchen mehr. Wenn ich Fragen stelle, erwarte ich wahrheitsgemäße Antworten.«

Sie blickte zu Schwester Siomha hinüber, ihre Worte waren jedoch an Äbtissin Draigen gerichtet. Sie sah, wie ein wütender Ausdruck über das Gesicht der rechtaire der Gemeinschaft Der Lachs aus den Drei Quellen huschte.

»Das versteht sich von selbst, Schwester«, erwiderte die Äbtissin angespannt. »Könnten wir nun, da all unseren verletzten Eitelkeiten und dünkelhaften Wehwehchen Genüge getan wurde, endlich zu unseren jeweiligen Obliegenheiten zurückkehren?«

»Gern«, stimmte Schwester Fidelma zu. »Nur eine Sache noch .«

Äbtissin Draigen wartete mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Mir wurde berichtet, daß es hier in der Gegend Kupferminen gibt?«

Die Äbtissin hatte diese Frage nicht erwartet und wiederholte überrascht: »Kupferminen?«

»Ja. Stimmt das etwa nicht?«

»Doch. Ja, auf dieser Halbinsel gibt es viele Kupferminen.«

»Wo liegen sie, von der Abtei aus gesehen?«

»Die nächstgelegenen befinden sich jenseits der Berge in südwestlicher Richtung.«

»Und wem gehören sie?«

»Sie gehören zu den Ländereien von Gulban, dem Falkenauge«, erwiderte Draigen.

Fidelma hatte diese Antwort erwartet und nickte nachdenklich. »Vielen Dank. Ich will Euch nun nicht länger aufhalten.«

Als sie sich zum Gehen wandte, sah sie, wie Schwester Siomha ihr sichtlich erregt hinterherschaute. Wenn Blicke töten könnten, dachte sie beinahe belustigt, dann wäre sie jetzt nicht mehr am Leben.

Kapitel 8

Fidelma beschloß, noch am gleichen Nachmittag zu Adnars Festung zurückzukehren, ohne den Häuptling jedoch vorzuwarnen, indem sie die Bucht zwischen der Gemeinschaft Der Lachs aus den Drei Quellen und der Festung von Dun Boi per Boot überquerte. Statt dessen wollte sie dem Pfad durch den Wald folgen und sich der Festung von der Landseite her nähern. Der Weg war zwar weiter, aber sie war so lange mit Ross’ Schiff unterwegs gewesen, daß sie sich nach einem geruhsamen Waldspaziergang sehnte, um ihre Gedanken zu ordnen. Hier war genau die richtige Landschaft zum Wandern. Der Wald mit seinen wuchtigen Eichen erstreckte sich entlang der Küste und über die Ausläufer des hohen Berges dahinter.

Fidelma hatte Schwester Bronach über ihre Absicht informiert und verließ die Abtei am Nachmittag. Es war immer noch angenehm draußen, und die milden Sonnenstrahlen, die durch die meist kahlen Äste sik-kerten, wärmten die Haut. Hoch oben, über den schneebedeckten Baumkronen, war der Himmel von einem zarten Blau, durchsetzt mit weißen, flauschigen Wölkchen, die in der leichten Brise dahinzogen. Der Boden war hart. Die winterliche Kälte ließ die weiche Erde gefrieren, und die Sonne hatte sie noch nicht mit ihrer Wärme durchdrungen. Die trockenen Blätter, die vor vielen Wochen abgefallen waren, raschelten unter Fidelmas Schritten.

Von den Toren der Abtei führte der Waldweg um die Bucht herum, jedoch so weit vom Strand entfernt, daß die große Meerenge meist vor den Blicken der Reisenden, die diese Route nahmen, verborgen blieb. Nur hier und dort konnte man durch die kahlen Bäume einen flüchtigen Blick auf das Blau erhaschen, das im Sonnenlicht funkelte. Nicht einmal die Geräusche des Meeres waren zu hören, so gut wurden sie abgeschirmt durch den Schutzwall aus hohen Eichen und Haselnußsträuchern, die zwischen den mächtigen, uralten Bäumen ums Überleben kämpften. Dazwischen ragten ganze Hecken aus Stechpalmen mit ihren gezackten, immergrünen Blättern, den kurzen Stämmen und den ineinander verschlungenen Ästen meterhoch in den Himmel.

Dann und wann, wenn einer der größeren Bewohner des Waldes auf der Suche nach Futter vorsichtig umherstreifte, hörte Fidelma ein Rascheln im Unterholz; das Knacken von Zweigen und Ästen, wenn ein Hirsch beim Geräusch ihrer Schritte erschrocken davonsprang; das Knistern trockenen Laubes, wenn ein neugieriges Eichhörnchen sich zu erinnern suchte, wo es sein Futter gehortet hatte. Wer mit der Natur vertraut war, konnte die zahllosen Geräusche leicht unterscheiden.

Bald stieß Fidelma auf eine nahegelegene Straße, die zu den in der Ferne aufragenden Bergen führte, und sah, daß hier erst vor kurzem Pferde entlanggekommen waren. Der Boden war zwar hartgefroren, doch die Spuren von Pferdemist waren eindeutig. Sie erinnerte sich an den Zug von Reitern und Fußvolk, der sich am Morgen von den Bergen heruntergeschlängelt hatte, und begriff, daß er an dieser Stelle auf die Straße gestoßen sein mußte.

Aus irgendeinem Grund kam ihr plötzlich wieder Eadulf von Seaxmund’s Ham in den Sinn, und sie fragte sich, warum? Sie hätte zu gern gewußt, ob Ross etwas über die Herkunft des verlassenen Schiffes in Erfahrung hatte bringen können. Das war viel verlangt. Ein ganzer Ozean und eine Küste von mehreren hundert Meilen Länge - und kein Anhaltspunkt, wo Hinweise auf die Geschehnisse an Bord zu finden sein könnten.

Vielleicht war Eadulf gar nicht auf dem Schiff gewesen?

Sie schüttelte den Kopf und verwarf diese Theorie. Er hätte das Meßbuch niemals jemand anderem gegeben - freiwillig jedenfalls nicht.

Doch was, wenn man es ihm abgenommen hatte, nachdem er bereits tot war? Fidelma erschauerte und preßte die Lippen zusammen. Wer immer ihm etwas angetan hatte, dachte sie entschlossen, würde der Gerechtigkeit nicht entgehen. Dafür würde sie schon sorgen.

Plötzlich blieb sie stehen.

Vor ihr machte ein Schwarm Vögel mit seinem Geschrei einen solchen Lärm, daß die anderen Geräusche des Waldes davon übertönt wurden. Sie schimpften ihr eigenartiges >kaaarg-kaaarg<. Einige Vögel flatterten zu den oberen, kahlen Ästen einer Eiche hinauf, und Fidelma sah, daß es Eichelhäher waren. In einem nahegelegenen Erlengebüsch hatte ein Schwarm kleinerer Vögel mit spitzen Schnäbeln und aufgeplustertem Federkleid an den braunen, holzigen Zäpfchen herumgepickt. Nun begannen alle aufgeregt zu zwitschern.

Irgend etwas beunruhigte sie.

Fidelma trat zögernd einen Schritt vor.

Das rettete ihr das Leben.

Sie spürte den Luftzug eines Pfeiles, der ihren Kopf nur um wenige Zentimeter verfehlte, und hörte den dumpfen Schlag, mit dem er sich in den Baumstamm hinter ihr bohrte.

Instinktiv ließ sie sich auf die Knie fallen und hielt gleichzeitig Ausschau nach einer besseren Deckung.

Während sie sich zusammenkauerte, noch unentschlossen, was sie tun sollte, vernahm sie einen durchdringenden Schrei, und zwei hochgewachsene Krieger mit Vollbart und glänzender Rüstung brachen durch das Unterholz und packten ihre Arme wie Schraubstöcke, bevor sie auch nur Zeit hatte, zur Besinnung zu kommen. Einer von ihnen hob sein Schwert, als wolle er zustoßen. Fidelma wich zurück und wartete auf den Hieb.