»Halt!« rief eine Stimme. »Irgendwas stimmt da nicht!«
Der Krieger ließ zögernd die Waffe sinken.
Da tauchte vor ihnen aus dem Dämmerlicht des Waldes auch schon ein Reiter auf, in der einen Hand einen kurzen Bogen, in der anderen die Zügel eines Schlachtrosses. Offensichtlich war er verantwortlich dafür, daß sie dem Tod nur knapp entronnen war.
Fidelma hatte keine Zeit, zu reagieren und ihrer Verblüffung oder ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, denn schon wurde sie zu dem Berittenen geschleift. Als sie vor ihm stand, beugte er sich in seinem Sattel vor und musterte eingehend ihr Gesicht.
»Wir haben uns getäuscht«, rief er entrüstet aus.
Fidelma warf den Kopf zurück, um seinen prüfenden Blick zu erwidern. Der Fremde war beeindruk-kend. Sein Gesicht war lang und dem eines Adlers ähnlich, seine Stirn breit. Die Nase mit dem schmalen, hakenförmig gebogenen Nasenbein erinnerte an einen Schnabel. Das Haar wuchs an den Schläfen nur spärlich, wurde am Hinterkopf jedoch zunehmend länger und dichter und fiel mit einem roten, kupferfarbenem Schimmer auf seine Schultern. Über seiner rotgoldenen Haarpracht trug er einen Stirnreif aus poliertem Kupfer, in dem wertvolle Steine glitzerten. Die Lippen waren schmal und rot und, wie Fidelma fand, ziemlich grausam. Seine Augen waren groß und beinahe violett, die Pupillen waren kaum zu erkennen, doch konnte dies auch an den Lichtverhältnissen liegen.
Er war nicht älter als dreißig. Ein muskulöser Krieger. Schon seine Kleidung - Seide und pelzbesetztes Leinen - verriet seine gesellschaftliche Stellung, auch ohne den Kupferreif auf seiner Stirn, der ihn als Würdenträger kennzeichnete. An seinem Gürtel hing ein Schwert, dessen Griff ebenfalls mit kostbaren Metallen und Edelsteinen geschmückt war. Am vorderen Sattelknauf war ein Köcher mit Pfeilen befestigt, und der Bogen, den er nach wie vor in der Hand hielt, stammte von einem Meister seines Handwerks.
Er musterte Fidelma noch immer mit gerunzelter Stirn.
»Wer ist das?« fragte er die Männer, die sie festhielten, mit schneidender Stimme.
Einer der Krieger stieß ein trockenes Lachen hervor.
»Eure Jagdbeute, mein Gebieter.«
»Noch so eine Nonne aus dem Kloster hier in der Nähe«, schaltete sich der andere ein. Dann fügte er mit einer sonderbaren Betonung, deren Bedeutung Fidelma nicht verstand, hinzu: »Mein Gebieter, sie muß das Wild verscheucht haben, hinter dem wir her waren.«
Schließlich fand Fidelma ihre Sprache wieder.
»Da war gar kein Wild, jedenfalls nicht im Umkreis von zweihundert Metern!« rief sie mit kaum verhohlenem Zorn. »Sagt Euern Männern, sie mögen mich loslassen, oder, beim lebendigen Gott, Ihr werdet noch von mir hören.«
Der Berittene hob überrascht die Augenbrauen.
Die beiden Krieger, die ihre Arme umklammerten, verstärkten lediglich ihren zermalmenden Druck. Einer von ihnen begann anzüglich zu lachen.
»Die hat Schneid, die Kleine, mein Gebieter.« Dann drehte er sich um und näherte sein Gesicht, seinen übelriechenden Atem dem ihren: »Schweig, Mädel! Weißt Du überhaupt, mit wem Du da sprichst?«
»Nein«, stieß Fidelma zwischen den Zähnen hervor, »denn keiner von Euch hat den Anstand besessen, mir Euern Gebieter vorzustellen. Aber laßt Euch sagen, mit wem Ihr redet ... Ich bin Fidelma, ddlaigh der Gerichtsbarkeit, und die Schwester von Colgu, dem König von Cashel. Genügt Euch das, um mich loszulassen? Vor dem Gesetz habt Ihr Euch schon der tätlichen Drohung schuldig gemacht!«
Zunächst herrschte Schweigen, dann befahl der Berittene den beiden Kriegern in scharfem Ton: »Laßt sie sofort los!«
Unverzüglich lösten sie ihren Griff, wie zwei wohlerzogene Hunde, die ihrem Herrn aufs Wort gehorchen. Fidelma spürte, wie das Blut wieder in ihre Unterarme und Hände strömte.
Das Hufgetrappel eines Pferdes, das durch den winterlichen Wald preschte, ließ ihre Köpfe herumfahren.
Ein zweiter Reiter kam herangaloppiert, einen Bogen in der Hand. Fidelma erkannte Olcans junges, gerötetes Gesicht. Er zog die Zügel an und starrte auf sie herab. Seine Miene drückte Bestürzung aus, als er Fidelma erkannte. Da war er auch schon vom Pferd geglitten und eilte ihr mit ausgestreckten Händen entgegen.
»Schwester Fidelma, seid Ihr verletzt?«
»Ein wenig, dank dieser Krieger, Olcan«, stieß sie hervor und rieb sich die Arme.
Der erste Reiter wandte sich mit einer ärgerlichen Handbewegung an seine Männer.
»Geht schon mal zur Festung voraus«, herrschte er sie an, und die beiden drehten sich wortlos um und trotteten von dannen. Unterdessen verneigte sich der hochgewachsene Mann in seinem Sattel steif vor Fidelma.
»Ich bedaure diesen Zwischenfall außerordentlich.«
Olcan blickte stirnrunzelnd zwischen der Schwester und dem Berittenen hin und her. Schließlich besann er sich auf seine guten Manieren.
»Fidelma, gestattet mir, Euch meinen Freund Torcan vorzustellen. Torcan, das ist Fidelma von Kildare.«
Fidelmas Augen wurden schmal, als sie den Namen hörte.
»Torcan, der Sohn von Eoganan von den Ui Fidgenti?«
Der hochgewachsene Mann verbeugte sich erneut von seinem Sattel aus, schien sich jedoch durch diese förmliche Geste eher über sie lustig zu machen.
»Ihr kennt mich?«
»Ich habe von Euch gehört«, erwiderte Fidelma. »Ihr seid weit entfernt vom Gebiet der Ui Fidgenti.«
Die Ui Fidgenti bewohnten den Nordwesten des Königreiches von Muman. Sie wußte von ihrem Bruder, daß es sich um eines seiner unruhigsten Völker handelte. Eoganan war ein überaus ehrgeiziger Prinz, skrupellos in seinem Verlangen, die anderen Stämme in der Umgebung zu beherrschen und seinen Machtbereich auszuweiten.
»Und Ihr seid zweifellos weit entfernt von Kildare, Schwester Fidelma«, konterte ihr Gegenüber.
»Als Advokatin der Gerichtsbarkeit ist es mein Los, kreuz und quer durchs Land zu reisen und für Gerechtigkeit zu sorgen«, antwortete Fidelma. »Und was ist der Grund für Eure Reise in diesen Winkel des Königreiches?«
Olcan schaltete sich eilig ein.
»Torcan weilte als Gast bei meinem Vater Gulban und genießt zur Zeit gemeinsam mit mir Adnars Gastfreundschaft.«
»Und warum war es nötig, auf mich zu schießen?«
Olcan wirkte schockiert.
»Schwester . «, begann er, doch Torcan lächelte Fidelma von oben herab spöttisch an.
»Schwester, ich habe nicht mit Absicht auf Euch geschossen«, protestierte er. »Eigentlich habe ich auf einen Hirsch gezielt, zumindest dachte ich das. Ich muß jedoch zugeben, daß die Manieren meiner Männer sehr zu wünschen übrig ließen. Ich entschuldige mich dafür.«
Torcan war entweder kurzsichtig oder ein geschickter Lügner, denn Fidelma wußte, daß kein Tier in der Nähe gewesen war, als der Pfeil abgeschossen wurde. Außerdem konnte kein erfahrener Jäger ihre Bewegungen mit denen eines Hirsches verwechselt haben -jedenfalls nicht hier, zwischen den kahlen Bäumen und Sträuchern. Wie dem auch sei, es gab Situationen, in denen eine Auseinandersetzung zu nichts führte, und deshalb beschloß Fidelma vorzugeben, daß sie seine Erklärung akzeptierte. Sie stieß einen leisen Seufzer aus.
»Na schön, Torcan, ich werde Eure Entschuldigung annehmen und Euch nicht gerichtlich dafür belangen, daß Ihr mir Todesangst eingejagt habt. Ich akzeptiere, daß es sich um ein Versehen handelte. Das Verhalten Eurer Krieger war allerdings kein Versehen. Für sie ist eine Geldstrafe von je zwei séts zu entrichten, da sie mich mißhandelt und beleidigt und meine Todesangst weiter geschürt haben. Die Geldbußen habe ich, wie Ihr feststellen werdet, nach den Vorgaben des Bretha Dein Chécht festgelegt.«
Torcan betrachtete sie mit gemischten Gefühlen, doch schien allmählich eine widerwillige Bewunderung für ihre unerschrockene Haltung die Oberhand zu gewinnen.