»Nehmt Ihr die Geldstrafe im Namen Eurer Krieger an?«
Torcan stieß ein heiseres Lachen aus.
»Ich werde ihre Strafe entrichten, aber ich werde dafür sorgen, daß sie dafür bezahlen.«
»Gut. Das Bußgeld soll als Spende in die Kasse der Abtei Der Lachs aus den Drei Quellen fließen, um wohltätige Werke zu unterstützen.«
»Ihr habt mein Wort, daß es gezahlt wird. Morgen früh wird einer meiner Männer das Geld in die Abtei bringen.«
»Euer Wort genügt mir. Und jetzt wäre ich Euch sehr verbunden, wenn Ihr mir gestattet, meinen Weg fortzusetzen.«
»Wohin seid Ihr denn unterwegs, Schwester?« fragte Olcan.
»Ich bin auf dem Weg zu Adnars Festung.«
»Dann erlaubt mir, meinen Sattel mit Euch zu teilen«, bot Torcan an.
Fidelma lehnte das Angebot ab, hinter dem Sohn des Prinzen der Ui Fidgenti im Sattel zu sitzen.
»Ich ziehe es vor, zu Fuß weiterzugehen.«
Torcan kniff die Lippen zusammen und zuckte die Achseln.
»Ganz wie Ihr wünscht, Schwester. Vielleicht treffen wir uns nachher in der Festung.«
Er wendete sein Pferd, hieb ihm mit der Seite des Bogens, den er noch immer in der Hand hielt, auf die Flanke und ritt in leichtem Galopp den Waldweg entlang davon. Olcan blieb einen Augenblick zögernd stehen und sah aus, als wolle er noch etwas sagen, aber dann bestieg er sein Pferd und hob eine Hand zum Abschied, bevor er ebenfalls wendete und seinem Gast eilends folgte. Fidelma stand reglos da und blickte ihnen eine Weile nachdenklich hinterher. Sie versuchte zu ergründen, was diese Begegnung zu bedeuten hatte
- falls sie überhaupt eine Bedeutung hatte. Das konnte doch nicht nur bloßer Zufall sein? Sie konnte einfach nicht glauben, daß Torcan sie mit einem Hirsch verwechselt hatte, schon gar nicht in diesem winterlichen Wald mit seinen günstigen Sichtverhältnissen. Und wenn es sich tatsächlich um ein Versehen handelte, warum hatte er dann seinen Männern gestattet, sie so grob zu behandeln? Die logische Schlußfolgerung daraus war, daß er eine andere erwartet hatte - sobald sie ihm ihren Namen und Rang nannte, hatte er Ja sofort Befehl gegeben, sie freizulassen. Wen also hatte er an dieser Straße treffen wollen? Eine Frau? Eine Nonne? Daran bestand jedenfalls kein Zweifel, denn durch die charakteristischen Gewänder, die sie trug, waren ihr Geschlecht und ihr Beruf unverkennbar. Warum aber sollte der Sohn des Prinzen der Ui Fid-genti, der zu Besuch in dieser Gegend weilte, eine Nonne töten wollen?
Plötzlich bekam sie eine Gänsehaut.
Eine Nonne war bereits getötet worden. Jemand hatte sie enthauptet und ihren Leichnam in den Brunnen der Abtei gehängt. Fidelma war sicher, daß es sich bei der Toten ohne Kopf um eine Glaubensschwester handelte. Das sagten ihr ihr Instinkt und die Beweise, die sie bisher gesammelt hatte. Sie erschauerte. War sie nahe daran gewesen, dem namenlosen Leichnam ins Jenseits zu folgen?
Unvermittelt wurde Fidelma aus ihren Gedanken gerissen. Sie hob den Kopf: erneut drang Hufgetrap-pel an ihr Ohr. Kehrte Torcan noch einmal zurück? Fidelma stand reglos da und spähte den Weg entlang. Der Reiter mußte gleich bei ihr sein. Da tauchte er schon aus dem dämmrigen Unterholz auf. Es war Ad-nar.
Der stattliche schwarzhaarige Häuptling schwang sich mühelos vom Pferd, noch bevor das Tier stehengeblieben war. Er begrüßte Fidelma mit besorgten Blick.
»Olcan hat mir berichtet, daß ihr ihn und Torcan hier auf der Straße durch den Wald getroffen habt und daß Ihr auf dem Weg zu meiner Festung seid. Er erzählte auch etwas von einem sehr bedauerlichen Vorfall. Ist das wahr?« Adnar musterte sie fragend.
»Ein Beinahe-Unfall«, verbesserte ihn Fidelma steif.
»Seid Ihr verletzt?«
»Nein. Es ist nichts passiert. Wie dem auch sei, ich war tatsächlich auf dem Weg zu Euch. Euer Kommen erspart mir die Mühe, meine Reise fortzusetzen.« Sie drehte sich um und deutete auf einen umgestürzten Baumstamm. »Setzen wir uns ein Weilchen dort hin.«
Adnar band die Zügel seines Pferdes an einen gekrümmten Ast des toten Baumes und gesellte sich zu ihr.
»Ihr seid mir gegenüber nicht ganz ehrlich gewesen, Adnar«, eröffnete Fidelma das Gespräch.
Der Häuptling zuckte vor Verblüffung zusammen.
»In welcher Hinsicht?« verteidigte er sich.
»Ihr habt mir weder etwas davon gesagt, daß Äbtissin Draigen Eure leibliche Schwester ist, noch hat Bruder Febal erwähnt, daß er früher mit Draigen verheiratet war.«
Fidelma hatte nicht mit dem amüsierten Blick gerechnet, der Adnars sympathisches Gesicht erhellte. Er schien eine ganz andere Anschuldigung erwartet zu haben und ließ nun erleichtert die Schultern sinken.
»Ach, das!« rief er in wegwerfendem Tonfall.
»Ist es für Euch nicht von Bedeutung?«
»Kaum«, gab Adnar zu. »Meine Verwandtschaft mit Draigen ist nichts, womit ich mich zu rühmen wünsche. Glücklicherweise hat sie das rote Haar unseres Vaters geerbt, ich dagegen die schwarze Mähne unserer Mutter.«
»Glaubt Ihr nicht, daß die Erwähnung Eures Verwandtschaftsverhältnisses für mich wichtig gewesen wäre?«
»Hört zu, Schwester, es ist mein Unglück und vielleicht auch Draigens Unglück, daß wir dem gleichen Schoß entstammen. Was Febal betrifft, so will ich nicht an seiner Stelle sprechen.«
»Dann sprecht für Euch. Haßt Ihr Eure Schwester wirklich so sehr, wie es den Anschein hat?«
»Sie ist mir gleichgültig.«
»Gleichgültig genug, um zu behaupten, sie habe widernatürliche Affären mit ihren Untergebenen?«
»Das entspricht nur der Wahrheit.«
Adnar sagte das ernst und ohne Zorn. Fidelma war bereits Zeugin seines aufbrausenden Temperaments geworden und war überrascht, wie ruhig er jetzt wirkte, während er, eine Hand zwischen die Knie geklemmt, auf dem Baumstamm saß und verdrossen vor sich hin starrte.
»Vielleicht solltet Ihr mir die Geschichte ganz erzählen?«
»Sie ist für Eure Untersuchung nicht von Bedeutung.«
»Und doch behauptet Ihr, daß Draigens sexuelle Neigungen bedeutsam sind. Wie soll ich mir denn ein Urteil bilden, wenn ich nicht die ganze Wahrheit kenne?«
Adnar hob kaum merklich die Schultern, als wolle er mit den Achseln zucken, überlegte es sich dann aber anders.
»Hat sie Euch erzählt, daß unser Vater, dessen Namen ich trage, ein oc-aire war, ein ganz normaler Bauer, der sein eigenes Stückchen Acker bestellte, jedoch nicht über genügend Land- oder sonstigen Besitz verfügte, um seine Familie damit ernähren zu können? Sein Leben lang bearbeitete er ein kleines Fleckchen unfruchtbaren Bodens an einem felsigen Berghang. Unsere Mutter half ihm dabei, und zur Erntezeit brachte sie unsere mageren Erträge ein, während mein Vater sich bei dem örtlichen Häuptling verdingen mußte, damit er überhaupt genug verdiente, um unser Überleben zu sichern.«
Adnar hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: »Draigen war die jüngere von uns beiden, ich war zwei Jahre älter als sie. Wir mußten unseren Eltern auf ihrem winzigen Flecken Land von klein auf zur Hand gehen, und für unsere Ausbildung blieb weder Zeit noch Geld.«
Seine Stimme verriet Verbitterung, doch Fidelma sagte nichts dazu.
»Schon als Junge hatte ich nicht vor, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten. Ich wollte nicht den Rest meines Lebens damit verbringen, ein Stück Land zu bearbeiten, das ohnehin nicht genug abwarf, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich war ehrgeizig und hatte andere Pläne. So schlich ich jedes Mal, wenn ein Krieger durch unsere Gegend kam, heimlich zur Herberge unseres Stammes und suchte ihn zu überreden, mir etwas über das Leben der Kämpfer zu erzählen, über ihre Regeln und ihre Ausbildung. Ich fertigte mir Waffen aus Holz an und ging in den Wald, wo ich übte, indem ich mit einem hölzernen Schwert gegen die Büsche kämpfte. Ich baute mir Pfeil und Bogen und bildete mich selbst zu einem hervorragenden Schützen aus. Ich wußte, daß dies meine einzige Chance war, einem Leben in Armut zu entkommen.