Sobald ich das Alter der Reife erreicht hatte, an meinem siebzehnten Geburtstag, als mich kein Gesetz mehr daran hindern konnte, verließ ich mein Elternhaus und suchte Gulban, den Häuptling der Beara, auf. Er führte Krieg gegen die Coreo Duibhne, jenseits der Grenzen seines Gebietes. Ich war ein ausgezeichneter Bogenschütze und erhielt schon bald das Kommando über eine Truppe von einhundert Mann. Im Alter von neunzehn Jahren ernannte mich Gulban zum cenn-feadhna, zum Hauptmann. Das war der stolzeste Tag meines Lebens.
Der Krieg brachte mir einen ansehnlichen Viehbe-stand, und als er vorbei war, kehrte ich hierher zurück und wurde zum bo-aire, zum Vieh-Häuptling, ernannt. Auch wenn das Land nicht mir gehörte, war meine Viehherde doch groß genug, um Einfluß und Wohlstand zu erringen. Ich schäme mich nicht, der Armut entronnen zu sein.«
»Das ist eine lobenswerte Geschichte, Adnar. Jeder Bericht darüber, wie Menschen ihre Schwierigkeiten überwinden, ist lobenswert. Doch das alles erklärt weder die Feindseligkeit zwischen Euch und Eurer Schwester noch, warum Ihr sie widernatürlicher Beziehungen bezichtigen solltet.«
Adnar verzog das Gesicht.
»Draigen redet viel von ihrer Treue zu unseren Eltern. Sie behauptet, ich hätte sie im Stich gelassen, dabei war sie ihnen gegenüber keinen Deut loyaler als ich. Auch sie wollte der Armut entkommen, genau wie ich. Kurz bevor sie das Alter der Reife erreichte, versuchte sie sogar, die heidnischen Geister - die Göttinnen aus uralter Zeit - um Hilfe anzurufen.«
Fidelma musterte ihn eingehend, doch Adnar schien in seine Erinnerungen versunken und wirkte nicht wie jemand, dem es darum ging, einen bestimmten Eindruck zu erwecken.
»Was hat sie getan?«
»In den Wäldern der Umgebung hauste eine alte Frau, die noch den althergebrachten Bräuchen anhing. Ihr Name war, soweit ich mich erinnere, Suanach. Alle Kinder hatten Angst vor ihr. Sie behauptete, Boi zu verehren, die Frau von Lugh, dem Gott der Künste und des Handwerks. Boi galt als die Göttin der Kühe oder als die Alte von Beara. Früher, in den dunklen Tagen des Heidentums, gehörte dieses Land zu ihrem Gebiet. Meine Festung ist nach ihr benannt. Dun Boi.«
»Hier leben noch viele alte Menschen, die sich an die früheren Zeiten und die traditionellen Götter klammern«, erklärte Fidelma. Das Christentum hatte sich erst in den letzten zweihundert Jahren in den fünf Königreichen ausgebreitet, und Fidelma war sich darüber im klaren, daß es noch immer abgelegene Gebiete gab, in denen der Glaube an die Ewiglebenden, an die alten Götter und Göttinnen, nach wie vor zahlreiche Anhänger hatte.
»In manchen Gegenden sind sogar die Berge nach diesen Gottheiten benannt«, bestätigte Adnar.
»Also geriet Eure Schwester unter den Einfluß dieser alten Heidin?« hakte Fidelma nach. »Wann kehrte sie zum Wahren Glauben zurück und trat den Ordensschwestern bei?«
Adnar grinste verschlagen.
»Wer hat denn behauptet, daß sie zum Wahren Glauben zurückgekehrt ist?«
Fidelma blickte ihn überrascht an.
»Was wollt Ihr damit sagen?«
»Ich sage gar nichts. Ich deute lediglich eine Richtung an. Schon als junges Mädchen, besonders in der Zeit, als sie die alte Frau so oft besuchte, hat sie sich sonderbar verhalten.«
»Ihr habt mir bisher für keine Eurer Behauptungen Beweise vorgelegt oder mir den Grund für die Feindseligkeit zwischen Euch erklärt.«
»Die Alte hat sie völlig durcheinandergebracht mit ihren Erzählungen und ihren ...«
Er unterbrach sich und zuckte die Achseln.
»Während ich in Gulbans Armee diente, starben meine Eltern, und Draigen ging fort und lebte bei der Alten in den Wäldern.«
»Und deshalb haßt Ihr sie?«
Er schüttelte den Kopf.
»Nein. Ich weiß nichts Genaues über die Geschichte, aber Draigen geriet mit dem Gesetz in Konflikt und mußte schließlich Schadensersatz leisten. Zu diesem Zweck verkaufte sie das armselige Stück Land und trat in die Abtei Der Lachs aus den Drei Quellen ein. Der Verlust des Landes hat mich sehr verärgert, das will ich nicht leugnen. Ich hätte einen Teil davon geerbt. Also machte ich meinen Anspruch auf meinen Anteil an dem Land gerichtlich geltend, aber meine Klage wurde von einem Brehon abgewiesen.«
»Ich verstehe. Und diese Klage war der Grund für Eure Feindschaft?«
Adnar zuckte mit den Schultern.
»Ich nahm ihr übel, was sie getan hatte, doch ich war Ja inzwischen zu Wohlstand gekommen und brauchte das Land nicht unbedingt. Es ging mir ums Prinzip. Nein, der Haß kam ursprünglich von Drai-gens Seite. Vielleicht haßte sie mich wegen der Klage. Danach ging sie mir aus dem Weg. Als ich dann bo-aire in diesem Bezirk wurde, war sie gezwungen, wieder Umgang mit mir zu pflegen. Sie schickt jedoch immer Dritte zu mir. Ihr Haß gegen mich ist unversöhnlich.«
»Hat Draigen Euch einen Grund für ihren Haß genannt?«
»O Ja. Sie gibt mir die Schuld am Tod unserer Eltern. Aber das klingt für mich nicht glaubwürdig. Vielleicht hat sie mir einfach übelgenommen, daß ich vor Gericht gegen sie klagte. Was auch immer der ursprüngliche Grund war, mit den Jahren ist ihr Haß nur noch stärker geworden.«
»Sie bestreitet das und behauptet, Ihr wäret derjenige, der sie haßt. Deshalb frage ich Euch noch einmal, ist es inzwischen so, daß Ihr Draigens Haß erwidert?« Fidelma erkannte, daß sie es mit zwei einander widersprechenden Aussagen zu tun hatte, die keinen Raum für Kompromisse ließen.
»Zuerst fühlte ich mich verletzt, dann wurde ich wütend auf sie. Ich glaube aber nicht, daß ich sie jemals richtig gehaßt habe. Natürlich waren da die Geschichten, die über Draigen kursierten. Ich hörte von ihrer Vorliebe für junge Novizinnen. Dann, als ich erfuhr, daß der Leichnam einer jungen Frau im Brunnen entdeckt worden war, fürchtete ich das Schlimmste.«
»Warum?«
Zum ersten Mal hob er den Kopf und blickte ihr direkt in die Augen.
»Warum?« wiederholte er, als hätte er die Frage nicht verstanden.
»Warum solltet Ihr daraus den Schluß ziehen, daß Eure Schwester, Eure eigene Schwester, das Mädchen aufgrund einer verbotenen Beziehung ermordet hatte? Ich kann da keinen Zusammenhang erkennen. Zumindest nicht anhand dessen, was Ihr mir bisher erzählt habt.«
Adnar schien sich in seiner Haut nicht ganz wohlzufühlen, während er über ihre Worte nachdachte.
»Es stimmt, daß ich Euch keinen wirklich logischen Grund nennen kann. Ich habe einfach das Gefühl, daß alles auf furchtbare Weise zusammenpaßt.«
»Hat Euer anam-chara, Bruder Febal, Euch diese Erklärung nahegelegt?«
Die Frage kam scharf und direkt.
Adnar zuckte zusammen.
Fidelma erkannte an der leichten Röte, die ihm ins Gesicht stieg, daß sie mit ihrer Vermutung ins Schwarze getroffen hatte.
»Seit wann kennt Ihr Bruder Febal?«
»Seit ich zurückgekehrt und hier bo-aire geworden bin.«
»Und was wißt Ihr über seine Vergangenheit?«
»Früher war die Abtei Der Lachs aus den Drei Quellen eine gemischtgeschlechtliche Gemeinschaft, ein conhospitae, wie man das nennt. Bruder Febal war einer der Mönche, die dort lebten. Febal und Draigen heirateten. Unter der früheren Oberin, Äbtissin Mar-ga, war Febal der Pförtner der Gemeinschaft. Dann wurde meine Schwester zur rechtaire ernannt, zur Verwalterin, das ist, wie Ihr wißt, das zweithöchste Amt nach der Äbtissin. Soviel ich weiß, war die Be-ziehung zwischen Draigen und Febal von einem Tag auf den anderen beendet. Draigen nutzte die Gebrechlichkeit und das hohe Alter der Äbtissin aus. Sie begann alle männlichen Mitglieder aus der Abtei zu vertreiben und sie in ein Kloster ausschließlich für Nonnen umzuwandeln. Bruder Febal war der letzte, der aus seiner Stellung verdrängt wurde, und kam dann als geistlicher Berater zu mir. Kurz darauf starb die alte Äbtissin. Ich war nicht überrascht, als ich erfuhr, daß meine Schwester zu ihrer Nachfolgerin ernannt worden war.«