»Ihr wollt andeuten, daß Draigen rücksichtslos und ehrgeizig ist?«
»Darüber mögt Ihr Euch selbst ein Urteil bilden.«
»Gut. Außerdem behauptet Ihr, daß Bruder Febal allen Grund hat, Draigen zu hassen. Allen Grund, Feindschaft zwischen Euch und ihr zu entfachen, und allen Grund, Gerüchte über die Entdeckung des Leichnams in Umlauf zu setzen.«
»Aus der Sicht einer Außenstehenden mag das durchaus so erscheinen«, gab Adnar zu. »Ich werde nicht versuchen, Euch von meiner Meinung zu überzeugen. Der einzige Grund, warum ich Euch bei Eurer Ankunft gestern noch vor Draigen sprechen wollte, war der Wunsch, Euch vor bestimmten Dingen zu warnen und Euch zu bitten, die Richtungen, die ich angedeutet habe, weiterzuverfolgen. Ob Ihr Euch dazu entschließt oder nicht, ist allein Eure Sache. Ihr seid eine Advokatin der Gerichtsbarkeit, und lautet Euer Schlachtruf nicht quaere verum?«
»Die Wahrheit zu suchen - das ist der wichtigste Grundsatz unseres Handelns, nicht unser Schlachtruf«, verbesserte sie ihn schulmeisterlich. »Darum werde ich mich nach Kräften bemühen. Aber eine Anschuldigung ist noch keine Wahrheit. Ein Verdacht ist keine Tatsache. Ich werde noch mal mit Bruder Febal reden müssen.«
Adnar fuhr sich mit der Hand durch die schwarze Lockenmähne.
»Ihr könnt gerne mit mir in die Festung kommen, obwohl ich nicht sicher bin, ob Febal jetzt dort ist. Als ich losritt, wollte er, glaube ich, Torcan und seine Männer zu einem Wallfahrtsort jenseits des Berges begleiten.«
»Wann wird er zurückkehren?«
»Mit Sicherheit erst spät am Abend.«
»Dann spreche ich morgen mit ihm. Sagt ihm, er soll in die Abtei kommen.«
Adnar blickte verlegen drein.
»Wahrscheinlich wird er das nur ungern tun. Drai-gen würde ihn nicht gerade willkommen heißen.«
»In dieser Angelegenheit haben meine Wünsche mehr Gewicht als Draigens«, antwortete Fidelma kalt. »Er kann mich nach dem Morgenmahl im Gästehaus treffen. Ich erwarte ihn dort.«
»Ich werde es ihm mitteilen«, seufzte Adnar.
Plötzlich hob er den Kopf und schien angestrengt zu lauschen. Einen Augenblick später hörte auch Fidelma das Knirschen von Schuhen auf dem gefrorenen Boden und drehte sich um. Auf dem Waldweg näherte sich die Gestalt einer Nonne, den Kopf gebeugt und in eine Kapuze gehüllt, einen sacculus über die Schulter gehängt. Sie sah Adnar und Fidelma erst, als sie nur noch wenige Meter entfernt war und Fidelma sie begrüßte.
»Guten Tag, Schwester.«
Das Mädchen blieb stehen und blickte erschrocken auf. Fidelma erkannte sie sofort. Es war die junge Schwester Lerben.
»Guten Tag«, murmelte sie.
Adnar erhob sich mit einem Lächeln.
»Es scheint bei den Nonnen aus der Abtei Ja geradezu zur Gewohnheit zu werden, heute diesen Pfad entlangzuwandeln«, bemerkte er mit ironischem Unterton. »Ist es hier nicht gefährlich, Schwester, so ganz allein? Es wird bald dunkel.«
Lerbens Augen funkelten vor Zorn, dann senkte sie den Blick.
»Ich bin auf dem Weg zu ...«, sie zögerte und schielte zu Fidelma hinüber, »zu Torcan von den Ui Fidgenti.« Ihre Hand wanderte automatisch zu ihrem sacculus.
Adnar lächelte weiter und schüttelte den Kopf.
»Tja, gerade habe ich Schwester Fidelma erklärt, daß Torcan meine Festung verlassen hat und erst heute abend wiederkommt. Kann ich ihm eine Nachricht überbringen?«
Schwester Lerben zögerte erneut, nickte dann rasch und zog einen kleinen, länglichen Gegenstand, der in ein Stück Stoff gewickelt war, aus ihrem sacculus.
»Würdet Ihr dafür sorgen, daß ihm das ausgehändigt wird? Er bat darum, es aus unserer Bibliothek ausleihen zu dürfen, und ich wurde beauftragt, es ihm zu bringen.«
»Ich werde es mit Vergnügen weitergeben, Schwester.«
Fidelma streckte die Hand aus und fing das Päckchen mühelos ab, bevor Adnar es an sich nehmen konnte. Sie wickelte es aus und starrte auf die Pergamenthandschrift.
»Das ist Ja eine Kopie der Chroniken von Clon-macnoise, der großen Abtei, die vom Heiligen Kieran gegründet wurde.«
Sie hob den Blick und sah einen ängstlichen Ausdruck in Schwester Lerbens Gesicht. Adnar lächelte.
»Ich wußte gar nicht, daß der junge Torcan sich so für Geschichte interessiert«, sagte er. »Ich muß mich mit ihm mal darüber unterhalten.«
Er streckte die Hand nach dem Buch aus, doch Fidelma blätterte die Pergamentseiten durch. Auf einem Blatt hatte sie Flecken entdeckt, rote, erdige Flecken. Sie konnte gerade noch erkennen, daß die Seite eine Eintragung über den Oberkönig Cormac Mac Art enthielt, bevor Adnar ihr das Buch freundlich, aber bestimmt aus der Hand nahm und wieder in das Tuch einwickelte.
»Hier ist nicht der Ort, um Bücher zu lesen«, bemerkte er scherzhaft. »Es ist viel zu kalt. Macht Euch keine Sorgen, Schwester«, wandte er sich an Lerben, »ich werde dafür sorgen, daß das Buch sicher bei Tor-can ankommt.«
Fidelma erhob sich und begann Blätter, Zweige und vermoderte Rindenstücke von ihrem Gewand zu wischen.
»Kennt Ihr Torcan denn gut? Es ist ein weiter Weg vom Land der Ui Fidgenti hierher.«
Adnar verstaute das Buch unter seinem Arm.
»Ich kenne ihn kaum. Er war Gast auf Gulbans Festung und kam jetzt als Olcans Gast hierher, hauptsächlich zum Jagen und um einige der Stätten unserer Väter zu besuchen, für die unsere Gegend berühmt ist.«
»Ich hätte nicht gedacht, daß die Ui Fidgenti dem Volk der Loigde willkommen sind.«
Adnar stieß ein trockenes Lachen aus.
»Es gab eine Reihe von Kriegen zwischen uns, das läßt sich nicht leugnen, doch es ist wohl an der Zeit, alte Streitigkeiten und Vorurteile zu überwinden.«
»Ganz meiner Meinung«, erwiderte Fidelma. »Aber wir wissen schließlich beide, daß Eoganan, der Prinz der Ui Fidgenti, sich in vielen Feldzügen gegen die Loigde verschworen hat.«
»Eroberungskriege«, pflichtete Adnar ihr bei. »Würde jeder sich auf sein Gebiet beschränken und nicht versuchen, sich in die Angelegenheiten anderer Stämme einzumischen, dann gäbe es keinen Grund zum Streit.« Er grinste verschlagen. »Aber Gott sei Dank wurden Kämpfer gebraucht, als ich ein junger Mann war, sonst wäre ich nie in meine jetzige Stellung aufgestiegen.«
Fidelma neigte den Kopf zur Seite und musterte ihn.
»Und jetzt nehmt Ihr, der Ihr Euern Wohlstand in den Kriegen gegen die Ui Fidgenti erworben habt, den Sohn des Prinzen dieses Stammes gastlich bei Euch auf?«
Adnar nickte, »Das ist nun mal der Lauf der Dinge. Die Feinde von gestern sind heute die besten Freunde, obwohl, wie ich betont habe, der junge Mann genaugenommen Olcans Gast ist und nicht meiner.«
»Und die Geschwister von gestern sind heute die erbittertsten Feinde«, fügte Fidelma leise hinzu.
Adnar zuckte mit den Schultern.
»Ich wünschte, es wäre anders, Schwester. Aber es ist eben nun mal so.«
»Na schön, Adnar. Ich danke Euch für Eure Aufrichtigkeit. Morgen erwarte ich Bruder Febal in der Abtei.«
Sie wandte sich an Schwester Lerben, die schüchtern daneben stand, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie gehen oder sich an der Unterhaltung beteiligen sollte. Fidelma betrachtete das Mädchen mit einem freundlichen Lächeln. Lerben war höchstens sechzehn oder siebzehn Jahre alt.
»Kommt, Schwester. Laßt uns zur Abtei zurückkehren, wir können uns unterwegs unterhalten.«
Sie drehte sich um und begann dem Pfad in die Richtung zu folgen, aus der sie gekommen war. Einen Augenblick später gesellte sich Lerben zu ihr, während Adnar neben seinem Pferd stand, gedankenverloren dessen Maul streichelte und beobachtete, wie sie zwischen den Bäumen verschwanden. Dann zog er das Buch unter seinem Arm hervor, wickelte es aus seiner Stoffhülle und starrte es verdrossen an. Er hing lange seinen Gedanken nach, bevor er es wieder einwickelte, in die Satteltasche steckte, die Zügel seines Schlachtrosses losband und aufstieg. Dann stieß er seine Fersen in die Flanken des Pferdes und ließ es den Waldweg entlang zu seiner Festung traben.