Fidelma konnte ihr Erstaunen nicht verbergen. Äbtissin Draigens Ankündigung verschlug ihr die Sprache.
»Ich denke«, sagte Fidelma nach einer übermäßig langen Pause, »ich denke, Ihr solltet mir zuerst alles der Reihe nach erzählen.«
Äbtissin Draigen ließ sich unvermittelt auf den Stuhl sinken. Sie wandte den Blick von der Toten ab und heftete ihn auf einen Punkt weit draußen, wo vor dem Fenster das Mondlicht auf dem Wasser glänzte und die dunklen Umrisse des gallischen Handelsschiffes beschien, das in der Meerenge vor Anker lag.
»Ich habe Euch erzählt, daß Schwester Siomha die Wache über die Klepsydra übernommen hatte, und zwar für das erste cadar, das erste Viertel des Tages, das heißt, von Mitternacht bis zum morgendlichen Ängelus.«
Fidelma stellte keine Frage. Schwester Bronach hatte ihr die Funktionsweise der Wasseruhr bereits erklärt.
»Ich fand keine Ruhe und spürte eine eigenartige Beklemmung. Was, wenn Eure Vermutung stimmte und unseren zwei Schwestern auf dem Heimweg von Ard Fhearta etwas Schreckliches zugestoßen war? Ich konnte nicht einschlafen. Und weil ich nicht schlafen konnte, fiel mir auf, daß seit dem letzten Gongschlag, der nach Ablauf jedes Zeitabschnittes ertönen sollte, eine überaus lange Zeitspanne verstrichen war.«
Die Äbtissin hielt kurz inne, dachte einen Augenblick nach und fuhr dann fort.
»Mir wurde bewußt, daß der Gong schon einige Zeit nicht mehr zu hören gewesen war. Das paßte gar nicht zu Schwester Siomha, die in solchen Dingen normalerweise sehr pedantisch ist. Ich stand auf, kleidete mich an und ging zum Turm, um herauszufinden, was da nicht stimmte.«
»Hattet Ihr eine Kerze bei Euch?« unterbrach sie Fidelma.
Die Äbtissin runzelte bei dieser Frage unsicher die Stirn und nickte dann hastig.
»Ja, Ja. Ich hatte in meinen Gemächern eine Kerze angezündet und benutzte sie, um mir auf dem Weg durch den Innenhof zu leuchten. Ich betrat den Turm und stieg durch die Bibliothek hinauf in das Skriptorium. Als ich gerade weiter hinaufsteigen wollte, verspürte ich den Drang, nach Schwester Siomha zu rufen. Es war so still. Ich fühlte, daß irgend etwas nicht in Ordnung war, und deshalb rief ich sie.«
»Erzählt weiter«, drängte Fidelma, als sie zögerte.
»Einen Augenblick später kam ein dunkler Schatten die Treppe heruntergestürmt. Das geschah so plötzlich, daß ich beiseitegestoßen wurde und mir die Kerze aus der Hand flog. Die Fliehende drängte sich an mir vorbei und verschwand.«
»Was dann?«
»Ich stieg die Treppe weiter hinauf bis in diesen Raum.«
»Ohne Kerze?«
»Ich sah, daß die Laternen brannten, genau wie jetzt. Dann erblickte ich Schwester Siomhas Leichnam.«
»Die Leiche ohne Kopf, die auf dem Boden lag?«
Äbtissin Draigen wurde plötzlich wütend.
»Die Person, die auf der Treppe an mir vorbeistürmte, war Schwester Berrach. Daran gibt es keinen Zweifel. Da Ihr Berrach kennt, wißt Ihr auch, daß man sie unmöglich mit jemand anderem verwechseln kann.«
Fidelma hätte durchaus einräumen können, daß Draigen in diesem Punkt recht hatte, aber sie wollte sichergehen.
»Das ist es Ja gerade, was mich verwirrt. Ihr sagtet, Schwester Berrach >kam die Treppe heruntergestürmt< - das waren Eure Worte -, aber wir beide wissen, daß sie an einer Gehbehinderung leidet. Seid Ihr sicher, daß es Berrach war? Vergeßt nicht, daß Euch die Kerze aus der Hand fiel und daß die betreffende Person sich im Dunkeln an Euch vorbeidrängte.«
»Vielleicht habe ich in der Aufregung eine falsche Formulierung benutzt. Die Fliehende bewegte sich zwar recht behende, aber trotzdem würde ich ihre unförmige Gestalt überall erkennen.«
Fidelma stimmte insgeheim mit ihr überein: man verwechselte Schwester Berrach nicht leicht mit jemand anderem.
»Und nachdem sie an Euch vorbeigerannt war ...?«
»Bin ich unverzüglich zu Euch gekommen, damit Ihr Euch diesen Wahnsinn anseht.«
Fidelma blickte finster drein. »Machen wir uns auf die Suche nach Schwester Berrach.«
Äbtissin Draigen hatte, nachdem sie ihre Geschichte losgeworden war, die Kontrolle über sich wiedererlangt. Sie ließ ein zynisches Grunzen hören.
»Die ist inzwischen bestimmt aus der Abtei geflohen.«
»Selbst in diesem Falle wird sie, sofern ihr nicht ein Pferd zur Verfügung steht und sie reiten kann, noch nicht sehr weit gekommen sein. Trotzdem ...«
Beim Geräusch leiser Schritte auf der Treppe unter ihnen verstummte Fidelma.
Die Äbtissin trat vor, als wolle sie etwas sagen, doch Fidelma legte einen Finger auf die Lippen und bedeutete ihr, zurückzutreten. Jemand kam die Stufen herauf, direkt zum Raum mit der Klepsydra.
Fidelma merkte, wie sich ihr Körper verkrampfte, und ärgerte sich darüber. Wenn sie überhaupt etwas trainiert hatte, dann, nicht auf Reize von außen zu reagieren, so daß sie jederzeit auf alles vorbereitet war. Vorsichtig entspannte sie ihre Muskeln und stellte sich neben die Äbtissin, so daß der Neuankömmling, wer auch immer das sein mochte, ihnen den Rücken zuwandte. Eine Schwester im Habit der Gemeinschaft kam die Treppe herauf. Fidelma sah sofort, daß es sich nicht um eine der jungen Schwestern handelte. Sie hatte sie erkannt, noch bevor sie sich umdrehte.
»Schwester Bronach! Was habt Ihr um diese Zeit hier zu suchen?«
Bronach zuckte vor Schreck und Überraschung heftig zusammen. Nachdem sie zuerst Fidelma und dann die Äbtissin erkannte, entspannte sie sich.
»Nun, ich komme gerade aus der Kammer von Schwester Berrach. Sie ist vollkommen durcheinander. Sie erzählte mir, daß hier ein Mord begangen wurde.«
»Ihr habt sie gesehen?« wollte Draigen wissen. »Sie hat Euch geweckt?«
»Nein. Ich war bereits wach. Ich wollte gerade zum Turm gehen«, erklärte Bronach. »Mir war aufgefallen, daß seit dem letzten Gongschlag schon einige Zeit vergangen war. Tatsächlich mußten schon mehrere Zeitabschnitte verstrichen sein, seit ich zuletzt einen vernommen hatte. Also bin ich aufgestanden, um herzukommen und nachzusehen, was mit der Zeitnehmerin los ist. Als ich meine Kammer gerade verlassen wollte, hörte ich, wie jemand den Korridor entlangeilte. Ich erkannte Schwester Berrach, ging zu ihr und fand sie völlig verstört auf ihrem Bett sitzend vor. Sie erzählte mir, daß Schwester Siomha tot sei, und ich kam sofort hierher, um nachzusehen, ob vielleicht ihre Phantasie .«
Plötzlich fiel ihr Blick auf den hingestreckten Körper auf dem Fußboden hinter Fidelma. Sie schlug die Hand vor den Mund, und ihre Augen weiteten sich angsterfüllt.
»Es ist Schwester Siomha«, bestätigte die Äbtissin ernst.
Fidelma, die Bronachs Mienenspiel beobachtete, glaubte, einen Ausdruck der Erleichterung über ihr Gesicht huschen zu sehen - doch er war verschwunden, bevor sie sich dessen sicher sein konnte. Das Licht der Laternen tat ein Übriges, um die Gesichtszüge zu verzerren.
»Schwester Bronach, bitte seht nach, was Ihr tun könnt, um die Klepsydra wieder richtig einzustellen«, sagte Äbtissin Draigen, die sich nun wieder vollkommen in der Gewalt hatte. »Seit Generationen sind wir in dieser Abtei stolz auf die Genauigkeit unserer Wasseruhr. Tut, was Ihr könnt, damit wir die Zeit wieder richtig berechnen können.«
Schwester Bronach wirkte verwirrt, beugte jedoch fügsam den Kopf.
»Ich werde mein Bestes tun, Mutter Oberin, aber .« Sie warf einen furchtsamen Blick auf die Tote.
»Ich gehe ein paar Schwestern wecken, damit sie unsere unglückliche Gefährtin in den subterraneas bringen. Ihr werdet nicht lange allein sein.«
Als sie sich schon zum Gehen gewandt hatte, fiel Fidelma plötzlich etwas ein. Sie drehte sich noch einmal zu Bronach um.
»Habt Ihr mir nicht erzählt, daß die Zeitnehmerin jedes Mal, wenn ein Zeitabschnitt verstrichen und der Gong ertönt ist, die Zeit auf einer Lehmtafel einzutragen hat?«