Выбрать главу

Schwester Bronach nickte.

»Das ist so üblich, für den Fall, daß wir den Überblick über die Zeitabschnitte verlieren.«

»Um welche Zeit hat Schwester Siomha ihre letzte Eintragung gemacht?«

Fidelma erkannte, daß sie auf diese Weise den genauen Zeitpunkt des Mordes an Schwester Siomha feststellen konnte.

Schwester Bronach blickte sich nach der mit Lehm bestrichenen Schreibtafel um. Sie lag verkehrt herum neben der steinernen Feuerstelle.

»Nun?« drängte Fidelma, während Bronach die Tafel aufhob und in Augenschein nahm.

»Die zweite Stunde des Tages ist vermerkt und die erste pongc, das heißt, die erste Viertelstunde danach.«

»So? Dann wurde sie zwischen zwei Uhr fünfzehn und zwei Uhr dreißig heute morgen ermordet«, grübelte Fidelma.

»Ist das denn wichtig?« fragte Äbtissin Draigen ungeduldig. »Wir wissen doch bereits, wer diese schreckliche Tat begangen hat.«

»Was glaubt Ihr, wie spät es jetzt ist?« fragte Fidelma sie unversehens.

»Ich habe keine Ahnung.«

»Ich schon«, schaltete sich Schwester Bronach ein. Sie trat ans Fenster und blickte in den allmählich heller werdenden Nachthimmel. Auf ihrem Gesicht lag ein selbstzufriedener Ausdruck. »Die vierte Stunde des Tages ist längst vorbei. Ich glaube, wir nähern uns der fünften Stunde.«

»Danke, Schwester«, bestätigte Fidelma geistesabwesend. Ihre Gedanken rasten. Fragend wandte sie sich an die Äbtissin: »Könnt Ihr abschätzen, wie lange es ungefähr her ist, seit Ihr die Tote gefunden habt?«

Äbtissin Draigen zuckte die Achseln.

»Ich sehe nicht, daß das eine Rolle spielt ...«

»Trotzdem, sagt es mir«, verlangte Fidelma.

»Weniger als eine Stunde, würde ich sagen. Ich bin, nachdem ich sie entdeckt hatte, fast augenblicklich zu Euch gekommen.«

»In der Tat, es ist viel weniger als eine Stunde her«, stimmte Fidelma zu. »Ich würde sagen, wir sind kaum eine halbe Stunde hier.«

»Wir sollten lieber Schwester Berrach suchen, anstatt mit diesen Nebensächlichkeiten Zeit zu vergeuden«, beharrte Äbtissin Draigen.

»Könnt Ihr das arme Mädchen nicht erst morgen früh verhören?« Es war Schwester Bronach, die das sagte, sehr zu Draigens Überraschung. »Schwester Berrach steht noch unter dem Schock, die Tote gefunden zu haben.«

Fidelma fragte: »Hat sie denn gesagt, daß sie sie gefunden hat?«

»Nicht ausdrücklich. Sie erzählte nur, daß sie Schwester Siomha im Turm sah - tot. Also liegt es doch auf der Hand, daß sie den Leichnam gefunden hat.«

»Vielleicht«, erwiderte Fidelma. »Ich denke, wir sollten Schwester Berrach trotzdem jetzt gleich aufsuchen. Nur eines noch, Schwester Bronach - da Ihr gerade hier seid«, fügte sie hinzu, so daß Äbtissin Draigen ein ungeduldiges Stöhnen entfuhr. »Sagt Euch der Name Morrigan irgendwas?«

Schwester Bronach erschauerte.

»Kennt denn nicht jeder den Namen des Bösen, Schwester? In alter Zeit, bevor das Wort Christi in dieses Land gebracht wurde, galt sie hier als Göttin des Todes und als Kriegsgöttin. Sie war die Gottheit, die alles Widernatürliche und Schreckliche verkörperte.«

»Ihr kennt also die alten heidnischen Traditionen?« bemerkte Fidelma.

Schwester Bronach spitzte die Lippen.

»Wer weiß denn nicht über die alten Götter und Göttinnen und die alten Traditionen Bescheid? Ich bin hier in den Wäldern aufgewachsen, wo viele noch immer dem früheren Glauben anhängen.«

Fidelma nickte, wandte sich, zu Äbtissin Draigens offensichtlicher Erleichterung, um, nahm ihre Kerze wieder in die Hand und ging der Äbtissin voraus die Treppe hinunter. Sie hatten das Erdgeschoß des Turmes gerade erreicht, als ein dumpfes Klopfen Fidelma innehalten ließ. Es war das gleiche Geräusch, das sie in der duirtbech gehört hatte. Das heftige Poltern von Holz auf Holz hallte aus der Tiefe durch den Turm.

Fidelma wandte sich der dunklen Ecke zu, aus der das Geräusch am lautesten zu hören war, und ging vorsichtig, die Kerze vor sich hertragend, darauf zu.

»Das ist nur die Treppe, die in die darunterliegende Höhle führt«, erklang Draigens Stimme hinter ihr.

»Hat denn nie jemand nachgeforscht, woher dieses Poltern kommt?« fragte Fidelma, als sie die oberste Treppenstufe erreichte.

»Nein, warum sollten wir?« schnaubte Draigen nervös. »Jedenfalls kommt es nicht aus unserem sub-terraneas. «

Fidelma spähte hinunter in die Finsternis.

»Es scheint aber doch von dort zu kommen. Ihr sagtet, daß es wahrscheinlich dadurch entsteht, daß Wasser in eine Höhle unter der Abtei einströmt.«

»Das glaube ich zumindest«, erwiderte Draigen, klang jedoch keineswegs restlos überzeugt. »Wohin geht Ihr?« fragte sie, als Fidelma die steinernen Stufen in die Höhle hinunterzusteigen begann.

»Ich will nur nachsehen ...«. Fidelma beendete ihren Satz nicht, sondern folgte der schmalen Treppe nach unten.

Die darunterliegende Höhle war leer und inzwischen wieder ruhig. Enttäuscht blickte Fidelma sich um. Es gab keinen Platz, wo sich jemand verstecken konnte, nur ein paar Kisten in einer Ecke. Fidelma unterdrückte einen Seufzer und begann, sich in der Finsternis mit einer Hand an der kalten Mauer entlangtastend, wieder die Treppe hinaufzusteigen.

Die Masse, in die sie plötzlich hineingriff, war feucht und klebrig, und sie wußte bereits, was es war, noch bevor sie ihre Finger im Licht der Kerze betrachten konnte. Dann untersuchte sie die Mauer. Sie entdeckte einen Blutfleck. Er war noch frisch.

»Was ist los, Schwester?« kam Draigens Stimme fragend von oben.

Fidelma wollte es ihr gerade erklären, überlegte es sich jedoch anders.

»Nichts, Mutter Oberin. Es ist nichts.«

Draußen im Hof begegneten sie einer höchst beunruhigten Schwester Lerben.

»Irgend etwas ist passiert, Mutter Oberin«, begrüßte sie sie atemlos. »Die einfältige Schwester Berrach sitzt schluchzend in ihrer Zelle. Ich habe Licht im Turm gesehen, jedoch schon lange keinen Gongschlag mehr gehört. Irgend etwas stimmt nicht mit der Aufsicht über die Wasseruhr.«

Äbtissin Draigen legte der jungen Frau eine Hand auf die Schulter.

»Wappnet Euch, Kind. Schwester Siomha ist ermordet worden. Berrach hat es getan .«

»Das wißt Ihr nicht mit völliger Sicherheit«, unterbrach Fidelma. »Laßt uns gehen und das Mädchen befragen, bevor wir ihr die Schuld zuweisen.«

Doch Schwester Lerben war bereits mit der Neuigkeit davongeeilt und weckte die schlafende Gemeinschaft mit lauten Rufen. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Alle wachten auf und erfuhren, was geschehen war. Äbtissin Draigen befahl einer vorbeikommenden Novizin, in die Schlafhäuser zu gehen und den Aufruhr zu besänftigen, doch bevor sie noch reagieren konnte, wimmelte der Hof schon von verängstigten Schwestern. Erregte und wütende Stimmen redeten wirr durcheinander. Kerzen und Lampen wurden angezündet, und die Schwestern, die sich eilig angekleidet oder Umhänge um ihre Schultern geworfen hatten, versammelten sich in kleinen Grüppchen und unterhielten sich in furchtsamem oder aufgebrachtem Tonfall.

Schwester Berrach schien sich in ihrer Zelle verbarrikadiert zu haben. Lerben kehrte zurück und meldete, Berrachs klagendes Heulen sei noch immer zu hören, eine sonderbare Mischung aus Gebeten und volkstümlichen Verwünschungen.

»Was sollen wir tun, Mutter Oberin?«

»Ich werde zu ihr gehen und mit ihr reden«, schaltete sich Fidelma entschlossen ein.

»Das ist keine gute Idee«, riet ihr die Äbtissin ab.

»Warum nicht?«

»Ihr wißt, wie stark Berrach ist, trotz ihrer Behinderung. Sie könnte Euch angreifen.«

Fidelma lächelte müde.

»Ich glaube nicht, daß ich vor Schwester Berrach Angst haben muß. Wo ist ihre Zelle?«

Schwester Lerben warf einen Blick zur Äbtissin hinüber und deutete dann auf eines der Schlafhäuser.