»Sie bewohnt die letzte Kammer in diesem Gebäude, Schwester. Aber solltet Ihr Euch nicht lieber bewaffnen?«
Fidelma schüttelte ärgerlich den Kopf.
»Wartet hier und kommt nicht herein, bis ich Euch rufe.«
Sie hob eine Hand, um ihre Kerze gegen die auffrischende Morgenbrise zu schützen, und ging hinüber zu dem Gebäude, das Schwester Lerben ihr gezeigt hatte. Es war ein langgestrecktes Holzhaus, das aus einem Korridor mit zwölf nebeneinanderliegenden, zellenähnlichen Kammern bestand. Anscheinend waren sämtliche Schlafhäuser der Gemeinschaft so gebaut.
Sie trat ein und blickte sich in dem dunklen Flur prüfend um.
Vom anderen Ende konnte sie Berrachs Schluchzen hören.
»Schwester Berrach!« rief Fidelma und bemühte sich, ihrer Stimme die Angst, die sie in Wirklichkeit verspürte, nicht anmerken zu lassen. »Schwester Ber-rach! Ich bin es, Fidelma.«
Es entstand eine Pause, das Weinen schien aufzuhören, nur noch vereinzeltes Schluchzen folgte.
»Berrach, ich bin Schwester Fidelma. Erinnert Ihr Euch?«
Nach einer erneuten Pause war Schwester Berrachs abwehrende Stimme zu hören.
»Selbstverständlich. Ich bin doch keine Idiotin.«
»Das habe ich auch nie gedacht«, erwiderte Fidelma in versöhnlichem Tonfall. »Können wir sprechen?«
»Seid Ihr allein?«
»Ganz allein, Berrach.«
»Dann tretet vor, bis ich Euch sehen kann.«
Langsam, mit hoch erhobener Kerze, schritt Fidelma den Korridor entlang. Sie hörte das Scharren von Möbelstücken und vermutete, daß Berrach eine Barrikade vor ihrer Tür beiseite räumte. Als sie sich dem Ende des Korridors näherte, öffnete sich die Tür einen Spaltbreit.
»Halt!« befahl Berrach.
Fidelma gehorchte sofort.
Die Tür öffnete sich weiter, und Berrachs Kopf erschien, um nachzusehen, ob sonst niemand bei ihr war. Dann wurde die Tür ganz aufgestoßen.
»Kommt herein, Schwester.«
Fidelma betrachtete die junge Nonne. Ihre Augen waren gerötet, ihre Wangen tränenverschmiert. Fidelma betrat die Zelle und blieb stehen, während Ber-rach hinter ihr die Tür zuschlug und einen Tisch davorschob, um sie zu sichern.
»Warum verbarrikadiert Ihr Euch?« fragte Fidelma. »Vor wem habt Ihr Angst?«
Berrach wankte zu ihrem Bett, setzte sich darauf und umklammerte ihren dicken Schwarzdornstock.
»Wißt Ihr nicht, daß Schwester Siomha ermordet wurde?«
»Warum solltet Ihr deshalb die Tür Eurer Kammer verbarrikadieren?«
»Weil man mich des Verbrechens beschuldigen wird, und weil ich nicht weiß, was ich machen soll.«
Fidelma blickte sich um, entdeckte einen Hocker und nahm Platz. Die Kerze stellte sie auf den Tisch daneben.
»Warum sollte man gerade Euch der Tat bezichtigen?«
Schwester Berrach musterte sie verächtlich.
»Weil Äbtissin Draigen mich im Turm gesehen hat, als die Tote gefunden wurde. Und weil die meisten hier mich aufgrund meiner Behinderung ablehnen. Sie werden mich ganz bestimmt beschuldigen, Schwester Siomha ermordet zu haben.«
Fidelma lehnte sich zurück, faltete die Hände im Schoß und betrachtete Berrach lange und nachdenklich.
»Ihr scheint von Euerm Stottern befreit zu sein«, stellte sie vorsichtig fest.
Das Gesicht des Mädchens verzog sich zu einem zynischen Grinsen.
»Euch bleibt wohl nichts lange verborgen, Schwester Fidelma. Ganz im Gegensatz zu den anderen. Die sehen nur, was sie sehen wollen. Etwas anderes existiert für sie nicht.«
»Ich vermute, Ihr habt gestottert, weil es von Euch erwartet wurde?«
Schwester Berrachs Augen weiteten sich ein wenig.
»Ziemlich klug von Euch, Schwester.« Sie machte eine Pause, bevor sie fortfuhr. »In einem mißgebildeten Körper steckt notwendigerweise auch ein mißgebildeter Geist. So lautet die Philosophie der Unwissenden. Ich stottere für sie, denn sie halten mich für einfältig. Würde ich mich verhalten wie ein intelligentes Wesen, könnten sie auf die Idee kommen, ich sei von einem bösen Geist besessen.«
»Aber mir gegenüber seid Ihr ehrlich. Warum könnt Ihr das nicht auch gegenüber anderen sein?«
Wieder verzog Schwester Berrach den Mund.
»Ich bin Euch gegenüber ehrlich, weil Ihr hinter den Vorhang aus Vorurteilen schaut, wo andere nicht hingucken.«
»Ihr schmeichelt mir.«
»Schmeichelei ist nicht meine Art.«
»Erzählt mir, was passiert ist.«
»Heute nacht?«
»Ja. Äbtissin Draigen sah Euch aus dem Raum kommen, in dem die Wasseruhr steht. Schwester Siomha wurde, wie Ihr wißt, enthauptet in jenem Raum gefunden. Ihr hattet es eilig und habt die Äbtissin beiseitegestoßen, so daß ihre Kerze herunterfiel und erlosch.« Fidelma betrachtete Schwester Berrachs Kleidung. »Vorne auf Eurem Habit ist ein dunkler Fleck, Schwester. Ich nehme an, es handelt sich um Siomhas Blut?«
Die wachsamen blauen Augen blickten Fidelma ernst an.
»Ich habe Schwester Siomha nicht ermordet.«
»Ich glaube Euch. Wollt Ihr mir vertrauen und mir genau erzählen, was passiert ist?«
Schwester Berrach breitete in einer fast rührenden Geste die Arme aus.
»In der Abtei hier hält man mich für einfältig, nur weil ich körperlich behindert bin. Ich wurde schon so geboren. Probleme mit der Wirbelsäule, haben die Heilkundigen meiner Mutter erklärt. Aber mein Körper und meine Arme sind stark. Nur meine Beine sind nicht richtig gewachsen.«
Schwester Berrach hielt inne, doch Fidelma erwiderte nichts und wartete, bis das Mädchen weitersprach.
»Zuerst sagte der Heilkundige, so könnte ich nicht leben, und dann sagte er, so sollte ich nicht leben. Meine Mutter konnte mich in ihrer Gemeinschaft nicht aufziehen. Mein Vater wollte nichts mit mir zu tun haben. Nach meiner Geburt hat er meine Mutter verlassen. Also wuchs ich bei meiner Großmutter auf, doch sie wurde getötet, als ich noch klein war. Ich überlebte und wurde im Alter von drei Jahren in diese Abtei gebracht, und hier kümmerte sich Bronach um mich. Ich blieb am Leben, und ich lebe immer noch. Die Gemeinschaft war mein Zuhause, so lange ich zurückdenken kann.«
In ihrer Stimme lag ein leises Schluchzen. Jetzt verstand Fidelma, warum Schwester Bronach sich immer schützend vor das Mädchen stellte.
»Nun erzählt mir, was im Turm geschehen ist«, drängte sie freundlich.
»Jede Nacht, vorm Morgengrauen, wenn die meisten hier noch schlafen, stehe ich auf und gehe in die Bibliothek«, gestand Berrach. »Dann widme ich mich dem Lesen. Ich kenne schon fast alle bedeutenden Bücher aus unserem Bestand.«
Fidelma war verwundert.
»Warum wartet Ihr bis zum Morgengrauen, um zum Lesen in die Bibliothek zu gehen?«
Berrach lachte. Es klang jedoch alles andere als fröhlich.
»Sie halten mich für einfältig und glauben, daß ich nicht denken kann, geschweige denn lesen. Ich habe mir selbst beigebracht, meine Muttersprache zu lesen, aber ich verstehe auch Latein, Griechisch und sogar etwas Hebräisch.«
Fidelma musterte sie nachdenklich, doch das Mädchen schien keineswegs angeben zu wollen, sondern einfach Tatsachen festzustellen. Ein abwegiger Gedanke schoß Fidelma durch den Kopf.
»Wußtet Ihr, daß die Abtei eine Kopie der Chroniken von Clonmacnoise besitzt?«
Schwester Berrach nickte sofort.
»Es ist eine Kopie, die unsere Bibliothekarin angefertigt hat«, ergänzte sie bereitwillig.
»Habt Ihr sie gelesen?«
»Nein. Aber viele andere Bücher.«
»Erzählt weiter«, seufzte Fidelma enttäuscht. »Ihr sagtet, daß Ihr vorm Morgengrauen aufsteht und in die Bibliothek geht. Fürchtet Ihr Euch nicht, ganz allein an so einem Ort?«
»Eine Schwester tut stets Dienst im Turmzimmer darüber. In letzter Zeit«, sie zitterte, »war es Schwester Siomha, die die meisten Nachtwachen übernahm. Vor den jüngsten Ereignissen bestand keinerlei Gefahr für Leib und Leben, nichts, wovor man sich dort zu fürchten brauchte.«