Fidelma verzog das Gesicht.
»Es ging mir nicht um Gefahren für Leib und Leben. Was ist mit dem Klopfen unter der duirthech, das die Schwestern am Vortag erschreckte? Mir wurde berichtet, daß es schon früher zu hören war.«
Schwester Berrach überlegte einen Augenblick.
»Ja, aber nicht oft. Äbtissin Draigen sagt, die Geräusche kommen aus einer unterirdischen Höhle, in die Meerwasser einströmt, aber manchmal macht es den Schwestern Angst. Ich fürchte mich nicht, und wer ein guter Christ ist, braucht davor keine Angst zu haben.«
»Sehr lobenswert, Schwester. Haltet Ihr die Erklärung der Äbtissin für richtig, daß das Geräusch entsteht, wenn Wasser aus der Meerenge in eine unterirdische Höhle strömt?«
»Das ist durchaus eine Möglichkeit. Jedenfalls weitaus wahrscheinlicher als die Geschichten über die ruhelosen Geister all derer, die früher angeblich bei heidnischen Opferritualen an diesem Ort getötet wurden.«
»Aber Ihr seid Euch nicht sicher, daß es sich nur um Wasser in einer unterirdischen Höhle handelt?«
»Manchmal, wie vorgestern in der duirthech, scheint die Erklärung der Äbtissin durchaus überzeugend. Andere Male, besonders, wenn ich mich nachts in der Bibliothek aufhalte, klingt das Geräusch zwar schwächer, aber eher wie ein Schlagen, als würde jemand Steine behauen oder ein Loch ausheben. Doch was immer es auch sein mag, das Geräusch ist irdischen Ursprungs -wovor sollte ich mich also fürchten?«
»Recht so. Und heute morgen gingt Ihr wie gewöhnlich in die Bibliothek?«
»Ja, in den Stunden vor Tagesanbruch. Ich verhielt mich so leise wie möglich, denn ich wollte die Aufseherin der Wasseruhr nicht auf mich aufmerksam machen. Schon gar nicht Schwester Siomha, die mich stärker ablehnt als die meisten anderen.«
»Wann habt Ihr die Bibliothek heute morgen betreten? Könnt Ihr die Zeit möglichst genau angeben?«
»Soweit ich mich erinnere, hörte ich den Gong zur zweiten Stunde schlagen, und vielleicht noch zur ersten Viertelstunde danach, ich bin mir nicht ganz sicher. Die dritte Stunde war noch nicht vorbei, das weiß ich ganz genau, denn ich erinnere mich nicht, daß sie geschlagen wurde.«
»Erzählt weiter.«
»Ich betrat die Bibliothek und fand das Buch, das ich suchte ...«
»Welches?«
»Wollt Ihr den Titel des Buches wissen?« fragte Schwester Berrach stirnrunzelnd.
»Ja.«
»Der Reisebericht des Aethicus von Istrien. Ich trug das Buch zu einem kleinen Tisch in einer Ecke. Ich setze mich meistens dorthin: falls jemand unerwartet eintritt, bleibt mir noch Zeit, mich zu verstecken. Ich las gerade die Passage über Aethicus’ Aufenthalt in Irland, wo er sich eingehend mit unseren Bibliotheken beschäftigte, als mir auffiel, daß die Zeit verging, ohne daß der Gong ertönte, den die Aufseherin der Klepsy-dra schon längst hätte schlagen müssen. Ich trat zum Fuß der Treppe und horchte. Alles war ruhig. Zu ruhig.«
Berrach hielt inne und rieb sich einen Augenblick abwesend die Wange.
»Ich spürte, daß etwas nicht stimmte. Kennt Ihr das, wenn man plötzlich so ein Gefühl bekommt? Ich beschloß, hinaufzugehen, um nachzusehen ...«
»Obwohl Ihr nicht wolltet, daß jemand von Eurer Anwesenheit erfuhr, am allerwenigsten Schwester Siomha?«
»Falls etwas nicht stimmte, hielt ich es für besser, nicht darüber hinwegzusehen.«
»Und was habt Ihr mit dem Buch gemacht?«
»Ich ließ es auf dem Tisch zurück, wo ich es gelesen hatte.«
»Also muß es noch dort liegen? Sehr gut. Erzählt weiter.«
»Ich stieg so vorsichtig wie möglich die Treppe hinauf in den Raum, in dem sich die Klepsydra befindet. Ich dachte, ich sähe Schwester Siomha auf dem Boden liegen.«
»Ihr dachtet?« betonte Fidelma.
»Die Tote hatte keinen Kopf. Aber das erkannte ich nicht sofort. Ich sah nur eine Gestalt im klösterlichen Habit und kniete daneben nieder, um ihr den Puls zu fühlen. Ich nahm an, sie sei bewußtlos vielleicht ohnmächtig geworden, weil sie zuwenig gegessen hatte oder aus einem anderen Grund. Meine Hände berührten ihren Hals, kalt, nicht richtig eiskalt, aber feucht und klamm. Dann spürte ich etwas Klebriges. Ich tastete nach ihrem Kopf .«
Schwester Berrachs Stimme stockte, und sie schauderte bei der Erinnerung.
»Heilige Mutter Gottes, schütze mich! In diesem Augenblick wurde mir klar, daß Schwester Siomha auf die gleiche Weise getötet worden war wie der Leichnam im Brunnen. Ich glaube, ich habe vor Entsetzen laut aufgeschrien.«
»Und dann seid Ihr die Treppe hinuntergerannt?« half Fidelma etwas nach.
»Nicht sofort. Als ich aufschrie, hörte ich hinter mir ein Geräusch. Ich drehte mich um, mein Herz raste. Ich sah einen Schatten, Kopf und Schultern vermummt, der schnell durch die Klapptür im Boden und die Treppe hinunter verschwand.«
Fidelma beugte sich rasch vor.
»Waren Kopf und Schultern die eines Mannes oder einer Frau?«
Berrach schüttelte den Kopf.
»Es tut mir leid, das weiß ich nicht. Es war so finster, und alles ging so schnell. Ich war vor Angst wie gelähmt und nicht in der Verfassung, weitere Nachzu-forschungen anzustellen. Daß ich mit dem Ungeheuer, das die Tat begangen hatte, allein gewesen war, weckte in mir die Furcht vor der ewigen Verdammnis. Ich weiß nicht, wie lange ich dort in dem dunklen Raum neben der Toten kniete. Zweifellos eine ganze Weile.«
»Ihr habt einfach dort im Dunkeln gekniet? Ihr habt Euch nicht bewegt oder geschrien?«
»Angst übt eine seltsame Gewalt über den Körper aus, Schwester. Angst bringt den Lahmen zum Laufen, der Gesunde dagegen wird lahm wie ein Krüppel.«
Fidelma nahm das mit einer ungeduldigen Geste zur Kenntnis.
»Was dann, Berrach?«
»Schließlich erhob ich mich und spürte, wie mir das Blut eiskalt durch die Adern schoß. Wie gesagt, ich weiß nicht, wie lange das dauerte. Ich wollte den Gong schlagen, um die anderen zu alarmieren, und zündete gerade die Laternen an, da hörte ich wieder ein Geräusch.«
»Was für ein Geräusch?«
»Ich hörte das Schlagen einer Tür. Ich hörte Schritte, die die Treppe heraufkamen. Ich hörte, wie sie sich näherten. Mein erster Gedanke, Schwester, war, daß der Mörder zurückkehrte - zurückkehrte, um sicherzustellen, daß ich nicht mehr reden würde.«
Sie hielt inne und schien einen Augenblick nach Luft zu ringen, doch dann fing sie sich wieder.
»Diesmal ließ mich die Angst nicht, wie beim ersten Mal, wie angewurzelt stehenbleiben, sondern verlieh mir ungeahnte Kräfte. Ich drehte mich um und arbeitete mich, so schnell ich konnte, mit Händen und Füßen die Treppe hinunter. Ich erinnere mich, daß ich eine Gestalt heraufkommen sah und dachte, der Vermummte kehrt zurück. Das ist die Wahrheit! Ich nahm alle Kraft zusammen, um die Gestalt brutal niederzustoßen, damit ich Zeit gewann, um zu entkommen .«
»Erinnert Ihr Euch, ob die Gestalt ein Licht in der Hand hatte?«
Berrach runzelte die Stirn.
»Ein Licht?«
»Eine Lampe oder eine Kerze?«
Das Mädchen dachte eine Weile nach.
»Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht eine Kerze. Ist das wichtig? Ich hörte sie aufschreien. Erst als ich den Innenhof schon überquert hatte, wurde mir bewußt, daß es die Äbtissin gewesen war.«
»Warum seid Ihr dann nicht zurückgekehrt?«
»Ich war ganz durcheinander. Immerhin hatte ich die vermummte Gestalt in dem Raum mit der Wasseruhr gesehen. Vielleicht war die Äbtissin sogar die Mörderin. Woher sollte ich das wissen?«
Fidelma antwortete nicht.
»Ich lief hierher, so schnell ich konnte. Ich hatte gerade meine Zelle erreicht, als Bronach hereinkam und mich fragte, warum ich so aufgeregt sei. Ich erzählte es ihr, und sie wollte hingehen und nachsehen, was passiert war. Ich hatte Angst, der Mörder könnte mir gefolgt sein.«