»Aber das hatte der Mörder nicht getan. Ihr wart doch bestimmt um Bronachs Sicherheit besorgt, als sie allein zum Turm hinüberging?«
»Ich war ganz durcheinander«, wiederholte Berrach.
»Warum habt Ihr Euch verbarrikadiert?«
»Ich hörte den Lärm, als die Schwestern geweckt wurden. Erst war Licht im Turm und dann in den Schlafräumen. Ich wollte gerade hinausgehen, doch eine der Schwestern, es war Lerben, rief: >Schwester Siomha ist von Berrach ermordet worden!< Da wußte ich, daß ich verloren war. Welche Chance hat denn jemand wie ich, Gerechtigkeit zu finden? Ich soll für etwas bestraft werden, was ich nicht getan habe.«
Fidelma betrachtete sie nachdenklich.
»Noch eine Frage, Berrach. Ist Euch irgend etwas Besonderes an Schwester Siomhas Körper aufgefallen? Abgesehen von der Enthauptung, meine ich?«
Berrach riß sich einen Augenblick von ihren angstvollen Gedanken los und starrte Fidelma fragend an.
»Etwas Besonderes?«
»Vielleicht eine Ähnlichkeit in der Art und Weise, wie die namenlose Tote im Brunnen zurückgelassen wurde«, legte ihr Fidelma nahe.
Schwester Berrach dachte einen Augenblick gründlich nach.
»Ich glaube nicht.«
»Ich meine, habt Ihr bemerkt, daß etwas an ihren linken Arm gebunden war?«
Die Bestürzung des Mädchens wirkte echt, als es den Kopf schüttelte.
»Kennt Ihr die uralten, heidnischen Bräuche?«
»Wer kennt sie nicht?« erwiderte Berrach. »Ihr solltet wissen, daß die Menschen in diesen abgelegenen Gegenden, fernab der großen Kathedralen und Städte, nach wie vor sehr naturverbunden leben und den ausgetretenen Pfaden weiterhin folgen. Bringt hier einem Christen einen Kratzer bei, und Ihr werdet sehen, daß das Blut in seinen Adern heidnisch ist.«
Fidelma wollte gerade etwas darauf erwidern, als sie von draußen Stimmen hörte, die immer lauter wurden, bis sie als Sprechgesang zu ihnen in die Kammer drangen. Erstaunt hörte sie, daß die Stimmen einen Namen riefen: »Berrach! Berrach! Berrach!«
Die Schwester stieß ein mitleiderregendes Stöhnen hervor.
»Seht Ihr?« wimmerte sie. »Seht Ihr? Sind sie gekommen, um mich zu bestrafen?«
»Schwester Fidelma!«
Fidelma erkannte die Stimme von Schwester Ler-ben, die den Lärm übertönte. Allmählich verstummte der Sprechchor.
Fidelma erhob sich und ging zur Tür. Sie warf Schwester Berrach einen Blick zu und versuchte, ermutigend zu lächeln.
»Habt Vertrauen zu mir«, beruhigte sie das Mädchen. Dann schob sie den Tisch beiseite und öffnete die Tür.
Schwester Lerben stand am anderen Ende des Korridors, und einige ihrer Mitnovizinnen drängten sich hinter ihr zusammen, Laternen in den Händen.
»Seid Ihr dort sicher, Schwester?« wollte die Novizin von Fidelma wissen. »Wir haben uns Sorgen gemacht, als wir nichts mehr von Euch hörten.«
»Was hat dieses aufrührerische Geschrei zu bedeuten? Die Schwestern sollen sich zerstreuen und in ihre Zellen zurückkehren.«
»Wir, die Mitglieder dieser Gemeinschaft, sind gekommen, um die Mörderin zu holen. Die Ermordung Schwester Siomhas darf nicht ungestraft bleiben. Bringt Berrach heraus. Ihre Schwestern haben beschlossen, daß der Tod die einzig angemessene Strafe für sie ist.«
Kapitel 10
Die jungen Nonnen, die sich dort am Ende des Korridors zusammendrängten und Berrachs Namen riefen, wirkten wie Besessene. Ihre Hysterie war kaum noch unter Kontrolle zu halten, und Fidelma wurde wütend, als sie erkannte, daß Draigen rein gar nichts unternommen hatte, um die verängstigten Gemüter zu beruhigen. Lerben schien die Raserei, die jeglicher Logik widersprach, noch geschürt zu haben und gebärdete sich als Anführerin der Gruppe, die sich von einer Zusammenrottung des Pöbels kaum noch unterschied. Von der Äbtissin war keine Spur zu sehen.
»Die Schwestern haben beschlossen?« fragte Fidelma in gefährlich drohendem Tonfall.
Schwester Lerben sprach sehr eindringlich. »Die Sache ist ganz einfach. All die Jahre hat die Abtei einer Zauberin Zuflucht gewährt, und sie hat es mit Mord und heidnischem Götzendienst vergolten. Sie wird ihre gerechte Strafe erhalten. Eure Aufgabe ist hiermit erfüllt.«
Die Nonnen, die sich hinter Lerben drängten, murmelten zustimmend. Fidelma erkannte, daß die meisten von ihnen sich einfach nur fürchteten und daß ihre Hysterie ganz einfach auf Angst beruhte. Lerben hatte dafür gesorgt, daß ihre entfesselten Gefühle sich gegen Berrach wendeten. Die Schwestern waren kaum noch im Zaum zu halten. Es sah aus, als würden sie jeden Augenblick losstürmen. Fidelma postierte sich entschlossen im Korridor und hob ihre Hand.
»Im Namen Gottes, merkt Ihr denn nicht, was Ihr da tut?« überschrie sie ihre Rufe. »Ich bin eine Advokatin der Gerichtsbarkeit, von Euerm König und vom Bischof damit beauftragt, diesen Fall zu untersuchen. Wollt Ihr Euch eines schrecklichen Verbrechens schuldig machen, indem Ihr die Gerechtigkeit in die eigenen Hände nehmt?«
»Das ist unser Recht«, widersprach Schwester Ler-ben.
»Und wieso?« verlangte Fidelma zu wissen. Sie war zu dem Schluß gekommen, daß jedes Gespräch besser war als blinde Gewalt. »Was habt Ihr denn für Rechte? Ihr seid lediglich eine Novizin in dieser Abtei, ohne höhere Position. Wo ist Eure Äbtissin? Vielleicht kann sie Euch über Eure Rechte aufklären?«
Schwester Lerbens Augen funkelten vor Zorn.
»Äbtissin Draigen hat sich zum Gebet in ihre Gemächer zurückgezogen. Sie muß sich erst von diesem entsetzlichen Schock erholen und hat mich mit den Aufgaben einer rechtaire betraut. Jetzt trage ich hier die Verantwortung. Übergebt uns endlich die Mörderin.«
Fidelma erschrak über die Arroganz des jungen Mädchens.
»Ihr seid jung, Lerben. Viel zu jung, um die Verantwortung für dieses Amt zu übernehmen. Was Ihr verlangt, widerspricht dem irischen Gesetz. Beruhigt Euch also und gebt Anweisung, daß die Schwestern sich zerstreuen.«
Zu ihrer Überraschung gab Lerben sich noch nicht geschlagen.
»Hat nicht Ultan, Erzbischof von Armagh und Oberster Apostel der Christenheit in den fünf Königreichen, verfügt, daß unsere Kirche die Gesetze der Peterskirche in Rom befolgen soll? Nun, wir haben über unsere sündige Schwester zu Gericht gesessen und sie für schuldig befunden - nach römischem Kirchenrecht.«
»Nach welchem Recht?« Fidelma traute ihren Ohren kaum. Sicher hatte jemand die Novizin, die jetzt behauptete, als Verwalterin der Abtei zu handeln, aufgewiegelt, sämtlichen irischen Gesetzen zuwiderzuhandeln. Sie fühlte sich wie in einem Streit mit jemandem, der die Meinung vertrat, tags sei es dunkel und nachts sei es helclass="underline" wo fand man denn da noch einen logischen Anknüpfungspunkt?
»Nach dem Recht der Heiligen Schrift!« antwortete Lerben völlig unbeeindruckt von Fidelmas Autorität. »Heißt es nicht im Zweiten Buch Mose: >Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen<?«
»Hat Euch die Äbtissin das beigebracht, Lerben?« forderte Fidelma sie heraus.
»Wollt Ihr etwa mit der Heiligen Schrift rechten?« entgegnete die Novizin stur.
»Laut dem Matthäus-Evangelium hat Unser Herr gesagt: >Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.<« Fidelma schleuderte Lerben das Zitat entgegen und wandte sich dann an die plötzlich still gewordenen Schwestern hinter ihr. »Schwestern, man hat Euch in die Irre geführt. Beruhigt Euch und kehrt in Eure Schlafräume zurück. Ber-rach ist nicht die Schuldige.«
Ein Raunen ging durch die Versammelten. Lerben versuchte, ihre Autorität wiederherzustellen. Ihr Gesicht war rot vor Zorn, hatte sie doch gehofft, durch ihre Belesenheit die unumstrittene Achtung und Ergebenheit der anderen Schwestern zu gewinnen.