Выбрать главу

»Ihr weist also Ultans Entscheidung zurück?« fragte sie Fidelma.

»Sicher, wenn sie nicht der Wahrheit und dem irischen Gesetz entspricht.«

»Draigen ist hier Äbtissin, und ihr Wort ist das Gesetz!« entgegnete das Mädchen.

»Das ist nicht richtig«, erwiderte Fidelma mit entschlossener Stimme. Sie begriff, daß sie die Versammelten so schnell wie möglich zerstreuen mußte. Je länger die Erregung andauerte, desto leichter konnte die Situation außer Kontrolle geraten. Fidelma hatte offenbar richtig vermutet: Draigen mußte Lerben ermutigt haben, die Angst vor Berrach noch zu schüren. Sie konnte die gefährliche Situation nur entschärfen, indem sie ihre ganze Autorität in die Waagschale warf. Klar und deutlich wiederholte sie: »Ich bin kürzlich von Eurem Oberkönig berufen worden. Ich bin auf Ersuchen Eures Königs und Eures Bischofs hierhergekommen. Und vermittels der Autorität des Abtes von Ros Ailithir, falls Ihr andere Autoritäten nicht respektiert. Solltet Ihr Berrach etwas zuleide tun, so werdet Ihr und alle, die sich daran beteiligen, Euch für den Mord an einer Glaubensschwester zu verantworten haben.«

Bestürztes Gemurmel lief durch die Reihen der Schwestern. Sie kannten das Gesetz gut genug, um zu wissen, daß der Mord an seinem Nächsten nach dem irischen Strafgesetzbuch als eines der schwersten Verbrechen galt. Sogar der Oberkönig würde durch einen solchen Mord sein Anrecht auf sein Amt und seine Würde verwirken. Die Kreuzigung Christi galt in Irland als Präzedenzfall für einen Mord an seinem Nächsten, denn man betrachtete die Juden als Christi Angehörige mütterlicherseits. Sämtliche Gesetze und gelehrten Bücher betonten seit unvordenklichen Zeiten, wie verdammungswürdig ein Mord an seinem Nächsten sei; eine solche Tat war ein Schlag gegen die Grundfesten der Gesellschaftsstruktur und ihren Kern, die Familie.

»Ihr würdet es wagen ...?« begann Schwester Ler-ben unsicher. »Ihr würdet es wagen, uns anzuklagen?« Doch schon schwand ihre Unterstützung in diesem Konflikt.

»Schwestern«, wandte sich Fidelma nun an alle, die sich unsicher hinter Lerben zusammendrängten. Da sie ihr jetzt aufmerksam zuhörten, hatte es wenig Sinn, das Wort weiterhin an die unerfahrene, arrogante Novizin zu richten.

»Schwestern, ich habe Schwester Berrach verhört, und ich bin überzeugt davon, daß sie an der Ermordung Siomhas unschuldig ist. Sie ist zufällig auf den Leichnam gestoßen, genau wie Äbtissin Draigen kurz nach ihr, und sie trägt ebensowenig Schuld an dem Verbrechen wie Eure Äbtissin. Laßt Euern Verstand nicht von Furcht vernebeln. Es ist so leicht, sich gegen das zu wenden, was man fürchtet, und es zu vernichten. Zerstreut Euch in Eure Schlafräume, und laßt uns dies alles vergessen - es war nur der Wahn eines Augenblicks.«

Die Schwestern sahen einander an wie hilflose Schäfchen in der Finsternis, und einige begannen sich zurückzuziehen.

Lerben trat einen Schritt vor, die Lippen zu einer dünnen Linie zusammengepreßt, doch Fidelma war entschlossen, ihren Vorteil zu nutzen. In diesem Augenblick tauchte die besorgte Schwester Bronach im Hintergrund der Gruppe auf.

»Schwester Bronach, ich möchte, daß Ihr Schwester Lerben zu ihrem Gemach begleitet, während ich die Äbtissin aufsuche. Das ist ein Befehl kraft meines Ranges«, fügte sie hinzu, als Bronach zögerte. Dann wandte sie den Versammelten bewußt den Rücken zu und trat wieder in Berrachs Gemach. Gleich hinter der Tür blieb sie stehen, mit geschlossenen Augen und rasendem Herzschlag, und fragte sich, ob es ihr gelungen war, die Situation restlos zu entschärfen. Würde Lerben einen weiteren Versuch unternehmen, ihre Anhängerinnen um sich zu scharen und Berrach zu ergreifen? Aus dem Korridor hörte sie Gemurmel und Fußgetrappel, dann Stille. Fidelma öffnete die Augen.

Schwester Berrach saß auf dem Bett und zitterte am ganzen Leibe.

Fidelma warf einen raschen Blick in den Korridor. Er war leer. Sie stieß einen langen, tiefen Seufzer aus.

»Alles in Ordnung«, sagte sie und setzte sich neben das Mädchen aufs Bett. »Sie haben sich zerstreut.«

»Wie können sie nur so böse sein?« Berrach schauderte.

»Sie wollten mich hier rausholen und mich töten.«

Fidelma legte tröstend eine Hand auf ihren Arm.

»Sie sind nicht wirklich böse. Sie haben einfach Angst. Von allen menschlichen Gefühlen trübt Furcht die Urteilskraft am meisten, besonders, wenn man so jung und unerfahren ist wie Lerben.«

Das Mädchen schwieg eine Weile.

»Schwester Lerben hat mich nie gemocht. Jetzt muß ich fort von hier. Habt Ihr gehört, was sie gesagt hat? Äbtissin Draigen hat sie zur Verwalterin der Abtei ernannt, zur Nachfolgerin Schwester Siomhas.«

»Eine unkluge, Ja, geradezu unüberlegte Wahl«, räumte Fidelma ein. »Ich werde mit der Äbtissin darüber sprechen. Lerben ist zu jung, um rechtaire zu sein. Habt ein wenig Geduld, Berrach. Die Schwestern werden zur Besinnung kommen, und dann werden sie alles bereuen.«

»Wenn sie mich so sehr fürchten, dann wird diese Furcht nicht nachlassen, sondern sich in Haß verwandeln. Ich werde hier niemals sicher sein.«

»Gebt ihnen eine Chance. Gestattet mir zumindest, mit Äbtissin Draigen zu sprechen.«

Schwester Berrach schwieg, und Fidelma beschloß, dies als Zeichen der Zustimmung zu werten.

Sie erhob sich und warf von der Tür aus noch rasch einen Blick zurück.

»Kann ich Euch kurz allein lassen?« fragte sie.

Schwester Berrach schaute finster drein.

»Deo favente«, antwortete sie. »So Gott will.«

Fidelma verließ die Zelle und machte sich auf den Weg zu Draigens Gemächern. Nun, da sie über das Verhalten der Äbtissin nachdachte, schoß ihr vor Zorn das Blut in den Kopf. Wie konnte Draigen der blutjungen Lerben nur soviel Macht übertragen? Wie konnte sie die Novizin dazu veranlassen, die Schwestern zu einem Mord anzustiften, dem schlimmsten aller Verbrechen? Wie stark mußte der Haß sein, den die Äbtissin gegen Berrach hegte? Worauf auch immer Fidelma bei ihren Nachforschungen stieß, alles an diesem Ort lag unter einem Mantel von Haß. Sie war wütend, doch dann fiel ihr ein, wie leicht es war, seiner Wut freien Lauf zu lassen. Hatte nicht Publilius Syrus gefordert, man solle den Zorn stets meiden? Zorn macht die Menschen blind und dumm. Sie erinnerte sich an die Worte ihres Mentors, des Brehon Morann von Tara: Wer die glühende Hitze des Zornes erlebt, wird danach die eisige Kälte der Reue empfinden. Es ist stets besser, Ruhe zu bewahren.

Kaum hatte sie diesen Entschluß gefaßt, da stand sie auch schon vor der Tür zu Äbtissin Draigens Gemächern.

Sie stieß sie auf und marschierte hinein, ohne anzuklopfen.

Die Äbtissin saß kerzengerade an ihrem Tisch, die Lippen entschlossen zusammengepreßt. Neben dem Feuer stand Schwester Lerben. Offensichtlich hatte sie sich Schwester Bronachs Begleitung entzogen. Sie blickte voller Abneigung auf, als Fidelma eintrat und den Raum mit festen Schritten durchmaß.

»Ich möchte Euch allein sprechen, Mutter Oberin.«

»Ich bin ...«, begann Schwester Lerben.

»Ihr seid entlassen«, fauchte Schwester Fidelma.

Äbtissin Draigen warf dem Mädchen einen nervösen Blick zu und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, sie allein zu lassen. Die junge Frau verkniff sich eine Erwiderung, was ihr sichtlich schwerfiel. Hocherhobenen Hauptes verließ sie den Raum.

Bevor Fidelma sprechen konnte, verzog sich Äbtissin Draigens Gesicht vor Zorn.

»Dies ist bereits das zweite Mal, daß Ihr Euch in Anweisungen einer von mir autorisierten Person eingemischt habt. Ich habe Schwester Lerben an Stelle von Schwester Siomha zur stellvertretenden rechtaire ernannt.«

Fidelma lächelte matt, trotz ihrer Wut.

»Angst führt unwürdige Seelen in die Irre«, erwiderte sie, während sie Platz nahm.

Äbtissin Draigen verzog erneut das Gesicht.