Eine Weile herrschte Schweigen. Man sah Äbtissin Draigen an, wie verzweifelt sie sich bemühte, logische Argumente vorzubringen, um das Gesagte zu widerlegen. Fidelma lächelte ihr freundlich in ihr hochrotes Gesicht und klopfte mit dem Zeigefinger auf Ultans Büchlein.
»In den einleitenden Zeilen dieser Fälschung findet Ihr übrigens ein Körnchen Weisheit: Es ist besser, zu streiten als wütend zu sein.«
Die Äbtissin schwieg empört, während Fidelma ihren Angriff fortsetzte.
»Eines würde mich noch interessieren, Mutter Oberin. Wenn Ihr das glaubt, was Ihr behauptet, warum habt Ihr dann überhaupt Abt Broce gebeten, einen Brehon zu schicken, der den Fall untersucht? Ihr re-spektiert die weltlichen Gesetze doch gar nicht und wollt sie auch nicht anerkennen.«
»Noch unterstehen wir der weltlichen Gerichtsbarkeit«, erwiderte die Äbtissin in angriffslustigem Ton. »Als bo-aire bekleidet Adnar auch das Amt des Friedensrichters. Ich würde mich sogar der Macht des Teufels beugen, wenn ich dadurch die Macht meines Bruders eindämmen und seine Einmischung in die Angelegenheiten dieser Abtei unterbinden könnte.«
Fidelmas Mimik verriet Enttäuschung.
»Ihr erkennt das Gesetz der Brehons also nur an, wenn es Euch nützlich ist? Damit geht Ihr Eurer Gemeinschaft nicht gerade mit gutem Beispiel voran.«
Draigen brauchte eine Weile, bevor sie sich erholte.
»Ihr könnt mich nicht überzeugen. Ich stehe zu Ul-tans Erklärung, daß dieses Buch rechtsgültig ist.«
Fidelma neigte den Kopf.
»Das steht Euch frei, Mutter Oberin. In diesem Fall sollte ich Euch allerdings darauf hinweisen, daß die Gesetze der römischen Kirche, auf die Lerben heute morgen Bezug nahm, hier keinerlei Rechtmäßigkeit besitzen.«
»Und welche sind das?« wollte Draigen wissen.
»Sämtliche Gesetze, die, wie Lerben behauptet, ihr die Vollmacht geben, Schwester Berrach gefangenzunehmen und zu töten, falls sie des Verbrechens, dessen Ihr sie anklagt, für schuldig befunden würde. Zweifelsohne habt Ihr Lerben, die noch sehr jung ist, in diesen Fragen Anweisungen erteilt. Sie hat das Buch Mose, Kapitel zweiundzwanzig, Vers siebzehn zitiert.«
Draigen nickte.
»Ihr kennt die Bibel gut. Ja, so lautet das Gesetz: die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen. Auf dieser Grundlage könnte Berrach, sofern bewiesen wird, daß sie eine Zauberin ist und heidnische Rituale praktiziert, hingerichtet werden.«
»Wenn Ihr jedoch zu Ultans Erklärung steht und wenn Ihr in diesem Text, der vorgibt, seit Patricks erster Synode in diesem Land Gesetzeskraft zu besitzen, eine Rechtfertigung sucht, dann nehmt ihn zur Hand und lest mir das sechzehnte Gesetz vor.«
Verunsicherung beschlich die Äbtissin, während sie den Blick der jüngeren Frau erwiderte. Nach kurzem Zögern nahm sie das Buch und begann zu lesen.
»Würdet Ihr das Gesetz laut vorlesen?« drängte Fidelma.
»Ihr kennt es doch ohnehin«, entgegnete Draigen ärgerlich.
Fidelma nahm ihr freundlich das Buch aus der Hand und begann zu lesen.
»Jeder Christ, der glaubt, daß es auf der Welt so etwas wie Zauberinnen gibt, und der jemanden der Zauberei bezichtigt, wird exkommuniziert und nicht wieder in die Kirche aufgenommen, bevor er - durch persönliche Erklärung - seine verbrecherische Anschuldigung widerrufen und mit aller Strenge Buße getan hat.«
Bedächtig schloß Fidelma das Büchlein und legte es wieder hin. Dann lehnte sie sich zurück und betrachtete die Äbtissin nachdenklich.
»Steht Ihr noch immer zu Ultans Erlässen? Denn wenn dem so ist, müßt Ihr auch akzeptieren, daß Ihr Euch diesem Kirchenrecht voll und ganz zu unterwerfen habt.«
Äbtissin Draigen antwortete nicht. Sie war offensichtlich verwirrt.
»Die Konsequenzen sind eindeutig festgelegt.« Fidelma sprach leise, doch in verächtlichem Tonfall. »Exkommunikation oder öffentliche Widerrufung der Anschuldigungen und Buße mit aller Strenge.«
Äbtissin Draigen schluckte.
»Ihr seid listig wie eine Schlange«, zischte sie kaum hörbar. »Ihr bestreitet, daß man diesem Gesetz zu gehorchen hat, und benutzt es dennoch, um mich zur Strecke zu bringen.«
»Keineswegs«, erwiderte Fidelma, ohne auf die Beleidigung einzugehen. »Veritas simplex oratio est - die Sprache der Wahrheit ist einfach.«
»Dennoch erkennt Ihr das Gesetz, das Ihr jetzt anwenden wollt, grundsätzlich nicht an«, wiederholte die Äbtissin stur.
»Aber Ihr behauptet, daß Ihr es anerkennt. Wenn Euer Denken irgendeiner Logik folgt, habt Ihr dem Gesetz zu gehorchen. Denn Ihr wart doch diejenige, die darauf Bezug genommen hat, und zwar als Rechtfertigung für ein Verbrechen, das hier beinahe begangen worden wäre.«
Die Glocke auf dem Turm hatte zu läuten begonnen.
Schwester Lerben trat ein. Sie bedachte Fidelma mit einem hochmütigen Blick.
»Ich nehme an, Ihr legt Wert darauf zu erfahren, daß die Glocke zum Frühgottesdienst läutet. Die Gemeinde erwartet Euch.«
»Ich habe Ohren, Lerben. Wenn meine Tür geschlossen ist, solltet Ihr anklopfen, bevor Ihr eintretet«, bellte Äbtissin Draigen gereizt. Die Novizin wirkte bestürzt. Sie hatte diese Reaktion offensichtlich nicht erwartet und errötete. Bevor sie etwas sagen konnte, fing sie den wütenden Blick der Äbtissin auf und zog sich hastig zurück.
»Möchtet Ihr Ultans Lehren verwerfen ...?« drängte Fidelma. »Vielleicht braucht Ihr den Rat Eurer anam-chara, Eurer Seelen-Freundin?«
Da sprang Äbtissin Draigen wütend auf.
»Schwester Siomha war meine anam-chara«, erwiderte sie kurz angebunden. Sie hätte den Streit am liebsten fortgesetzt, schluckte ihren Ärger jedoch hinunter. »Wie Ihr wünscht. Ich werde meine Anklage gegen Berrach widerrufen.«
Auch Fidelma erhob sich.
»Das ist gut so. Es muß vor der versammelten Gemeinschaft geschehen, da auch die Anklage vor der Gemeinschaft erhoben wurde. Erklärt die Anschuldigung für nichtig, leistet öffentlich Abbitte und tut Buße.«
Über Äbtissin Draigens Gesicht huschte ein gehässiger Ausdruck.
»Ich habe bereits gesagt, daß ich das tun werde.«
»Gut. Dann ist jetzt, da sich die Gemeinschaft zum Frühgottesdienst versammelt, genau der richtige Zeitpunkt dafür. Ich werde Schwester Berrach zur Kapelle geleiten, denn sie hat möglicherweise Angst, ihre Zelle zu verlassen. Immerhin wurde ihr Gewalt angedroht -Gewalt«, fügte sie leise hinzu, »in einer heiligen Stätte der Christenheit.«
Mit diesen Worten verließ sie Draigens Gemach.
Vor der Tür hielt sie einen Augenblick inne und atmete tief durch. Zum ersten Mal spürte sie so etwas wie Mitleid mit Adnar: seine Schwester war wirklich eine sonderbare Frau. Ihr blieb keine andere Wahl, als Abt Broce über die Angelegenheit zu unterrichten, denn selbst wenn Draigen in allen anderen Punkten unschuldig war, hatte sie sich doch der Anstiftung zum Mord schuldig gemacht und zu diesem Zweck die jugendliche Begeisterungsfähigkeit einer dritten Person sowie deren Mangel an Wissen und Erfahrung mißbraucht. Das konnte man ihr nicht durchgehen lassen. In der Tat, es lag etwas Abgründiges in Drai-gens Charakter.