Die Glocke rief, und die Schwestern eilten in die duirthech. In Berrachs Zelle traf Fidelma sowohl die gehbehinderte junge Nonne an als auch Schwester Bronach, die ihr Trost zusprach. Sie berichtete ihnen kurz, was zwischen ihr und der Äbtissin vorgefallen war.
Als Fidelma mit Schwester Berrach, die sich mit Hilfe ihres Steckens und von der besorgten Schwester Bronach gestützt vorwärtsmühte, die Kapelle betrat, war die Gemeinschaft bereits versammelt. Die Äbtissin stand hinter dem Altar, genau hinter dem großen, reich verzierten, goldenen Kreuz, während eine Vorsängerin den lateinischen Lobgesang leitete, den die Gemeinde angestimmt hatte.
Munther Beara beata
fide fundata certa,
spe salutis ornata,
caritate perfecta.
Fidelma fragte sich, ob Äbtissin Draigen diesen Gesang absichtlich ausgewählt hatte. Die Worte waren einfach. »Die gesegnete Gemeinschaft von Beara, gegründet auf festem Glauben, geschmückt mit Hoffnung auf Rettung, vervollkommnet durch Barmherzigkeit.« Die Schwestern sangen, als seien sie felsenfest von ihrer Botschaft überzeugt.
Während Fidelma Schwester Berrach nach vorne geleitete, verloren die Stimmen ihren Gleichklang und erstarben schließlich eine nach der anderen. Köpfe hoben sich, und ängstliche Spannung breitete sich in den Reihen der Andächtigen aus.
Ermutigend drückte Fidelma Berrachs Arm.
Der Gesang verstummte gänzlich, und Äbtissin Draigen verließ majestätisch ihren Platz und trat vor den Altar.
»Meine Kinder, ich stehe hier vor Euch, um Euch um Verzeihung zu bitten, denn ich habe schweres Unrecht auf mich geladen und zugelassen, daß ein junger, unerfahrener Mensch auf meinen Rat hin unrecht handelt.«
Nach diesen einleitenden Worten wurde es plötzlich still. So still, daß selbst der rasselnde Atem der Erkälteten zu hören war.
»Außerdem habe ich einer unserer Schwestern eine schreckliche Ungerechtigkeit zugefügt.«
Die Versammelten begannen allmählich zu begreifen und warfen Schwester Berrach und Fidelma beschämte Blicke zu. Berrach stützte sich auf ihren Stek-ken und hatte die Augen gesenkt. Schwester Bronach stand hocherhobenen Hauptes da, als sei sie diejenige, an die die Entschuldigung sich richtete. Fidelma hatte ebenfalls den Kopf erhoben und die Augen auf die der Äbtissin geheftet.
»In dieser Abtei sind Dinge geschehen, die unter uns große Bestürzung ausgelöst haben. Bestürzung und Furcht. Heute morgen wurde, wie Ihr wißt, unsere rechtaire, Schwester Siomha, grausam ermordet. Ohne über umfassende Informationen zu verfügen, beschuldigte ich eine der Unsrigen, die Tat begangen zu haben. Ich war so von dem Gedanken besessen, die Person zu bestrafen, die ich für die Täterin hielt, daß ich darüber ganz die Lehren Unseres Herrn vergaß. Denn heißt es nicht im Johannes-Evangelium: >Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein<? Ich aber habe gesündigt, und ich warf einen Stein. Für mein unrechtes Handeln erflehe ich Verzeihung, und ich will von heute an ein Jahr lang täglich Buße tun. Die Buße soll mir von Euch, meine Schwestern, die Ihr hier versammelt seid, auferlegt werden.«
Sie drehte sich um und sah Schwester Lerben an. Die Novizin stand hocherhobenen Hauptes da, geradezu herausfordernd. Fidelma war besorgt über die Heftigkeit der unterdrückten Wut, die sich in ihrer Miene widerspiegelte. Mit Lerben wird es wohl bald Schwierigkeiten geben, dachte sie.
»Darüberhinaus habe ich unsere junge Schwester Lerben irregeleitet und sie, nachdem ich sie zu meiner neuen rechtaire ernannt hatte, gebeten, meinen Rat zu befolgen und entsprechend zu handeln. Dafür übernehme ich die volle Verantwortung. Lerben verfügte nicht über genügend Erfahrung, um zu erkennen, daß ich im Irrtum war. Ich entschuldige mich in ihrem Namen.«
Vor den erstaunten Augen der versammelten Schwestern verließ Lerben plötzlich geräuschvoll die Kapelle - wie ein trotziges Kind.
Äbtissin Draigen schaute ihr traurig nach. Es wurde still, bis sie ihre Aufmerksamkeit Schwester Berrach zuwandte.
»Schwester Berrach, vor Gott und vor dieser Versammlung bitte ich Euch um Verzeihung. Angesichts des schrecklichen Todes von Schwester Siomha und der namenlosen Toten, die wir in unserem Brunnen entdeckten, veranlaßten mich Furcht und Abscheu, Euch als >Zauberin< zu beschimpfen und die hier Versammelten anzustiften, Euch etwas zuleide zu tun. Ich allein trage die Schuld an dieser Entgleisung, und an Euch wende ich mich nun und bitte Euch um Absolution.«
Jetzt richteten sich alle Augen auf Schwester Berrach.
Sie schlurfte einen Schritt vor. Es herrschte gespanntes Schweigen, während sie dastand, als zögere sie, ihre Entscheidung zu verkünden. Fidelma sah, daß die Gesichtsmuskeln der Äbtissin zuckten. Es fiel ihr offenbar nicht leicht, ihre Gefühle im Zaum zu halten. Fidelma fragte sich, ob Berrach die Entschuldigung der Äbtissin annehmen würde. Dann begann das Mädchen zu sprechen.
»Mutter Oberin, Ihr habt die Worte des Evangelisten Johannes zitiert. Johannes hat gesagt, daß wir uns selbst betrügen, wenn wir behaupten, völlig frei von Sünde zu sein. Die Anerkennung unserer Sünden und die Beichte sind die ersten Schritte zur Erlösung. Ich kann Euch Eure Sünde vergeben ... doch davon lossprechen kann ich Euch nicht. Das kann allein Gott, der Allmächtige.«
Äbtissin Draigen sah aus, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen. Solche Worte hatte sie zweifellos nicht erwartet. Überraschtes Gemurmel ging durch die Reihen der Versammelten. Plötzlich hatten sie alle bemerkt, daß Berrach nicht mehr stotterte, sondern klar und deutlich und mit ausdrucksvoller Stimme sprach.
Schwester Berrach machte eine halbe Drehung, schaukelte langsam den Gang hinunter und verschwand durch den Ausgang.
Es war still, bis die Türen hinter ihr ins Schloß fielen.
»Ein wahres Wort: nur Gott allein kann uns von unseren Verfehlungen lossprechen. Wir Menschen können nur verzeihen.«
Alle Köpfe flogen herum, als Schwester Bronach einen Schritt vortrat. Sie hatte ohne Groll gesprochen.
»Amen!« fügte Fidelma laut hinzu, da sie sah, daß die Versammelten zögerten und nicht wußten, wie sie reagieren sollten.
Allmählich erhob sich zustimmendes Gemurmel. Äbtissin Draigen senkte den Kopf zum Zeichen, daß sie den Urteilsspruch der Versammlung annehmen werde, und kehrte an ihren Platz zurück.
Die Vorsängerin erhob sich und begann zu singen:
Maria de tribu Iuda
summi mater Domini,
opportunam dedit curam
aegrotanti homini...
»Maria vom Stamme Juda, Mutter des Allmächtigen, hat rechtzeitige Heilung für die kranke Menschheit uns gebracht.«
Rasch beugte Fidelma die Knie in Richtung Altar, drehte sich um und eilte hinter Schwester Berrach her nach draußen.
Rechtzeitige Heilung für die kranke Menschheit? Fidelma verzog spöttisch den Mund. Für die Krankheit, die in dieser Abtei um sich griff, schien es keine Heilung zu geben. Sie war nicht einmal sicher, um welche Krankheit es sich handelte, außer daß ihre Ursache blanker Haß war. Hier geschahen Dinge, die sie nicht verstand. Es handelte sich nicht um ein einfaches Problem, schon gar nicht um die einfache Frage: Wer hat wen ermordet - und warum?
Zwei Frauen waren gefunden worden, beide durch einen Stich ins Herz getötet, beide anschließend enthauptet, und beide mit einem Kruzifix in der rechten Hand und einem Espenholzstab mit einer Ogham-inschrift in der linken. Welche Verbindung bestand zwischen diesen beiden Frauen? Wenn sie das herausfand, konnte sie vielleicht das Motiv herausfinden. Bisher hatte ihre Untersuchung alles in allem kaum etwas Brauchbares enthüllt, was auf das Tatmotiv, geschweige denn auf den oder die Täter hinwies. Alles, was sie in Erfahrung gebracht hatte, war, daß die Gemeinschaft Der Lachs aus den Drei Quellen von einer Frau mit einer äußerst starken Persönlichkeit geleitet wurde, deren Ansichten mehr als fragwürdig waren.