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Dann schwang sie sich aufs Pferd. In leichtem Galopp ritten sie los, gerade als sich im Osten am Horizont das allererste Tageslicht zeigte.

Kapitel 16

Schwester Fidelma stöhnte laut auf, als sie der warmen, dunklen Höhle, in der sie sich so geborgen gefühlt hatte wie im Mutterleib, gewaltsam entrissen und in die grausame Kälte und das graue Dämmerlicht gestoßen wurde. Schwester Bronach beugte sich über sie und rüttelte sie an der Schulter.

»Ihr habt verschlafen, Schwester. Es ist schon spät.«

Fidelma blinzelte, ihr Herz schlug wie rasend. Es dauerte ein Weilchen, bevor sie wieder wußte, wo sie war. Dann erinnerte sie sich, wie sie, gerade als der Morgen dämmerte, zurück ins Gästehaus geschlüpft war. Sie hatte sich im Wald hinter der Abtei von den Gefährten verabschiedet, die aufbrachen, um ihre jeweiligen Aufgaben zu erfüllen, und war den Rest des Weges durch den bitterkalten, frühmorgendlichen Frost zu Fuß gegangen. Erschöpft hatte sie ihre Kleider abgelegt und war auf ihre Bettstatt gesunken. Das alles schien kaum eine Sekunde her zu sein, auch wenn seitdem in Wirklichkeit - nach dem Licht zu urteilen, das durch ihr Fenster drang - fast zwei Stunden vergangen waren.

Einen Augenblick lang erwog Fidelma, Schwester Bronach einfach zu sagen, daß sie weiterschlafen wolle. Vielleicht könnte sie behaupten, sie fühle sich nicht wohl? Aber Schwester Bronach beobachtete sie mit deutlichem Mißfallen, und schließlich sollte doch niemand Verdacht schöpfen, daß sie die ganze Nacht unterwegs gewesen war. Widerwillig kletterte sie aus dem warmen Bett. Es war schneidend kalt, und das Wasser in der Waschschüssel, die für ihre Morgentoilette bereitstand, war mit einer Eisschicht überzogen. Sie spürte Bronachs Blicke, während sie sich wusch.

»Ein junger Krieger wünscht Euch zu sprechen«, bemerkte die mißmutige Schwester schließlich mit vorwurfsvollem Unterton.

Fidelma fühlte, wie sich ihr Nackenhaar sträubte.

»Oh? Wißt Ihr, wer er ist?« fragte sie, drehte sich um und ergriff ihr Handtuch.

»Ja, ich kenne ihn. Es ist der junge Olcan, der Sohn des Häuptlings der Beara.«

Fidelma preßte automatisch die Kiefer aufeinander.

Unglaublich! War Olcan also bereits über Comnats und Eadulfs Flucht aus den Kupferminen informiert?

»Sagt ihm, ich werde ihn gleich empfangen«, bat sie und widmete sich wieder ihrer Morgentoilette. Schwester Bronach ging hinaus, und Fidelma rieb sich mit dem kaltem Wasser ab und wünschte nichts sehnlicher, als wieder in ihr warmes, gemütliches Bett zu kriechen. Sie widerstand der Versuchung und bemühte sich, so ausgeruht zu wirken, als hätte sie die ganze Nacht tief und fest geschlafen.

Zehn Minuten später traf sie Olcan in der duirthech.

Im Hintergrund der hölzernen Kapelle brannte ein Feuer im Kohlenbecken. Abgesehen von den Räumlichkeiten, zu denen nur die Mitglieder der Gemeinschaft Zutritt hatten, schien hier der einzige warme Ort zu sein, an dem Besucher Zuflucht vor Wind und Wetter suchen konnten.

»Einen wunderschönen guten Morgen, Schwester«, grüßte Olcan und erhob sich. Er wirkte ausgeruht und gutgelaunt. »Ich höre, Ihr habt verschlafen?«

Fidelma wünschte, Schwester Bronach hätte ihm das nicht so freimütig erzählt.

»Das Festessen bei Adnar gestern abend war sehr angenehm«, entgegnete sie. »So ausgezeichneten Wein und so leckere Speisen bekomme ich nicht alle Tage. Ich fürchte, ich habe den Köstlichkeiten allzu reichlich zugesprochen.«

»Ihr seid doch früh gegangen«, bemerkte Olcan.

Fidelma sah dem jungen Mann direkt in die Augen, um herauszufinden, ob in seinem Tonfall eine versteckte Anspielung lag.

»Vielleicht früh für Euch, aber nicht für eine Nonne«, antwortete sie. »Es war schon Mitternacht, als ich hier ankam.«

»Und jetzt ist es schon nach acht«, bemerkte Olcan, stand auf und reckte und streckte sich vor dem Kohlenbecken. Er trat an eines der Fenster, von dem man einen guten Ausblick über die Meerenge hatte. »Ich sehe, daß Ross mit seiner barc wieder losgesegelt ist. Er muß mit der Flut am frühen Morgen aufgebrochen sein.«

Trieb Olcan etwa ein heimtückisches Spiel mit ihr?

Fidelma hatte keine Ahnung, worauf seine Bemerkungen abzielten.

Sie trat neben ihn und ließ den Blick über die Bucht schweifen. Nur das gallische Handelsschiff mit seinen riesigen Masten ankerte dort auf dem ruhigen blauen Meer. Ross hatte unbemerkt abreisen können. Insgeheim seufzte sie erleichtert auf.

»Sieht ganz so aus«, erwiderte sie, als wüßte sie von nichts.

Olcan musterte sie prüfend.

»Ihr wußtet nicht, daß er wegfährt?« Die Frage kam unerwartet und in scharfem Ton.

»Ross pflegt mich nicht in seine Geschäfte einzuweihen. Ich weiß nur, daß er regelmäßig entlang der Küste Handel treibt. Wahrscheinlich kommt er bald wieder. Er hat einen Teil seiner Besatzung zurückgelassen, damit sie sich um das Schiff kümmern, das er auf See geborgen hat«, erklärte sie und deutete auf das Handelsschiff, »und außerdem soll er mich nach Ros Ailithir zurückbringen, sobald ich meine Untersuchung abgeschlossen habe.«

»Und ist die Untersuchung denn abgeschlossen?«

»Wie ich bereits gestern abend sagte, es gibt noch viel herauszufinden und zu bedenken.«

»Ach? Ich dachte, Ihr hättet gewisse Fortschritte gemacht.«

Es gelang Fidelma, ihn ganz verblüfft anzusehen.

»Gewisse Fortschritte? Seit gestern nacht? Leider hat niemand mich geweckt und mir von Fortschritten berichtet.«

»Ich meinte ...« Olcan zögerte und zuckte dann die Achseln. »Ach, nichts. Es war nur so eine Idee«, druckste er verlegen herum.

»Schwester Bronach sagte, Ihr wolltet mich sprechen.« Jetzt war Fidelma am Zuge. »Ich nehme an, es ging Euch dabei nicht nur darum, zu hören, ob ich gut geschlafen habe, und mir mitzuteilen, daß Ross abgereist ist?«

Ihr spöttischer Unterton verwirrte Olcan.

»Oh, Torcan und ich gehen heute auf die Jagd, und da haben wir uns gefragt, ob Ihr vielleicht mitkommen wollt. Bei unserer ersten Begegnung habt Ihr den Wunsch geäußert, die historischen Stätten unserer Halbinsel zu besichtigen, und wir kommen mit Sicherheit an einigen höchst interessanten Stellen vorbei.«

Fidelma bemühte sich, ernst zu bleiben, denn es war allzu offensichtlich, daß Olcan diese Ausrede gerade erst erfunden hatte.

»Vielen Dank, daß Ihr an mich gedacht habt, aber heute muß ich meine Nachforschungen hier fortsetzen.«

»Dann werde ich, mit Eurer Erlaubnis, Schwester, jetzt zu Torcan zurückkehren und aufbrechen. Ad-nars Jagdmeister hat auf dem Berg westlich von hier ein kleines Rudel Wild erspäht.«

Fidelma beobachtete den jungen Mann, der seinen Umhang enger um sich wickelte und die Kapelle verließ. Sie folgte ihm bis zur Tür und ließ ihn nicht aus den Augen, während er sich durch den Innenhof und zwischen den Häusern immer weiter entfernte. Kurz darauf sah sie ihn davonreiten. Er galoppierte durch den Wald auf Adnars Festung zu.

Für Fidelma lag der Zweck von Olcans Besuch klar auf der Hand.

Sie eilte zurück ins Gästehaus und suchte Schwester Bronach.

»Es tut mir leid, daß ich verschlafen habe«, rief sie ihr zu. »Ich war gestern abend bei Adnar zu einem Festessen. Ist es möglich, noch etwas Eßbares zu bekommen? Das Morgenmahl im Refektorium habe ich leider verpaßt.«

Bronach streifte sie mit einem neugierigen Blick.

»Das muß aber ein ausgiebiges Festessen gewesen sein«, bemerkte sie verschmitzt und ging auf den Aufenthaltsraum des Gästehauses zu. »Ich habe bereits ein Gedeck für Euch vorbereitet, Schwester, als ich sah, daß Ihr heute morgen nicht beim Morgenmahl wart.«

Fidelma sank dankbar auf einen Stuhl. Vor ihr standen Schüsseln mit hartgekochten Gänseeiern, Sauerteigbrot und Honig sowie ein kleiner Krug mit Met. Sie langte kräftig zu, doch plötzlich begriff sie die Bedeutung von Bronachs Bemerkung in ihrer vollen Tragweite und sah die Nonne mit dem bekümmerten Gesicht fragend an.