Schwester Bronach lächelte beinahe, als sie die unausgesprochene Frage beantwortete.
»Ich arbeite schon viel zu lange in diesem Gästehaus, um nicht über das Kommen und Gehen der Gäste Bescheid zu wissen.«
»Ich verstehe«, murmelte Fidelma nachdenklich.
»Wie dem auch sei«, fuhr die Pförtnerin der Abtei fort, »es steht mir in meiner Stellung nicht zu, mich bei den Gästen nach ihrer Zeiteinteilung zu erkundigen, solange sie den normalen Ablauf in unserer Gemeinschaft nicht stören.«
»Schwester Bronach, Ihr wißt, warum ich hier bin. Es ist von größter Bedeutung, daß sich meine Abwesenheit aus der Abtei nicht weiter herumspricht. Gebt Ihr mir Euer Wort darauf?«
Die doirseor der Abtei verzog hochmütig das Gesicht.
»Das habe ich doch schon gesagt.«
Nach dem Morgenmahl machte sich Fidelma auf den Weg zur Bibliothek. Unterwegs traf sie Äbtissin Draigen, die ihr Mißfallen schon bei der Begrüßung deutlich zum Ausdruck brachte.
»Ihr scheint der Lösung des Rätsels seit Eurer Ankunft hier keinen Schritt näher gekommen zu sein«, bemerkte sie mit unverhohlenem Spott.
Fidelma ging nicht darauf ein.
»Ganz im Gegenteil, Mutter Oberin«, erwiderte sie strahlend, »ich habe große Fortschritte gemacht.«
»Fortschritte? Während Ihr mit Euren Untersuchungen beschäftigt wart, ist ein weiteres Mordopfer zu beklagen - Schwester Siomha. Sind das Eure Fortschritte? Soweit ich es beurteilen kann, ist das eher ein Ausdruck Eurer Inkompetenz.«
»Was wißt Ihr über die Geschichte dieser Abtei?« fragte Fidelma unvermittelt und ignorierte Draigens Angriff.
Die Äbtissin schien etwas aus der Fassung gebracht.
»Was hat die Geschichte der Abtei mit Eurer Untersuchung zu tun?«
»Kennt Ihr die Geschichte?« wiederholte Fidelma, ohne auf die Gegenfrage einzugehen.
»Schwester Comnat könnte Euch viel mehr darüber erzählen, wenn sie hier wäre«, antwortete die Äbtissin. »Die Abtei wurde vor einhundert Jahren gegründet - von der heiligen Neciir, der Reinen.«
»Das weiß ich bereits. Aber wieso hat sie sie gerade an dieser Stelle errichtet?«
Äbtissin Draigen machte eine ausladende Geste: »Ist dieser Platz nicht ebenso schön wie jeder andere, um ein Kloster zu gründen und dem Neuen Glauben zu dienen?«
»O doch. Aber es wird erzählt, daß die Brunnen hier früher von heidnischen Priestern benutzt wurden.«
»Necht hat sie gesegnet und gereinigt.«
»Also wurde an diesem Ort tatsächlich dem alten Glauben gehuldigt, bevor ihn die Christen übernahmen?«
»Ja. Die Geschichte besagt, daß Necht hierherkam und mit Dedelchu, dem heidnischen Häuptling, der hier in den Höhlen lebte, über die Lehre Christi diskutierte.«
»Dedelchu?«
»So ist es überliefert.«
»Und warum nannte Necht die Abtei Der Lachs aus den Drei Quellen?«
»Ihr solltet eigentlich wissen, daß der Ausdruck >Der Lachs aus den Drei Quellen< eine Umschreibung für Christus ist.«
»Aber es gibt hier tatsächlich drei Quellen.«
»Richtig. Ein erfreulicher Zufall.«
»In heidnischer Zeit wurde behauptet, daß in einem der alten Brunnen tief unten ein Lachs der Weisheit lebe.«
Äbtissin Draigen zuckte die Achseln.
»Ich begreife wirklich nicht, warum Ihr Euch so für die alte Religion interessiert. Es ist doch allgemein bekannt, daß der >Lachs der Weisheit< ein sehr machtvolles Symbol des heidnischen Glaubens war. Vielleicht verehren wir deshalb Christus als Lachs aus den Drei Quellen: er ist sowohl Teil der Dreifaltigkeit als auch ein Quell der Weisheit. Aber das bringt uns doch sicher nicht weiter, wenn wir den Mörder finden wollen, der die Verbrechen hier in der Abtei begangen hat?«
Fidelmas Miene verriet nichts.
»Vielleicht doch. Vielen Dank, Mutter Oberin.«
Sie setzte ihren Weg zur Bibliothek fort, während die Äbtissin ihr verwundert nachschaute.
»Schwester Fidelma!«
Die Stimme klang leise, aber eindringlich. Zuerst konnte Fidelma sie nicht orten und wandte den Kopf, um nachzusehen, wer sie angesprochen hatte. Im Eingang zu dem steinernen Vorratsraum neben dem Turm stand eine schlanke Gestalt. Es war Schwester Lerben.
Fidelma trat auf sie zu.
»Guten Morgen, Schwester.«
Lerben bedeutete ihr, einzutreten, als wolle sie bei dem Gespräch nicht beobachtet werden. Fidelma runzelte die Stirn, leistete der dringlichen Aufforderung jedoch Folge. Im Lagerraum war Schwester Lerben damit beschäftigt gewesen, beim Schein einer Laterne Kräuter zu sortieren. Draußen war es zwar wolkig, aber hell, hier drinnen dagegen dunkel.
»Was kann ich für Euch tun, Schwester?«
»Gestern habt Ihr mir all diese Fragen gestellt ...« begann sie zögernd. Fidelma unternahm keinen Versuch, ihrem Redefluß nachzuhelfen. »Gestern habe ich ein paar Dinge über . über Febal gesagt, meinen Vater.«
Fidelma sah sie mit unverwandtem Blick an.
»Möchtet Ihr sie zurücknehmen?« fragte sie schließlich.
»Nein!«
Dieses eine Wort klang grausam und unbeherrscht.
»Na schön. Was dann?«
»Muß das in einem Bericht festgehalten werden? Äbtissin Draigen hat ... hat mir jetzt die Funktion einer ddlaigh erklärt. Sie sagt ... nun, ich möchte nicht, daß bekannt wird, nun ... was ich über den Bauern und meinen Vater gesagt habe.«
Offensichtlich hatte dieses Thema die Gefühle des Mädchens völlig durcheinandergebracht. Fidelma ließ sich erweichen und erwiderte nachsichtig: »Wenn es für die Aufklärung der Morde an Almu und Siomha nicht von Bedeutung ist, muß auch nichts davon bekannt werden.«
»Wenn es nicht von Bedeutung ist? Wie wollt Ihr das feststellen?«
»Sobald ich meine Nachforschungen abgeschlossen habe. Wo wir gerade davon sprechen - ich war neulich überrascht, Euch im Wald zu begegnen, als Ihr das Buch für Torcan zu Adnars Festung brachtet. Hattet Ihr keine Angst, Ihr könntet Febal begegnen?«
»Dem?« Ihre Stimme wurde wieder schärfer. »Nein. Ich habe keine Angst mehr vor ihm. Jetzt nicht mehr.«
»Woher kennt Ihr Torcan?«
»Ich habe ihn nie gesehen.«
Fidelma war verblüfft.
»Wieso habt Ihr dann dieses Buch, was war es noch gleich ...?«
Schwester Lerben zuckte die Achseln.
»Irgendeine alte Chronik, glaube ich, ich weiß es nicht genau. Ich habe Euch doch erzählt, daß ich im Lesen und Schreiben nicht sehr bewandert bin.«
»Ja, das habt Ihr erwähnt. Also hat Euch jemand das Buch gegeben, damit Ihr es zu Torcan bringt?«
»Ja.«
»Und wer? Ich dachte, nur die Bibliothekarin dürfte die Erlaubnis erteilen, ein Buch aus der Bibliothek zu verleihen.«
Schwester Lerben schüttelte den Kopf.
»Nein, auch die rechtaire ist dazu befugt.«
»Die rechtaire!« »Ja. Schwester Siomha gab mir das Buch und bat mich, es zu Adnars Festung zu bringen und Torcan zu übergeben.«
»Schwester Siomha! Am Nachmittag vor ihrem Tod?«
»Ich glaube schon.«
»Hat sie Euch erklärt, warum Torcan die Erlaubnis erhielt, das Buch auszuleihen, anstatt es sich hier in der Abtei anzusehen?«
»Nein. Sie trug mir lediglich auf, es zu ihm zu bringen und unverzüglich zurückzukommen. Das ist alles.«
Fidelma spürte eine schreckliche Enttäuschung. Jedes Mal, wenn sie hoffte, einen Punkt aufklären zu können, tauchten wieder neue Fragen auf, die sie verwirrten. Sie dankte Schwester Lerben, verließ den Vorratsraum und betrat den Turm.