»Jäger des Horns«, murmelte er. »Ich gebe meine Augen, wenn sie es nicht sind. Diese tollen Kerle machen überall nur Ärger, werden in Kämpfe verwickelt, stecken ihre Nase in alles, was sie nichts angeht. Ich habe gehört, dass man das Horn von Valere schon längst gefunden hat. Was glaubt Ihr, mein Lord?«
»Ich habe ebenfalls gehört, dass es gefunden wurde«, erwiderte Perrin vorsichtig. »Da sind alle möglichen Gerüchte im Umlauf.«
Niemand warf ihm auch nur einen Blick zu, und im Gewühl der bevölkerten Straße war es so gut wie unmöglich, ihren Geruch aufzufangen, aber aus irgendeinem Grund hatte er den Eindruck, dass sie über seine Antworten nachdachten, als lägen verborgene Wahrheiten darin. Beim Licht, glaubten sie etwa, er hätte etwas mit dem Horn zu tun? Er wusste, wo es war. Moiraine hatte es in die Weiße Burg gebracht. Aber das würde er ihnen nicht sagen. Geringes Vertrauen beruhte auf Gegenseitigkeit.
Die Ortsansässigen schenkten den Soldaten nicht mehr Aufmerksamkeit als einander, genauso wenig wie der Bannergeneralin und ihrem gepanzerten Gefolge, aber Perrin war da eine andere Sache. Jedenfalls wenn sie seine goldenen Augen bemerkten. Er konnte immer sofort sagen, wann das der Fall war. Das schnelle Zucken eines Frauenkopfs, der offen stehende Mund, mit dem sie ihn anstarrte. Der Mann, der förmlich erstarrte und in seine Richtung glotzte. Ein Kerl stolperte doch tatsächlich über die eigenen Füße und fiel auf die Knie. Er starrte weiter, dann kam er wieder hoch und rannte los, stieß alle Leute aus dem Weg, als hätte er Angst, Perrin könnte ihn verfolgen.
»Ich vermute, sie haben noch nie einen Mann mit gelben Augen gesehen«, sagte Perrin trocken.
»Sind sie da, wo Ihr herkommt, weit verbreitet?«, fragte die Bannergeneralin.
»Weit verbreitet, nein, das würde ich so nicht sagen, aber ich werde Euch einem weiteren Mann vorstellen, der sie hat.«
Sie wechselte einen Blick mit Mishima. Beim Licht, er hoffte, dass in den Prophezeiungen bloß nichts über zwei Männer mit gelben Augen stand. Die Farben wirbelten auf, und er verscheuchte sie.
Die Bannergeneralin wusste genau, wo sie hinwollte, ein gemauerter Stall am südlichen Stadtrand, aber als sie in dem verwaisten Hof abstieg, kam kein Stallbursche angerannt. Neben dem Stall stand eine von einer Mauer umringte Koppel, aber nirgends waren Pferde zu sehen. Sie übergab die Zügel einem ihrer Soldaten und blieb dann stehen, den Blick auf das Stalltor gerichtet, von dem nur ein Flügel geöffnet war. Ihrem Geruch nach zu urteilen fand Perrin, dass sie sich innerlich stählte.
»Haltet Euch an das, was ich tue, mein Lord«, sagte sie schließlich, »und sagt nichts, was Ihr nicht sagen müsst. Es könnte das Falsche sein. Wenn Ihr sprechen müsst, dann sprecht mich an. Macht deutlich, dass Ihr zu mir sprecht.«
Das klang unheilvoll, aber er nickte. Und fing an zu planen, wie er die Spaltwurzel stehlen würde, wenn das hier schief ging. Er würde herausfinden müssen, ob dieser Ort nachts bewacht wurde. Möglicherweise hatte Balwer das bereits in Erfahrung gebracht. Der kleine Mann schien solche Informationen mühelos aufzuschnappen. Als er ihr nach drinnen folgte, blieb Mishima bei den Pferden zurück, und er schien erleichtert zu sein, sie nicht begleiten zu müssen. Was hatte das zu bedeuten? Bedeutete das überhaupt etwas? Seanchaner. In nur wenigen Tagen ließen sie ihn in allem verborgene Bedeutungen sehen.
Es war einst ein Stall gewesen, offensichtlich, aber jetzt war es etwas anderes. Der Steinboden war so sauber gefegt, dass eine Bauersfrau zufrieden gewesen wäre, es gab keine Pferde, und ein überwältigender Geruch nach Minze hätte für jede Nase außer der seinen und Elyas‹ den bleibenden Duft nach Tieren und Heu unkenntlich gemacht. In den vorderen Boxen stapelten sich Holzkisten, und die weiter hinten waren bis auf jene, die den Heuboden stützten, entfernt worden. Dort arbeiteten jetzt Männer und Frauen Rücken an Rücken; sie standen an Tischen und benutzten Mörser und Stößel oder Siebe, während andere sich konzentriert um flache Pfannen kümmerten, die auf Eisenbeinen über Kohlenpfannen standen, und allem Anschein nach Wurzeln mit Zangen drehten.
Ein schlanker junger Mann in Hemdsärmeln legte einen groben Jutesack in eine der Kisten, dann verbeugte er sich genauso tief wie der Schreiber vor Tylee, den Oberkörper parallel zum Boden. Er richtete sich erst wieder auf, als sie sprach.
»Bannergeneralin Khirgan. Ich möchte mit der Person sprechen, die hier den Befehl hat, wenn ich darf.« Ihr Tonfall war ganz anders als bei dem Schreiber, nicht im Mindesten bestimmend.
»Wie Ihr befehlt«, erwiderte der Bursche mit einem Akzent, der amadicianisch klang. Oder falls er doch Seanchaner war, sprach er zumindest mit der richtigen Geschwindigkeit und ohne die Worte zu zerkauen.
Er verneigte sich erneut, genauso tief wie zuvor, eilte zu einer Stelle, an der sechs Boxen mit einer Wand versehen worden waren, auf halber Höhe der linken Reihe, und klopfte zaghaft an einer Tür, dann wartete er auf die Erlaubnis, bevor er eintrat. Als er wieder herauskam, begab er sich ohne den geringsten Blick auf Perrin und Tylee in den hinteren Teil des Gebäudes. Nach ein paar Minuten öffnete Perrin den Mund, aber Tylee schnitt nur eine Grimasse und schüttelte den Kopf, also machte er ihn wieder zu und wartete. Er wartete eine gute Viertelstunde, und mit jedem Herzschlag wuchs seine Ungeduld. Die Bannergeneralin roch unerschütterlich nach Geduld.
Endlich kam eine mollige Frau in einem knallgelben Kleid von seltsamem Schnitt aus dem kleinen Raum, aber sie blieb stehen, um die Arbeit im hinteren Teil des Gebäudes zu kontrollieren, und ignorierte Tylee und ihn. Ihr halber Kopf war kahl rasiert! Ihr restliches Haar war zu einem dicken, langsam grau werdenden Zopf geflochten, der ihr über der Schulter hing. Schließlich nickte sie zufrieden und kam ohne jede Eile auf sie zu. Ein blaues Oval auf ihrer Brust war mit drei goldenen Händen bestickt. Tylee verbeugte sich so tief, wie Faloun sich vor ihr verbeugt hatte, und Perrin erinnerte sich an ihre Anweisung und tat es ihr gleich. Die wohlgenährte Frau senkte leicht den Kopf. Sie roch nach Stolz.
»Ihr wünscht mich zu sprechen, Bannergeneralin?« Sie hatte eine glatte Stimme, so aalglatt wie sie selbst. Nicht im Mindesten willkommend. Sie war eine beschäftigte Frau, die gestört wurde. Eine beschäftigte Frau, die sich ihrer Bedeutung nur allzu bewusst war.
»Jawohl, Ehrenwerte«, sagte Tylee respektvoll. Kurz trat der scharfe Duft von Gereiztheit in den Geruch ihrer Geduld, wurde dann aber wieder heruntergeschluckt. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. »Würdet Ihr mir sagen, wie viel fertige Spaltwurzel Ihr da habt?«
»Eine seltsame Bitte«, sagte die Frau so, als müsste sie erst darüber nachdenken, ob sie sie erfüllen sollte oder nicht. Sie legte nachdenklich den Kopf schief. »Nun gut«, sagte sie nach einem Augenblick. »Den Vormittag mit eingerechnet, habe ich viertausendachthundertdreiundsiebzig Pfund und neun Unzen. Eine erstaunliche Leistung, wenn ich das bemerken darf, zieht man in Betracht, wie viel ich verschifft habe und wie schwer es doch ist, die Pflanze in der Wildnis zu finden, ohne die Graber absurde Entfernungen weit schicken zu müssen.« So unmöglich es erschien, wurde der Stolz in ihrem Geruch noch ausgeprägter. »Ich habe dieses Problern jedoch gelöst, indem ich die hiesigen Bauern dazu bewegt habe, einige ihrer Felder mit Spaltwurzel zu bepflanzen. Im Sommer werde ich etwas Größeres bauen müssen, um diese Manufaktur unterbringen zu können. Unter uns gesagt, es würde mich nicht überraschen, wenn man mir dafür einen neuen Namen anbietet. Obwohl ich das natürlich möglicherweise nicht annehmen werde.« Sie lächelte ein kleines Lächeln und berührte das Oval auf der Brust; es war fast schon eine Liebkosung.