»Ihr lasst ihn mit der Einen Macht an Euch heran?«, sagte Tylee ungläubig.
»Um ein Loch im Arm und eine aufgeschlitzte Brust loszuwerden? Sobald wir an einer Stelle sind, an der uns nicht die halbe Stadt anstarrt. Würdet Ihr das nicht tun?«
Sie erschauderte und machte wieder die seltsame Geste. Er würde sie doch fragen müssen, was sie zu bedeuten hatte.
Mishima gesellte sich zu ihnen; er führte sein Pferd am Zügel und sah ernst aus. »Zwei Männer stürzten mit Bogen und Köchern von diesem Dach«, berichtete er leise, »aber nicht der Sturz hat sie getötet. Sie sind hart auf dem Pflaster aufgeschlagen, aber es gab kaum Blut zu sehen. Ich glaube, sie haben Gift geschluckt, als sie gesehen haben, dass sie Euch nicht töten konnten.«
»Das ergibt doch keinen Sinn«, murmelte Perrin.
»Wenn Männer sich lieber umbringen, als von ihrem Versagen zu berichten«, sagte Tylee ernst, »dann bedeutet das, dass Ihr einen mächtigen Feind habt.«
Einen mächtigen Feind? Sicherlich würde Masema ihn gern tot sehen, aber sein Einfluss konnte unmöglich so weit reichen. »Meine Feinde sind weit weg und wissen nicht, wo ich bin.« Tylee und Mishima stimmten ihm zu, dass er das wissen musste, aber sie schienen zu zweifeln. Natürlich gab es da immer die Verlorenen. Ein paar von ihnen hatten schon zuvor versucht, ihn zu töten. Andere hatten versucht, ihn zu benutzen. Er hielt es nicht für klug, die Verlorenen zu erwähnen. Sein Arm pochte. Der Schnitt auf der Brust auch.
»Lasst uns ein Gasthaus finden, wo ich ein Zimmer mieten kann.« Einundfünfzig Knoten. Wie viele wohl noch? Beim Licht, wie viele denn noch?
13
Belagerung
Drängt sie zurück!«, rief Elayne. Feuerherz wollte tänzeln, mit anderen Pferden und Frauen zu Fuß in die enge Straße mit dem Kopfsteinpflaster eingezwängt, aber sie beruhigte den schwarzen Wallach mit fester Hand. Birgitte hatte darauf bestanden, dass auch sie zurückblieb. Sie hatte darauf bestanden! Als wäre sie eine hirnlose Närrin! »Drängt sie zurück, verdammt!«
Keiner der Hunderte von Männern auf dem breiten Wehrgang der fünfzig Fuß hohen Stadtmauer aus weiß geädertem grauem Stein achtete auf sie. Es war zu bezweifeln, dass sie sie hörten. Übertönt von eigenen Rufen, Flüchen und Schreien, hallte das Klirren von Stahl durch die breite Straße, die zur Mittagszeit unter einem überraschenderweise wolkenlosen Himmel an der Mauer entlangführte, während diese Männer schwitzten und einander mit Schwert, Speer oder Hellebarde töteten. Das Handgemenge umfasste zweihundert Schritte Mauerlänge und drei der hohen Rundtürme, auf denen der Weiße Löwe von Andor flatterte, und bedrohte zwei weitere; allerdings schien noch alles sicher zu sein, wofür man dem Licht danken konnte. Männer stachen und hieben und stießen, und soweit sie sehen konnte, wich keiner auch nur einen Fuß Boden zurück oder gewährte das geringste Pardon. Rot gewandete Armbrustschützen auf den Türmen trugen ihren Anteil am Töten, aber eine Armbrust brauchte nach dem Abfeuern ihre Zeit zum Nachladen, und sie waren in diesem Fall ohnehin zu wenige, um der Flut Einhalt gebieten zu können. Sie waren die einzigen Gardisten dort oben. Der Rest waren Söldner. Bis auf Birgitte.
In dieser Nähe ließ der Bund Elayne ihre Behüterin mühelos finden. Ihr kompliziert geflochtener blonder Zopf schwang umher, während sie ihre Soldaten anfeuerte, mit dem Bogen in die Richtung zeigte, in der Verstärkung gebraucht wurde. Von allen auf der Mauer trug nur sie keine Rüstung; sie stand da in ihrem kurzen roten Mantel mit dem weißen Kragen und den locker sitzenden himmelblauen Hosen, die in die Stiefelschächte gestopft waren. Sie hatte darauf bestanden, dass Elayne einfaches Grau trug in der Hoffnung, kein Aufsehen zu erregen oder Bemühungen herauszufordern, sie gefangen zu nehmen oder zu töten — ein paar der Männer dort oben hatten Armbrüste oder Kurzbogen auf den Rücken geschlungen, und für die, die nicht in vorderster Reihe kämpften, war fünfzig Schritte ein einfacher Schuss —, aber die vier Goldknoten ihres Ranges auf der Schulter würden Birgitte zum Ziel eines jeden von Arymillas Männern mit Augen machen. Wenigstens steckte sie nicht mitten im Handgemenge, wenigstens…
Elayne stockte der Atem, als sich ein drahtiger Bursche mit einem Brustharnisch und einem konischen Helm mit dem Schwert auf Birgitte warf, aber die blonde Frau wich dem Stoß ruhig aus — der Bund hätte genauso gut verkünden können, dass sie einen Ausritt machte, das war alles! —, und ein Rückhandschlag mit dem Bogen traf den Kerl am Kopf und stieß ihn von der Wehrmauer. Er hatte noch Zeit für einen Schrei, bevor er mit einem widerlichen Klatschen auf das Pflaster aufschlug. Seine war nicht die einzige Leiche, die die Straße zierte. Birgitte behauptete, dass einem Männer nicht folgen würden, solange sie nicht wussten, ob man bereit war, sich den gleichen Gefahren und Entbehrungen wie sie selbst zu stellen, aber wenn sie sich wegen diesem männlichen Unsinn umbrachte…
Elayne wurde sich gar nicht bewusst, dass sie Feuerherz nach vorn drängte, bis Caseille nach der Trense griff. »Ich bin keine Närrin, Leutnant«, sagte sie eisig. »Ich habe keine Absicht, näher heranzugehen, bevor es… sicher ist.«
Die Arafelianerin riss die Hand zurück, und die Miene hinter den Gesichtsstangen ihres funkelnden konischen Helms wurde ausdruckslos. Sofort tat Elayne der Ausbruch Leid — Caseille tat nur ihre Arbeit —, aber sie verspürte auch kalten Zorn. Sie würde sich nicht entschuldigen. Scham stieg in ihr auf, als sie den kindischen Trotz ihrer eigenen Gedanken erkannte. Blut und verfluchte Asche, aber es gab Augenblicke, da hätte sie Rand für diese Babys in ihrem Bauch ohrfeigen können. Im Moment konnte sie sich nie sicher sein, in welche Richtung ihre Gefühle im nächsten Augenblick ausschlagen würden. Aber ausschlagen würden sie.
»Wenn das so ist, wenn man ein Kind bekommt«, sagte Aviendha und richtete das dunkle Schultertuch, das sie über die Arme gelegt hatte, »werde ich wohl niemals welche bekommen.« Der Sattel mit dem hohen Zwiesel schob ihre voluminösen Aielröcke hoch genug, um ihre bestrumpften Beine bis zu den Knien zu entblößen, aber diese Zurschaustellung bereitete ihr nicht das geringste Unbehagen. Solange die Stute still dastand, schien sie sich auf dem Pferd richtig wohl zu fühlen. Aber Mageen, was in der Alten Sprache Gänseblümchen bedeutete, war ein sanftes, ruhiges Tier, das zur Beleibtheit neigte. Glücklicherweise verstand Aviendha zu wenig von Pferden, um das zu erkennen.
Gedämpftes Lachen ließ Elayne den Kopf wenden. Die Frauen ihrer Leibwache — mit Caseille waren ihr an diesem Morgen alle einundzwanzig zugeteilt worden — mit ihren Helmen und Harnischen zeigten reglose Gesichter, viel zu reglos, zweifellos lachten sie innerlich, aber die vier Kusinen, die hinter ihnen standen, hielten die Hände vor den Mund und hatten die Köpfe zusammengesteckt. Alise, normalerweise eine Frau mit einem freundlichen Gesicht und grauen Strähnen im Haar, sah sie zu ihnen hinblicken — nun gut, sie starrte sie finster an —, und rollte demonstrativ mit den Augen, was die anderen erneut losprusten ließ. Caiden, eine mollige, hübsche Domani, musste so sehr lachen, dass sie sich an Kumiko festhalten musste, aber die stämmige grauhaarige Frau hatte selbst Probleme. Elayne verspürte einen Stich der Gereiztheit. Nicht wegen dem Gelächter — na gut, etwas — und bestimmt nicht auf die Kusinen gemünzt. Jedenfalls nicht viel. Sie waren unersetzlich.
Dieser Kampf auf der Mauer war keinesfalls Arymillas erster Angriff in den vergangenen Wochen. Tatsächlich nahm die Häufigkeit zu, an manchen Tagen gab es nun drei oder vier Attacken. Sie wusste nur zu gut, dass Elayne nicht genug Soldaten hatte, um sechs Meilen Mauer zu halten. Sollte sie doch zu Asche verbrennen, Elayne war sich nur zu bewusst, dass sie nicht einmal ausgebildete Männer an diesen Meilen aus Mauern und Türmen stationieren konnte. Unausgebildete Männer würden der Aufgabe nicht gewachsen sein. Arymilla musste nur genügend Männer über die Mauer bringen, um ein Tor zu erobern. Dann konnte sie die Schlacht in die Stadt tragen, wo Elayne truppenmäßig böse unterlegen war. Vielleicht würden sich ja die Bewohner auf ihre Seite schlagen, was nicht sicher war, aber das würde das Gemetzel nur verschlimmern, wenn Lehrburschen und Stallknechte und Händler gegen erfahrene Waffenmänner und Söldner antreten mussten. Wer auch immer danach auf dem Löwenthron saß — und das würde vermutlich nicht Elayne Trakand sein —, er würde rot besudelt vom Blut Caemlyns sein. Also hatte sie ihre sämtlichen Soldaten in die Innenstadt zurückgezogen, natürlich abgesehen von denen an den Toren und den Wachtposten auf den Türmen, in die Nähe des Königlichen Palastes. Dort hatte sie Männer mit Ferngläsern auf den höchsten Türmen postiert. Wann immer einer der Wachtposten einen sich formierenden Angriff meldete, erschufen zu einem Zirkel verknüpfte Kusinen Wegetore, um Soldaten an die Stelle zu transportieren. Natürlich nahmen die Frauen selbst nicht an den Kämpfen teil. Elayne hätte niemals gestattet, dass sie die Macht als Waffe benutzten, selbst wenn sie es angeboten hätten.