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Bis jetzt hatte es funktioniert, auch wenn es manchmal auf Messers Schneide gestanden hatte. Das sich außerhalb der Stadtmauern befindliche Niedercaemlyn war ein Labyrinth aus Häusern, Geschäften, Gasthäusern und Lagerhäusern, das es Männern leicht machte, sich nahe heranzuschleichen, bevor man sie sah. Dreimal waren ihre Soldaten gezwungen gewesen, im Inneren der Stadtmauer zu kämpfen, und mussten zumindest einen Mauerturm zurückerobern. Das war eine blutige Arbeit gewesen. Sie hätte ja Niedercaemlyn niedergebrannt, um Arymillas Leuten die Deckung zu nehmen, aber ein Feuer hätte zu leicht auf die Stadt übergreifen und einen Feuersturm entfesseln können, ob es nun den Frühlingsregen gab oder nicht. Ohnehin kam es in jeder Nacht zu Brandstiftungen, und diese einzudämmen war schon schwer genug. Davon abgesehen waren die Häuser Niedercaemlyns trotz der Belagerung bewohnt, und sie wollte nicht als die Frau in die Geschichte eingehen, die die Häuser und Erwerbsquellen der Bewohner vernichtete.

Nein, was sie wirklich ärgerte, war, dass sie nicht schon früher daran gedacht hatte, die Kusinen auf diese Art einzusetzen. Hätte sie das getan, müsste sie sich nicht mehr mit dem Meervolk herumschlagen, ganz zu schweigen von dem Abkommen, das eine Quadratmeile von Andor aufgab. Beim Licht, eine Quadratmeile! Ihre Mutter hatte nicht einen Quadratzentimeter von Andor aufgegeben! Sollte man sie doch zu Asche verbrennen, die Belagerung ließ ihr nicht einmal Zeit, ihre Mutter zu betrauern. Oder Lini, ihre alte Amme. Rahvin hatte ihre Mutter ermordet, und vermutlich war Lini bei dem Versuch gestorben, sie zu beschützen. Weißhaarig und vom Alter abgemagert wäre Lini nicht einmal vor einem der Verlorenen zurückgewichen. Aber der Gedanke an Lini ließ sie die brüchige Stimme der alten Frau hören. Du kannst keinen Honig zurück in seine Wabe füllen, Kind. Was geschehen war, war geschehen, und sie musste damit leben.

»Das war's«, sagte Caseille. »Sie ziehen sich zu den Leitern zurück.« Es stimmte. Auf der ganzen Mauer stießen Elaynes Soldaten nach vorn, wichen Arymillas Männer zurück, kletterten durch die Lücken zwischen den Zinnen zu ihren Sturmleitern. Noch immer starben Männer auf den Wehrgängen, aber der Kampf endete.

Elayne überraschte sich selbst, indem sie die Fersen in Feuerherz' Flanken grub. Diesmal war keiner schnell genug, um sie aufzuhalten. Von Rufen verfolgt galoppierte sie quer über die Straße und sprang am Fundament des nächsten Turms aus dem Sattel, bevor der Wallach richtig zum Stehen gekommen war. Sie stieß die schwere Tür auf, raffte den Reitrock und raste die Stufen der Wendeltreppe hinauf, vorbei an großen Nischen, in denen dicht gedrängt stehende Gruppen von Männern in Rüstung ihr erstaunt nachstarrten. Diese Türme waren gebaut, um sich gegen Angreifer zur Wehr zu setzen, die sich den Weg nach unten in die Stadt freikämpfen wollten. Schließlich endeten die Stufen in einem großen Raum, auf dessen anderer Seite Stufen in entgegengesetzter Richtung weiter nach oben führten. Zwanzig Männer in nicht zueinander passenden Helmen und Harnischen saßen gemütlich an der Wand, spielten Würfel, unterhielten sich und lachten, als würden hinter den beiden mit Eisenriegeln versperrten Türen des Raumes keine Toten liegen. Sie hielten inne, um sie anzustarren, als sie auftauchte.

»Äh, meine Lady, ich würde das nicht tun«, sagte eine raue Stimme, als sie die Hände auf den einen Eisenriegel legte. Sie ignorierte den Mann, drehte den Riegel und stieß die Tür auf. Eine Hand griff nach ihrem Rock, aber sie riss sich los.

Auf der Mauer war keiner von Arymillas Männern mehr zu sehen. Jedenfalls keiner, der noch auf seinen Füßen stand. Dutzende Männer lagen auf dem blutbeschmierten Wehrgang, einige reglos, andere stöhnten. Es war nicht festzustellen, wer davon zu Arymilla gehörte, aber das Klirren von Stahl war verschwunden. Die meisten Söldner kümmerten sich um die Verwundeten oder kauerten einfach auf den Fersen, um nach Luft zu schnappen.

»Schüttelt sie runter und zieht die verdammten Leitern hoch!«, rief Birgitte. Sie schickte einen Pfeil in die Masse der Männer, die unterhalb der Mauer in die ungepflasterten Straßen Niedercaemlyns fliehen wollten, spannte den nächsten ein und schoss erneut. »Sollen sie neue bauen, wenn sie zurückkommen wollen!« Ein paar der Söldner beugten sich über die Zinnen, um zu gehorchen, aber es waren nur wenige.

»Ich habe doch gewusst, dass ich dich heute nicht hätte mitkommen lassen dürfen«, fuhr sie fort und verschoss noch immer Pfeile, so schnell sie sie einspannen und die Sehne nach hinten ziehen konnte. Armbrustbolzen von oben trafen ebenfalls die Flüchtenden, aber Lagerhäuser mit Ziegeldächern boten Schutz für jeden, der es bis in sie hinein schaffte.

Elayne brauchte einen Augenblick lang, bis ihr klar wurde, dass die letzte Bemerkung auf sie gemünzt gewesen war, und ihre Wangen röteten sich. »Und wie hättest du mich aufhalten wollen?«, verlangte sie zu wissen.

Birgitte senkte den Bogen, weil ihr Köcher leer war, und drehte sich mit finsterer Miene um. »Indem ich dich fessele und sie auf dich draufsitzen lasse«, sagte sie und deutete mit dem Kopf auf Aviendha, die aus dem Turm schritt. Der Schein Saidars umgab sie, dennoch hielt sie ihr Gürtelmesser mit dem Hirschhorngriff in der Faust. Caseille und der Rest der Gardistinnen quollen hinter ihr aus der Tür, mit gezückten Schwertern und grimmigen Gesichtern. Dass Elayne nichts geschehen war, veränderte ihren Ausdruck kein bisschen. Diese verfluchten Frauen waren unerträglich, wenn es darum ging, sie wie eine Glasvase zu behandeln, die schon zerbrach, wenn man mit dem Knöchel dagegenklopfte. Und jetzt würden sie noch schlimmer sein. Und sie würde es erdulden müssen.

»Ich hätte dich davon abgehalten«, murmelte Aviendha und rieb sich die Hüfte, »aber das blöde Pferd hat mich abgeworfen.« Das war bei einem so sanften Tier ziemlich unwahrscheinlich. Aviendha hatte es einfach geschafft herunterzufallen. Sie erkannte die Situation, schob das Messer schnell zurück in die Scheide und versuchte so zu tun, als hätte sie es nie gezogen. Auch das Licht Saidars verschwand.

»Ich war nicht in Gefahr.« Elayne versuchte ziemlich erfolglos, den giftigen Unterton aus ihrer Stimme herauszuhalten.

»Min sagt, ich werde meine Kinder zur Welt bringen, Schwester. Bis zu ihrer Geburt kann mir nichts geschehen.«

Aviendha nickte langsam und nachdenklich, aber Birgitte knurrte: »Mir wäre es lieber, du würdest ihre Vision nicht auf die Probe stellen. Geh zu viele Risiken ein, und du könntest sie als Lügnerin bloßstellen.« Das war albern. Min irrte sich nie. Ganz bestimmt nicht.