»Euer Name? Wie viele Männer habt Ihr mitgebracht? Und von wo?« Durch die kleinere Öffnung war eine Reihe von Reitern zu sehen, die zwischen hohen Bäumen aus der Sicht verschwand. Wann immer ein Paar durch das Tor hindurchritt, erschien am anderen Ende der Reihe ein neues. Elayne hätte nicht geglaubt, dass es noch so viele Gardisten gab.
»Charlz Guybon, meine Königin«, erwiderte er, ließ sich auf ein Knie sinken und drückte die Hand im Panzerhandschuh auf die Steinfliesen. »Hauptmann Kindlin in Aringill gab mir die Erlaubnis zu dem Versuch, Caemlyn zu erreichen. Das war, nachdem wir erfuhren, dass Lady Naean und die anderen entkommen waren.«
Elayne lachte. »Steht auf, Mann, steht auf. Noch bin ich keine Königin.« Aringill? Dort waren nie so viele Gardisten stationiert gewesen.
»Wie Ihr wünscht, meine Lady«, sagte er, kam auf die Füße und machte eine Verbeugung, wie sie für die Tochter-Erbin eher angemessen war.
»Können wir darüber drinnen weitersprechen?«, fragte Birgitte gereizt. Guybon betrachtete ihren Mantel mit den goldenen Ärmelstreifen und den Rangknoten und entbot ihr einen Salut, den sie mit einem flüchtig über die Brust gelegten Arm erwiderte. Falls er überrascht war, eine Frau als Generalhauptmann zu sehen, war er klug genug, es sich nicht anmerken zu lassen. »Ich bin bis auf die Haut durchnässt, und du auch, Elayne.« Aviendha befand sich direkt hinter ihr. Sie hatte sich das Schultertuch um den Kopf gewunden und schien jetzt nicht mehr so begeistert vom Regen sein, wo ihr die weiße Bluse am Körper klebte und sich die dunklen Röcke mit Wasser vollgesogen hatten. Die Gardistinnen führten ihre Pferde auf einen der Ställe zu — mit Ausnahme der acht Frauen, die bei Elayne bleiben würden, bis ihre Ablösung eintraf. Guybon enthielt sich auch jeden Kommentars über sie. Ein sehr kluger Mann.
Elayne gestattete, bis zu der schlichten Kolonnade gedrängt zu werden, die Zugang zum Palast bot. Sogar hier umringten die Gardistinnen sie, vier vor ihr und vier hinter ihr, sodass sie sich wie eine Gefangene vorkam. Doch sobald sie aus dem Regen heraus war, spielte sie nicht länger mit. Sie wollte es wissen. Sie versuchte erneut, Saidar zu umarmen — mit der Macht war es eine Kleinigkeit, die Feuchtigkeit aus ihrer Kleidung zu entfernen —, aber die Quelle entschlüpfte ihr wieder. Aviendha kannte das Gewebe nicht, also mussten sie dort stehen und alles voll tropfen. Die schmucklosen Eisenkandelaber an den Wänden waren noch nicht entzündet, und durch den Regen war alles in ein Halbdunkel getaucht. Guybon kämmte sein Haar mit den Fingern halbwegs zurecht. Beim Licht, er war fast ein perfekter Mann! Seine haselnussbraunen Augen mit dem Grünton blickten müde, aber sein Gesicht schien zum Lächeln gemacht zu sein. Er sah nur aus, als hätte er zu lange nicht mehr gelächelt.
»Hauptmann Kindlin sagte, ich könnte versuchen, Männer aufzuspüren, die Gaebril entlassen hatte, meine Lady, und sie kamen herbeigeströmt, sobald ich es bekannt gab. Ihr wärt überrascht, wie viele ihre Uniformen für den Tag in eine Truhe gepackt hatten, an dem sie wieder gebraucht wurden. Und viele haben auch ihre Rüstung mitgenommen, was sie eigentlich nicht hätten tun dürfen, aber ich bin froh, dass sie es getan haben. Als ich von der Belagerung hörte, hatte ich schon die Befürchtung, zu lange gewartet zu haben.
Ich zog gerade in Betracht, mir den Weg zu einem der Stadttore freizukämpfen, als Frau Zigane und die anderen mich fanden.« Ein verwirrter Ausdruck trat in sein Gesicht. »Sie war sehr zornig, als ich sie Aes Sedai nannte, aber uns kann doch nur die Eine Macht hergebracht haben.«
»Das war es, und sie ist keine«, sagte Elayne ungeduldig.
»Wie viele, Mann?«
»Viertausendsiebenhundertzweiundsechzig Gardisten, meine Lady. Und ich bin einigen Lords und Ladys begegnet, die versuchen, Caemlyn mit ihren Waffenmännern zu erreichen. Keine Angst. Ich habe mich vergewissert, dass sie loyal zu Euch stehen, bevor ich zuließ, dass sie sich mir anschließen. Es ist keines der großen Häuser dabei, aber zusammen mit ihnen sind es fast zehntausend, meine Lady.« Er sagte es, als wäre das völlig unerheblich. In dem Stall stehen vierzig Pferde, die man reiten kann. Ich habe Euch zehntausend Soldaten gebracht.
Elayne lachte und klatschte entzückt in die Hände. »Wunderbar, Hauptmann Guybon! Wunderbar!« Arymilla war ihr noch immer überlegen, aber nicht mehr ganz so drastisch wie zuvor.
»Gardeleutnant, meine Lady. Ich bin Gardeleutnant.«
»Von diesem Augenblick an seid Ihr Hauptmann Guybon.«
»Und mein Stellvertreter«, fügte Birgitte hinzu, »jedenfalls für den Augenblick. Ihr habt Initiative bewiesen, Ihr seid alt genug, um Erfahrung zu haben, und ich brauche beides.«
Guybon schien überwältigt zu sein, er verbeugte sich und murmelte Dankesbezeugungen. Nun, ein Mann in seinem Alter musste für gewöhnlich noch zehn oder fünfzehn Jahre dienen, bevor man ihn für den Hauptmannsrang in Betracht zog, geschweige denn als Stellvertreter des Generalhauptmanns, ganz egal für wie kurze Zeit auch immer.
»Und jetzt wird es höchste Zeit, dass wir etwas Trockenes anziehen«, fuhr Birgitte fort. »Vor allem du, Elayne.« Der Behüterbund übermittelte eine unerschütterliche Entschlossenheit, die ahnen ließ, dass sie Elayne nötigenfalls auch einfach wegtragen würde, falls diese sich sträubte.
Elaynes Temperament flammte heiß und wütend hoch, aber sie bezwang es. Sie hatte die Zahl ihrer Soldaten beinahe verdoppelt, und sie würde sich diesen Tag durch nichts verderben lassen. Außerdem wollte auch sie etwas Trockenes anziehen.
14
Feuchte Angelegenheiten
Die vergoldeten Kandelaber im Inneren waren entzündet, da das Tageslicht nie so weit in den Palast vordrang. Die Flammen flackerten in den Lampen, die keine Glasschirme aufwiesen. Ihre Spiegel sorgten für gutes Licht in den betriebsamen Korridoren, und betriebsam waren sie in der Tat, da livrierte Diener in alle Richtungen eilten oder mit Putzen beschäftigt waren. Diener mit dem Weißen Löwen auf der linken Brusthälfte ihrer roten Mäntel standen oben auf hohen Leitern und nahmen die Winterwandbehänge ab, auf denen hauptsächlich Blumen und Sommerbilder zu sehen waren. Dafür hängten sie die Frühlingswandbehänge auf, von denen viele bunte Herbstszenen zeigten. Es war Brauch, stets die Wandbehänge aufzuhängen, die die übernächste Jahreszeit zeigten, um etwas Erleichterung von der Kälte des Winters oder der Hitze des Sommers zu bringen, um daran zu erinnern, dass die Äste der Bäume zwar das neue Wachstum des Frühlings trugen, sie aber alle Blätter wieder verlieren und der Schnee erneut kommen würde, um daran zu erinnern, dass selbst wenn die Blätter fallen und die Tage länger werden und die Schneeflocken fallen würden, es danach einen Frühling geben würde. Es fanden sich unter ihnen nur wenige Schlachtenbilder, die besondere Tage von Andors Ruhm zeigten, aber Elayne betrachtete sie mit genauso wenig Begeisterung, wie sie es schon als Kind getan hatte. Aber auch sie hatten ihren Platz, zur Erinnerung, was eine Schlacht wirklich bedeutete. Der Unterschied, wie ein Kind die Dinge betrachtete und eine Frau. Ruhm wurde immer mit Blut erkauft. Und abgesehen vom Ruhm wurden auch notwendige Dinge oftmals mit Schlachten und Blut bezahlt.
Es gab zu wenig Diener, um diese Aufgaben in einer entsprechenden Zeit zu erledigen, davon abgesehen waren einige von ihnen weißhaarige Ruheständler mit gebeugten Rücken, die sich ohnehin nur selten schnell genug bewegten. Aber so langsam sie auch sein mochten, war Elayne dennoch froh, dass sie freiwillig zurückgekehrt waren, um die neu Eingestellten auszubilden und die Lücken zu füllen, die jene hinterlassen hatten, die während Gaebrils Herrschaft oder Rands Eroberung aus Caemlyn geflohen waren. Sonst hätte der Palast schon vor langer Zeit wie ein Stall ausgesehen. Ein dreckiger Stall. Wenigstens waren die Winterbodenbeläge von den Böden verschwunden. Sie hinterließ eine feuchte Spur auf den rotweißen Fliesen, und dank des ständigen Frühlingsregens hätten die Beläge schon vor dem Abend Schimmel angesetzt.