»Ich bin auf dem Weg…«, begann Elayne, aber Chanelle unterbrach sie herrisch.
»Was habt Ihr Neues von Talaan gehört? Und von Merilille? Versucht Ihr überhaupt, sie zu finden?«
Elayne holte tief Luft. Chanelle anzubrüllen brachte nie etwas. Die Frau brüllte gern zurück und war nur selten Vernunftgründen zugänglich. Sie würde sich nicht auf einen weiteren Brüllwettbewerb einlassen. Diener, die an beiden Seiten vorbeihuschten, blieben nicht für Ehrenbezeugungen stehen — sie konnten die Stimmung hier spüren —, aber sie warfen den Meervolkfrauen finstere Blicke zu. Das war erfreulich, auch wenn es das nicht hätte sein sollen. So sehr sie einem auch auf die Nerven gehen konnten, die Windsucherinnen waren Gäste. Jedenfalls gewissermaßen, Abkommen oder nicht. Chanelle hatte sich mehr als einmal über langsame Diener und lauwarmes Badewasser beschwert. Und auch das war erfreulich. Aber sie würde ihre Höflichkeit und ihre Würde bewahren.
»Es sind dieselben Neuigkeiten wie gestern«, erwiderte sie in beschwichtigendem Tonfall. Nun gut, sie bemühte sich, beschwichtigend zu klingen. Falls es Untertöne von Schärfe gab, dann würde die Windsucherin eben damit leben müssen.
»Dieselben wie vorige Woche und die Woche zuvor. Man hat in jedem Gasthaus in Caemlyn Erkundigungen eingezogen. Euer Lehrling ist nicht zu finden. Merilille ist nicht zu finden. Es muss ihnen gelungen sein, die Stadt zu verlassen.« Man hatte die Torwachen aufgefordert, nach Meervolkfrauen mit tätowierten Händen Ausschau zu halten, aber sie hätten nicht versucht, eine Aes Sedai davon abzuhalten, die Stadt zu verlassen. Oder jemanden, der sich in ihrer Begleitung befand. Und die Söldner würden jeden durchlassen, der mit ein paar Münzen klimperte. »Und wenn Ihr mich jetzt entschuldigen würdet, ich bin auf dem Weg…«
»Das reicht nicht.« Chanelles Stimme war hitzig genug, um Leder zu versengen. »Ihr Aes Sedai haltet so fest zusammen wie Austern. Merilille hat Talaan entführt, und ich glaube, Ihr versteckt sie. Wir werden nach ihnen suchen, und ich versichere Euch, wenn wir sie finden, wird Merilille schlimm bestraft werden, bevor sie zu den Schiffen geschickt wird, um ihren Teil des Abkommens zu erfüllen.«
»Ihr scheint Euch zu vergessen«, sagte Birgitte. Ihr Tonfall war sanft, ihr Gesicht ganz ruhig, aber der Bund zitterte vor Wut. Sie hatte den Bogenstab vor sich aufgepflanzt und hielt ihn mit beiden Händen fest, als wollte sie vermeiden, sie zu Fäusten zu ballen. »Ihr werdet Eure Anschuldigungen zurücknehmen, oder Ihr werdet es bereuen.« Vielleicht hatte sie sich doch nicht so gut unter Kontrolle, wie es den Anschein hatte.
So konnte man mit den Windsucherinnen nicht umgehen. Bei ihrem Volk waren sie Frauen mit großer Macht und daran gewöhnt, sie auch zu benutzen. Aber Birgitte zögerte nicht.
»Dem Abkommen mit Zaida zufolge steht Ihr unter Lady Elaynes Befehl. Ihr steht unter meinem Befehl. Ihr werdet dann suchen, wenn ihr nicht gebraucht werdet. Und wenn mich meine Erinnerung nicht böse trügt, solltet Ihr im Moment in Tear sein, um Wagen mit Getreide und eingesalzenem Rindfleisch zu holen. Ich schlage Euch dringend vor, Ihr Reist sofort dorthin, oder Ihr könntet selbst etwas über Bestrafungen erfahren.« Oh, das war genau die falsche Methode bei den Windsucherinnen.
»Nein«, sagte Elayne genauso hitzig wie Chanelle und überraschte sich selbst. »Sucht, wenn Ihr wollt, Chanelle, Ihr und alle Windsucherinnen. Durchsucht Caemlyn von einem Ende zum anderen. Und wenn Ihr Talaan oder Merilille nicht finden könnt, werdet Ihr Euch dafür entschuldigen, mich als Lügnerin bezichtigt zu haben.« Nun, das hatte sie getan. Jedenfalls so gut wie. Elayne verspürte das heftige Verlangen, sie zu ohrfeigen. Sie wollte… Beim Licht, ihre Wut und Birgittes schaukelten sich gegenseitig hoch! Hektisch versuchte sie, ihren Zorn zu unterdrücken, bevor er aus ihr herausbrach, aber das resultierte bloß in dem plötzlichen Verlangen, so heftig zu weinen, wie sie hatte kämpfen wollen.
Chanelle plusterte sich auf. »Ihr würdet behaupten, wir hätten das Abkommen nicht erfüllt. Wir haben den ganzen vergangenen Monat wie Bilgemädchen geschuftet und mehr. Ihr werdet uns nicht los, ohne Euren Teil zu erfüllen. Renaile, man muss von Aes Sedai im Silbernen Schwan verlangen — es verlangen, verstanden! —, dass man uns Merilille und Talaan übergibt oder das zahlt, was die Weiße Burg für sie schuldet. Sie können nicht für alle bezahlen, aber sie können einen Anfang machen.«
Renaile machte Anstalten, den silbernen Verschluss des Tintenfässchens aufzuschrauben.
»Kein Brief«, fauchte Chanelle. »Geht hin und sagt es ihnen persönlich. Auf der Stelle.«
Renaile schraubte das Fässchen wieder zu, verbeugte sich beinahe parallel zum Boden und berührte schnell das Herz mit den Fingerspitzen. »Wie Ihr befehlt«, murmelte sie, das Gesicht eine dunkle Maske. Sie zögerte keine Sekunde, lief den Weg zurück, den sie gekommen war, den Schreibkasten unter den Arm geklemmt.
Elayne kämpfte noch immer gegen den Drang an, Chanelle gleichzeitig zu schlagen und zu weinen. Es war nicht das erste Mal, dass das Meervolk in den Silbernen Schwan gegangen war, nicht einmal das zweite oder dritte Mal, aber zuvor waren sie immer hingegangen, um zu bitten, und nicht, um zu fordern. Im Augenblick befanden sich neun Schwestern in dem Gasthaus — die Zahl änderte sich, Schwestern kamen und gingen, und Gerüchten zufolge waren noch andere Aes Sedai in der Stadt —, und es beunruhigte sie, dass keine von ihnen den Palast besucht hatte. Sie hatte sich vom Gasthaus fern gehalten, denn sie wusste, wie gern Elaida sie in die Finger bekommen wollte, aber sie wusste nicht, auf wessen Seite die Schwestern dort standen; sie hatten sich bei Sareitha und Careane ausgeschwiegen. Aber sie hatte erwartet, dass wenigstens ein paar von ihnen in den Palast kamen, und sei es nur, um zu erfahren, was an den Behauptungen des Meervolks dran war. Warum befanden sich so viele Aes Sedai in Caemlyn, wo doch Tar Valon belagert wurde? Die erste Antwort, die ihr dazu einfiel, war, dass es um sie ging, und das verstärkte nur ihre Entschlossenheit, jeder Schwester aus dem Weg zu gehen, von der sie nicht persönlich überzeugt war, dass sie Egwene unterstützte. Aber das würde nicht verhindern, dass sich die Kunde von dem Abkommen, das sie für die Benutzung der Schale der Winde geschlossen hatten, verbreitete, wie auch von dem Preis, den die Weiße Burg für diese Hilfe zahlen musste. Sollte man sie zu Asche verbrennen, aber wenn sich diese Neuigkeit unter den Aes Sedai verbreitete, würde das eine verdammte Wagenladung Feuerwerk sein, das gleichzeitig explodierte. Schlimmer noch. Zehn Wagenladungen.
Sie sah Renaile nach und kämpfte darum, ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen. Und ihre Stimme, damit sie wenigstens annährend höflich klang. »Sie geht mit der Veränderung sehr gut um, finde ich.«
Chanelle schnaubte verächtlich. »Das sollte sie auch. Jede Windsucherin weiß, dass sie viele Male aufsteigen und fallen wird, bevor man ihren Körper wieder dem Salz übergibt.« Sie drehte sich um, um der anderen Frau nachzusehen, und ein Hauch von Bosheit trat in ihre Stimme. Sie schien zu sich selbst zu sprechen. »Sie ist aus größerer Höhe gestürzt als so manch anderer, und es hätte sie nicht überraschen dürfen, dass ihre Landung so hart war, wo sie doch auf so viele Finger getreten ist…« Sie schloss ruckartig den Mund und riss den Kopf herum, um Elayne, Birgitte, Aviendha, Reene, ja, selbst die Gardistinnen herausfordernd anzuschauen, ob sie es wagten, das zu kommentieren.