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Elayne sagte klugerweise kein Wort, und das galt auch für die anderen, wofür sie dem Licht dankte. Sie glaubte, ihre Stimmung besänftigt, das Verlangen zu weinen unterdrückt zu haben, und sie wollte nichts sagen, das Chanelle möglicherweise veranlasste, herumzubrüllen und ihre ganze Mühe zunichte zu machen. Davon abgesehen fiel ihr auch nichts ein, was sie nach dem gerade Gehörten hätte sagen sollen. Sie bezweifelte, dass es bei den Atha’an Miere Brauch war, sich an jemandem zu rächen, von dem man glaubte, dass er seine höhere Position missbraucht hatte. Aber es war sehr menschlich.

Die Windsucherin musterte sie stirnrunzelnd von oben bis unten. »Ihr seid nass«, sagte sie dann, als wäre es ihr jetzt erst aufgefallen. »In Eurem Zustand ist es sehr schlecht, zu lange nass zu sein. Ihr solltet Euch sofort umziehen.«

Elayne warf den Kopf zurück und schrie, so laut sie konnte, einen Aufschrei purer Empörung und Wut. Sie schrie, bis ihre Lungen leer waren und sie keuchen musste.

In der nachfolgenden Stille starrte sie jeder erstaunt an. Fast jeder. Aviendha musste so heftig lachen, dass sie sich gegen einen Wandbehang mit berittenen Jägern, die einen sich zu ihnen umdrehenden Leoparden stellten, stützen musste. Sie hielt sich den Leib, als täten ihr die Rippen weh. Der Bund übermittelte auch Heiterkeit — Heiterkeit! —, obwohl Birgittes Gesicht so reglos wie das einer Schwester blieb.

»Ich muss nach Tear Reisen«, sagte Chanelle nach einem Moment und drehte sich dann wortlos und ohne jede Ehrenbezeugung um. Reene und Reanne machten einen Knicks, ohne jedoch Elaynes Blick direkt zu erwidern, und murmelten etwas von wartenden Pflichten, bevor sie forteilten.

Elayne starrte nacheinander Birgitte und Aviendha an.

»Wenn eine von euch auch nur ein Wort sagt…«

Birgitte setzte einen so unschuldigen Ausdruck auf, dass er nur falsch sein konnte, und der Bund übermittelte solche Heiterkeit, dass Elayne selbst gegen ein Lachen ankämpfen musste. Aviendha lachte nur noch lauter.

Elayne raffte ihre Röcke und so viel von ihrer Würde, wie möglich war, und setzte sich in Richtung ihrer Gemächer in Bewegung. Falls sie dabei schneller als zuvor ausschritt, nun, sie wollte aus den nassen Sachen raus. Das war der einzige Grund. Der einzige Grund.

15

Eine andere Fähigkeit

Zu Elaynes Wut, einer stillen, brodelnden Wut, die sie die Zähne zusammenbeißen ließ, verirrte sie sich auf dem Weg zu ihren Gemächern. Es waren ihre Räume gewesen, seit sie die Kinderstube verlassen hatte, und doch bog sie zweimal ab, nur um zu merken, dass der Weg nicht dorthin führte, wo sie hinwollte. Eine geschwungene, mit Marmorgeländer versehene Treppe brachte sie in die völlig falsche Richtung. Verflucht, ein Kind zu bekommen verwirrte ihre Sinne vollständig! Durch den Bund kam Verblüffung und dann wachsende Sorge, als sie den Weg zurückging und eine andere Treppe benutzte. Einige der Gardistinnen murmelten unbehaglich, nicht laut genug, dass sie die Worte verstehen konnte, bis die befehlshabende Bannerträgerin, eine schlanke Saldaeanerin namens Devore Zarbayan, sie mit einem scharfen Wort zum Schweigen brachte. Selbst Aviendha fing an, sie merkwürdig anzusehen. Nun, sie würde sich nicht vorhalten lassen, sich verirrt zu haben — nicht in ihrem Palast!

»Keiner sagt was«, sagte sie grimmig. »Keiner!«, fügte sie hinzu, als Birgitte trotzdem den Mund aufmachte.

Die blonde Frau machte den Mund wieder zu und zog an ihrem dicken Zopf, beinahe so, wie Nynaeve es immer tat. Sie gab sich keine Mühe, Missbilligung aus ihrem Gesicht herauszuhalten, und der Bund übermittelte noch immer Verwirrung und Sorge. Es reichte, dass Elayne selbst anfing, sich Sorgen zu machen. Sie hatte ihre Mühe, das abzuschütteln, bevor sie anfing, sich händeringend zu entschuldigen. So stark waren die Eindrücke.

»Wenn ich etwas sagen darf, ich glaube, ich versuche, meine Gemächer zu finden«, sagte Birgitte angespannt. »Ich will wieder trocken werden, bevor ich meine Stiefel durchlaufe. Wir müssen nachher darüber sprechen. Ich fürchte, da ist nichts mehr zu ändern, aber…« Mit einem steifen, fast unmerklichen Nicken stolzierte sie davon und ließ den Bogenstab von Seite zu Seite durch die Luft pfeifen.

Beinahe hätte Elayne sie zurückgerufen. Sie wollte es. Aber Birgitte brauchte genauso dringend trockene Kleidung wie sie selbst. Davon abgesehen war ihre Stimmung jetzt auf mürrisch und stur umgeschwenkt. Sie würde nicht darüber sprechen, sich in Korridoren verirrt zu haben, in denen sie aufgewachsen war, nicht jetzt und auch nicht später. Nichts mehr zu ändern? Was sollte das denn bedeuten? Falls Birgitte andeuten wollte, dass ihre Sinne zu benebelt waren, um wieder in die richtigen Bahnen gelenkt werden zu können…! Sie biss erneut die Zähne zusammen.

Endlich, nach einer weiteren unerwarteten Biegung, stieß sie auf die hohen, mit Löwenreliefs verzierten Türen ihrer Gemächer und stieß einen kleinen Seufzer der Erleichterung aus. Langsam hatte sie schon geglaubt, dass ihre Erinnerungen an den Palast wirklich völlig durcheinander waren. Zwei Gardistinnen, prächtig anzuschauen mit den breitkrempigen Hüten mit weißem Helmbusch und den spitzengesäumten Schärpen mit aufgestickten weißen Löwen, die sich quer über die polierten Harnische zogen, sowie noch mehr Spitzenbesatz an Ärmeln und Hals, nahmen Haltung an, als sie herankam. Sie plante, sie mit rot lackierten Harnischen auszustatten, die zu ihren Seidenmänteln und Hosen passten, sobald sie Zeit hatte, sich damit zu befassen. Falls sie so hübsch aussahen, dass jeder Angreifer sie nicht ernst nahm, bis es zu spät war, würde sie sie richtiggehend ausstaffieren. Die Gardistinnen schien es nicht zu stören. Tatsächlich waren sie schon sehr auf die lackierten Harnische gespannt.

Sie hatte zufällig gehört, dass einige sich verächtlich über die Gardistinnen geäußert hatten — in der Hauptsache Frauen, aber auch Doilin Mellar, ihr eigener Kommandant —, doch sie hatte volles Vertrauen in ihre Fähigkeiten, sie zu beschützen. Sie waren mutig und entschlossen, oder sie wären nicht hier gewesen. Yurith Azeri und andere, die Kaufmannswachen gewesen waren, ein seltenes Handwerk für Frauen, gaben täglich Schwertunterricht, und auch ein paar der Behüter gaben noch zusätzlich jeden Tag eine zweite Unterrichtsstunde. Sareithas Ned Yarman und Vandenes Jaem äußerten sich sehr anerkennend darüber, wie schnell sie lernten. Jaem sagte, es läge daran, dass sie nicht zu wissen glaubten, wie man mit einer Klinge umgehen müsste, was albern klang. Wie konnte man glauben, dass man etwas bereits wusste, wenn man Unterricht darin brauchte?

Trotz der bereits postierten Wächterinnen winkte Devore zwei von ihrer Eskorte herbei, und sie zogen die Schwerter und gingen hinein, während Elayne mit Aviendha und dem Rest im Korridor wartete und ungeduldig mit dem Fuß auftippte. Jeder vermied es, sie anzusehen. Die Suche war keine Herabsetzung der Frauen, die die Tür bewachten — Elayne hielt es für möglich, dass jemand die Palastwand hochkletterte; es gab genügend Verzierungen, die als Haltegriffe dienen konnten —, aber es ärgerte sie, dass sie warten musste. Sie und Aviendha durften erst eintreten, nachdem die Frauen wieder herausgekommen und Devore Bericht erstattet hatten, dass in den Gemächern keine Attentäter lauerten und auch keine Aes Sedai darauf warteten, Elayne zurück zu Elaida und der Burg zu verschleppen. Die Gardistinnen nahmen zu beiden Seiten der Tür neben den anderen Aufstellung. Elayne war sich nicht sicher, ob sie sie davon abgehalten hätten, schon vorher einzutreten, aber bis jetzt hatte sie es nicht darauf ankommen lassen wollen. Von der eigenen Leibwache festgehalten zu werden wäre einfach unerträglich gewesen, und dabei spielte es keine Rolle, dass sie nur ihre Arbeit taten. Es war besser, es nicht herauszufinden.