Выбрать главу

In dem weißen Marmorkamin des Vorzimmers brannte ein kleines Feuer, aber es schien nur wenig Wärme zu spenden. Man hatte die Teppiche wegen des Frühlings entfernt, und die Bodenfliesen fühlten sich kalt unter ihren Stiefelsohlen an, so dick sie auch sein mochten. Essande, ihre Kammerzofe, breitete die grauen, rot gesäumten Röcke mit für ihr Alter überraschender Anmut aus, auch wenn die gertenschlanke, weißhaarige Frau unter Gelenkschmerzen litt, die sie verdrängte und auch nicht Heilen lassen wollte. Sie hätte sich genauso vehement gegen den Vorschlag gewehrt, wieder in den Ruhestand zurückzukehren. Elaynes Goldene Lilie war stolz auf der Kleiderbrust aufgenäht und wurde stolz getragen. Die beiden jüngeren Frauen einen Schritt hinter ihr trugen ähnliche Livreen, aber mit kleineren Lilien; es waren Sephanie und Naris, stämmige Geschwister mit kantigen Gesichtern. Noch immer schüchtern, wenn auch gut von Essande ausgebildet, machten sie tiefe Knickse, bei denen sie sich fast auf den Boden setzten.

So zerbrechlich und langsam Essande auch in ihren Bewegungen sein mochte, sie verschwendete nie Zeit mit belanglosem Geplauder oder damit, das Offensichtliche festzustellen. Es gab keine Klagen, wie nass Elayne und Aviendha doch waren, obwohl die Gardistinnen es ihr zweifellos gesagt hatten. »Wir sorgen dafür, dass Ihr warm und trocken werdet, meine Lady, und dann etwas Passendes für das Treffen mit den Söldnern heraussuchen. Das rote Seidengewand mit Feuertropfen am Hals sollte sie ausreichend beeindrucken. Eure Essenszeit ist auch schon lange vorbei. Spart Euch die Mühe, mir zu sagen, dass Ihr gegessen habt, meine Lady. Naris, hol für die Lady Elayne und die Lady Aviendha etwas zu essen aus der Küche.« Aviendha gab ein schnaubendes Lachen von sich, aber sie hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich gegen die Anrede Lady zu wehren. Was vernünftig war, denn sie würde Essande niemals davon abhalten. Bei Dienern gab es Dinge, die man anordnete und Dinge, über die man einfach hinwegsehen musste.

Naris zog eine Grimasse und holte aus irgendeinem Grund tief Luft, machte aber einen weiteren tiefen Knicks, der diesmal Essande galt, und einen etwas tieferen für Elayne — sie und ihre Schwester hatten vor der älteren Frau genauso viel Ehrfurcht wie vor der Tochter-Erbin von Andor —, bevor sie die Röcke raffte und hinaus in den Korridor eilte.

Auch Elayne verzog das Gesicht. Offensichtlich hatten die Gardistinnen Essande auch über die Söldner informiert. Und dass sie nicht gegessen hatte. Sie hasste es, wenn die Leute hinter ihrem Rücken über sie redeten. Aber wie viel davon lag an ihren Stimmungsschwankungen? Sie konnte sich nicht daran erinnern, sich früher darüber geärgert zu haben, wenn eine Dienerin im Voraus wusste, welches Kleid sie herauslegen sollte oder wenn jemand wusste, dass sie hungrig war und eine Mahlzeit kommen ließ, ohne darum gebeten worden zu sein. Diener unterhielten sich — das hieß, sie klatschten ununterbrochen, das war so —, und wenn sie gut in ihrer Arbeit waren, gaben sie alles weiter, was dabei half, ihrer Herrin besser zu dienen. Essande war sehr gut in ihrer Arbeit. Trotzdem störte es Elayne, und es störte sie noch mehr, weil sie sich bewusst war, dass das irrational war.

Sie ließ zu, dass Essande sie und Aviendha in das Ankleidezimmer führte. Sephanie schloss sich ihnen an. Mittlerweile fühlte sie sich richtig elend, sie war nass und zitterte, sie war wütend auf Birgitte, weil sie so einfach davongestürmt war, sie verspürte Angst, weil sie sich in dem Palast verirrt hatte, in dem sie aufgewachsen war, es störte sie, dass ihre Leibwächterinnen über sie klatschten. In Wahrheit fühlte sie sich absolut fürchterlich.

Aber Essande hatte sie schnell von den nassen Sachen befreit und in ein großes weißes Handtuch gewickelt, das vor dem großen Marmorkamin am anderen Ende des Raums auf einer Wärmestange gehangen hatte. Das hatte eine beruhigende Wirkung. Dieses Feuer war nicht so klein, und in dem Zimmer schien es fast schon zu heiß zu sein, eine willkommene Hitze, die in die Haut eindrang und das Zittern vertrieb. Essande rieb Elaynes Haar mit dem Handtuch trocken, während Sephanie das Gleiche bei Aviendha tat, was die Aiel noch immer verdross, obwohl es bei weitem nicht das erste Mal war. Sie und Elayne bürsteten sich oft abends gegenseitig das Haar, aber diesen einfachen Dienst von einer Zofe erledigen zu lassen trieb Farbe in Aviendhas sonnengebräunte Wangen.

Als Sephanie einen der Schränke an der Wand öffnete, seufzte Aviendha tief. Sie hielt ein Handtuch lose um ihren Körper — es war zwar peinlich, sich von einer anderen Frau das Haar trocknen zu lassen, aber fast nackt zu sein war in Ordnung —, und ein weiteres, kleineres, war um ihren Kopf gewickelt. »Elayne, findest du, ich sollte Feuchtländerkleidung tragen, da wir doch zu diesen Söldnern gehen?«, fragte sie mit zögerndem Tonfall. Essande lächelte. Sie genoss es, Aviendha in Seide zu kleiden.

Elayne unterdrückte selbst ein Lächeln, was nicht einfach war, da sie selbst gern gelacht hätte. Ihre Schwester tat so, als würde sie Seide verabscheuen, aber sie ließ selten eine Gelegenheit aus, sie zu tragen. »Wenn du dich überwinden kannst, Aviendha«, sagte sie ernst und richtete sorgfältig ihr Handtuch. Essande sah sie jeden Tag nackt, und Sephanie auch, aber es schickte sich nicht, so etwas grundlos zu tun.

»Wir sollten sie beide beeindrucken, das erzielt den größten Erfolg. Es stört dich doch nicht zu sehr, oder?«

Aber Aviendha stand bereits am Kleiderschrank, und ihr Handtuch klaffte sorglos weit offen, während sie mehrere Kleider berührte. In einem anderen Schrank hingen mehrere Garnituren Aiel-Kleidung, aber Tylin hatte ihnen vor ihrem Aufbruch aus Ebou Dar Truhen mit aufwändig geschneiderten Seiden- und Wollkleidern mitgegeben, fast genug, um beinahe ein Viertel der Kleiderschränke zu füllen.

Nach der kurzen Heiterkeit fühlte sich Elayne nicht länger, als müsste sie sich wegen allem streiten, also ließ sie sich ohne Widerrede von Essande in ein Kleid aus roter Seide stecken, auf dessen hohen Kragen Feuertropfen in der Größe von Fingergliedern aufgenäht waren. Dieses Kleid würde beeindrucken, da gab es keinen Zweifel, und man brauchte auch keinen weiteren Schmuck, obwohl der Große Schlangenring an ihrer rechten Hand ohnehin jeden Schmuck ersetzte. Die weißhaarige Dienerin hatte einen sanften Griff, aber trotzdem zuckte Elayne zusammen, als sie hinten die Reihen winziger Knöpfe schloss, wodurch sich das Oberteil um ihre empfindlichen Brüste spannte. Die Meinungen waren geteilt, wie lange das andauern würde, aber alle waren sich einig, dass sie mit noch mehr Schwellung rechnen musste.

Oh, wie sehr wünschte sie sich doch, Rand wäre nahe genug, um die vollen Auswirkungen durch ihren Bund zu teilen. Das würde ihn lehren, ihr so ohne weiteres ein Kind zu machen. Natürlich hätte sie den Herzblatttee trinken können, bevor sie sich ihm hingegeben hatte… Sie verdrängte den Gedanken energisch. Das alles war nur Rands Schuld, und damit Schluss.

Aviendha wählte Blau, wie sie es oft tat, mit Reihen winziger Perlen am Ausschnitt. Die Seide war nicht so tief ausgeschnitten, wie es in Ebou Dar Mode war, aber sie zeigte dennoch etwas Dekollete; nur wenige Kleider aus Ebou Dar taten das nicht. Als Sephanie anfing, die Knöpfe zu schließen, tätschelte Aviendha etwas, das sie aus ihrer Gürteltasche geholt hatte, einen kleinen Dolch mit einem Hirschhorngriff, der mit Golddraht umwickelt war. Er diente auch als Ter’angreal, allerdings hatte Elayne vor dem Beginn ihrer Schwangerschaft — die solche Studien unterbrochen hatte — nicht herausfinden können, was genau man damit machen konnte.

»Warum fasziniert dich das Ding nur so?«, fragte Elayne. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihre Schwester so von diesem Messer fasziniert sah.

Aviendha zuckte zusammen und blinzelte den Dolch in ihren Händen an. Die Eisenklinge — zumindest sah sie wie Eisen aus und fühlte sich auch beinahe so an — war niemals geschärft worden, soweit Elayne das wusste, und sie war etwas länger als ihre Handfläche, wenn auch ziemlich breit. Selbst die Spitze war zu stumpf, um damit zustechen zu können. »Ich wollte ihn dir geben, aber du hast nie ein Wort darüber verloren, also glaubte ich, ich würde mich vielleicht irren, und dann hätten wir alle gedacht, du wärst sicher, jedenfalls vor einigen Gefahren, obwohl das nicht der Fall ist. Also entschied ich, ihn zu behalten. Wenn ich Recht habe, hätte ich so wenigstens dich beschützen können, und wenn ich mich täusche, macht es auch keinen Unterschied.«